Hello, world!

Autor: Heinrich Bessler
Zuerst erschienen in UNICORN, Zeitschrift für Magie und Mythos, Heft 1, 1982 - hier mit frdl. Genehmigung des Autors.

Das magische Weltbild der Astrologie

Zweiter Teil

 

Im ersten Teil dieses Beitrags wurde die sogenannte Einflußtheorie einer kritischen Prüfung unterzogen, also jene astrologische Lehrmeinung, wonach die Planeten und Tierkreiszeichen durch ihre Strahlen oder Kraftfelder, also auf rein physikalische Weise, Einfluß auf die Welt und die Menschen nehmen sollen, und das im Sinne eines astrologischen Regelwerks. Wirklich existierende Einflüsse, wie sie etwa mit den Mondphasen oder den Sonnenfleckenperioden zusammenhängen, fallen in den Bereich der wissenschaftlichen Disziplin Kosmobiologie. Ihre Wirkung ist genereller Art und hat mit der Astrologie und ihrer Symboldeutung nichts zu tun.

Zu den wichtigsten Einwänden gegen eine solche Einflußtheorie gehört einmal die Feststellung, daß der Mensch schon vor seiner Geburt mit all seinen Anlagen, die zum Teil auch schicksalsbestimmend sind, ausgestattet ist. Die Strahlen, die ihn im Geburtsaugenblick treffen, sind dabei ohne Belang. Auch wurde klargestellt, daß die Aspekte und Halbdistanzen ja nicht am Himmel gemessen werden, sondern auf der Ekliptik. Die wahren Aspekte, Winkel von Planet zu Planet geozentrisch gesehen, werden durch diese Projektion verzerrt. Auch wurde unter anderem darauf hingewiesen, daß die üblichen Prognosemethoden auf der Relation 1 Tag = 1 Jahr beruhen. Analogien dieser Art widersprechen grundsätzlich jeder naturwissenschaftlichen Methodik. Es wurde auch ausführlich dargestellt, daß die wichtigsten Ereignisse, die einen Menschen betreffen, wie Todesfälle nahestehender Personen, Glücksfälle oder Schicksalsschläge, soweit sie von außen auf den Menschen zukommen, nicht mit Planetenstrahlen in Zusammenhang stehen können, die den Menschen selbst treffen.

Jeder Versuch, eine solche Beziehung herzustellen, führt notwendigerweise zu Analogieschlüssen, ist also vom wissenschaftlichen Standpunkt aus nicht tragbar. Daher nimmt es nicht Wunder, daß Naturwissenschaftler jeglicher Couleur, und vor allem die Astronomen, die Astrologie ablehnen und, wenn sie befragt werden, von Regression auf ein mythisch-magisches Weltbild sprechen. Wobei sie nicht einmal ganz unrecht haben. Auffällig ist jedoch der Ton, der in Diskussionen über Astrologie angeschlagen wird. Zu deutlich klingen starke Ressentiments durch, wenn Leute wie Ludwig Reiners, Joachim Herrmann oder kürzlich Hoimar von Ditfurth gegen die Astrologie angehen. Es hört sich an, als würden heilige Kühe geschlachtet. Man kann natürlich die Beschäftigung mit der Astrologie für reine Torheit halten. Doch wäre eine solche Torheit geringfügig gegenüber dem, was die Medien uns tagtäglich über die hohe Politik berichten. Der eigentliche Grund für die heftigen Reaktionen mancher Wissenschaftler liegt wohl tiefer.

Seit den Tagen der Aufklärung bis zum Antimodernisteneid, den Pius X. allen Geistlichen abforderte (1910), schien die Kluft zwischen Kirche und Wissenschaft unüberbrückbar. Jetzt ist es still darum geworden. Theologen polemisieren kaum mehr gegen Darwin und seine Deszendenzlehre, und Wissenschaftler kümmern sich wenig um die Lehrmeinung der Kirche. Dazu ein passendes Zitat von Hoimar von Ditfurth (abgedruckt in der Süddeutschen Zeitung Nr. 6/1982): "Es gibt einen faulen Frieden zwischen Naturwissenschaft und Religion. Die Höflichkeit zwischen Naturwissenschaftlern und Theologen beruht auf dem Kompromiß, daß man die wirklich strittigen Punkte ausgeklammert hat."

Nun ja, gegen den Glauben geht es nicht mehr, aus verständlichen Gründen jedenfalls, umso mehr aber gegen das, was man für Aberglauben hält. Man schlägt den Sack und meint den Esel.

Astrologie - eine Wissenschaft?

Das alles braucht die Anhänger einer recht verstandenen Astrologie nicht anzufechten. Das Problem, ob die Astrologie eine Wissenschaft sei oder nicht, wurde schon vor fünfzig Jahren eifrig diskutiert. Im Anschluß an die Veranstaltungen der Gesellschaft akademischer Astrologen in Berlin, deren Vorsitzender der bekannte Astrologe Emil Saenger war, fand sich stets ein Kreis bekannter Autoren zusammen, unter diesen der Arzt Dr. Friedrich Schwab, Prof. Verweyen, Wilhelm Becker, Heinz Noesselt, Edmund Troinski, Hanns Schwarz, u.a.m. Saenger gab seine Ansicht zu diesem Problem wie folgt wieder:
"Ich sehe jetzt die Zeit gekommen, in der Astrologie, nachdem sie lange als 'Religion' und dann als echte 'Wissenschaft' angesehen wurde - was sie beides, strenggenommen, nicht ist - den Charakter der Kunst (in jedem Sinne) zeigt und auch als solche lehrbar ist - unter Voraussetzungen, unter denen eine Kunst überhaupt gelehrt werden kann... Man sollte ein Horoskop wie ein Musikstück betrachten, das zu spielen - wie ein Porträt, das zu malen ist."

Auch der Verfasser schrieb damals, angeregt durch diese Zeilen, einen Aufsatz, der im wesentlichen auch heute noch seine Gültigkeit behalten hat. [1]

Um noch ein Zitat aus neuerer Zeit von Dr. Walter A. Koch anzuführen:
"Daraus (aus den Analogiebeziehungen zwischen Makrokosmos und Mikrokosmos) ergibt sich, daß die Astrologie keine Wissenschaft sein kann, weil sie sich nicht mit den notwendigerweise indirekten Beziehungen irdischer Erscheinungen zu himmlischen Phänomenen beschäftigt. Die Darstellung und Deutung der Beziehungen des Menschen zum All wird, auch wenn sie von wissenschaftlich vorgebildeten Fachleuten betrieben wird, wohl immer eine Kunst bleiben." [2]

Erstaunlich ist jedoch die Aversion, die nicht wenige Astrologen allem Magischen gegenüber hegen. Manche mögen glauben, damit ihre Seriosität zu betonen, und das vielleicht nur, um durch eine Hintertür doch noch in den normalen Wissenschaftsbetrieb hineinzuschlüpfen. Anderen erscheint alles Magische unkontrollierbar, irgendwie unsauber oder sogar gefährlich. Bei dem schon mehrfach zitierten Dr. Koch mag das der Fall gewesen sein, wie das auch in seinem Aufsatz "Gurdjew der Schwarzmagier" anklingt. Schwarze Magie war ihm sowieso nicht geheuer. [3]

Sachlicher sah dies Dr. Henri Birven , der auch zu dem Kreis um Emil Saenger gehörte. Er ist Verfasser zahlreicher Bücher, die vorzugsweise grenzwissenschaftliche Phänomene behandeln. Birven war überzeugt, daß alles Magische wie jedes Urphänomen oder Naturding wertneutral sei. Wir sprächen auch nicht von einer bösen Elektrizität, weil mitunter Menschen durch diese zu Schaden kommen können. Daß bei der Ausübung magischer Praktiken deren negative und lebensfeindliche Seite ein gewissses Übergewicht habe, läge nicht an der Sache, sondern an der menschlichen Unvollkommenheit. Wir können dem noch hinzufügen, daß bei allen magischen Prozeduren notwendigerweise die Primitivschichten der Psyche angesprochen werden, die keineswegs immer unseren ethischen Vorstellungen entsprechen. [4]

Jene Leute, die gewerbsmäßig Astrologie betreiben, wie etwa Madame Teissier, wozu es keiner besonderen Qualifikation bedarf, denn jeder kann sich Astrologe oder Astropsychologe nennen, versichern ihren Klienten gewöhnlich, daß ihre Tätigkeit rein wissenschaftlich sei und nichts, aber auch gar nichts mit Wahrsagerei, Hellsehen, Kartenlegen oder Kristallsehen zu tun habe.

Das ist Roßtäuscherei. Denn, wie schon oben ausgeführt, mangeln der Astrologie eben doch alle jene Kriterien, die wir jeder wirklichen Wissenschaft zuschreiben, Beachtung des Kausalnexus bei der Ableitung aller Vorgänge, Reproduzierbarkeit eines jeden Phänomens, u.a.m.

Dabei scheint es auch noch so, als haben jene, die auf diese Art argumentieren, die letzten Jahrzehnte einfach verschlafen. Zwar sind trotz aller Bemühungen der Parapsychologen die entscheidenden Probleme noch ungeklärt. Soviel darf aber als gesichert gelten: Es gibt Paragnosten, also Seher, die zukünftige Ereignisse bildhaft wahrnehmen können. Selbst das lange umstrittene Zweite Gesicht der Seher im norddeutschen Raum und im Alpenland ist nach den Erhebungen für den Atlas der deutschen Volkskunde und deren Bearbeitung durch Frau Dr. Grober-Glück [5] nicht mehr zu negieren. Räumliches Hellsehen ist angefangen mit Emanuel Swedenborg bis zu den Experimenten sowjetischer Parapsychologen wissenschaftlich unbestritten. Ebenso gibt es zahlreiche gesicherte Berichte über Hellseher, die in Trance oder Halbtrance vergangene Geschehnisse wahrnehmen können, oft in so dramatischer Form, als sähen sie den Ausschnitt eines Films. In allen diesen Fällen, sei es Präkognition oder Hinwendung zu längst Vergangenem, erlebt der Paragnost die Ereignisse so, als seien sie gegenwärtig.

Es muß also Instanzen oder Zentren im Unbewußten geben, die über ein autonomes, wenn auch eingeschränktes Bewußtsein verfügen. Diese gehören einer prälogischen Schicht der Psyche an. Ihre Äußerungen sind fast stets bildhaft oder rein symbolisch. Die Zugänge zu diesen Schichten der Persönlichkeit, von Driesch Steigrohre des Unbewußten genannt, sind sehr unterschiedlich. Zu ihnen gehören auch die üblichen mantischen Praktiken wie Kartenlegen, Kristallsehen usw. Dabei zeigt es sich, daß umso leichter ein Zugang gefunden wird, je primitiver die verwendeten Bilder sind. Die einfachen Symbole eines französischen Kartenspiels oder schlicht gehaltene Tarotfiguren ohne alles Beiwerk genügen vollkommen. Das hatte Dr. Koch nicht bedacht bei der Entwicklung seines "Astromantischen Schicksalsspiels". Dieses besteht aus 144 Karten, alle bezogen auf Tierkreiszeichen, Planeten und andere Symbole. Auf jeder Karte gibt es vier Gruppen von Stichworten, von gut bis schlecht angeordnet. Eine solche intellektuelle Spielerei macht das Unbewußte nie mit. Der I Ging hat zwar auch 64 Positionen mit einigen Abwandlungen, aber diese sind anderer Art.

Raum und Zeit

Entscheidend sowohl bei Präkognition wie bei allen mantischen Praktiken ist der Umstand, daß die Kategorien Raum und Zeit ihre Gültigkeit verlieren oder weitgehend abgewandelt werden.

Hier dürfte uns vor allem unser Zeitbegriff angehen. In den antiken und fernöstlichen Kulturen wird die Zeit als zyklischer Ablauf aufgefaßt, symbolisch dargestellt durch die Weltenschlange Uroboros, die sich in den Schwanz beißt. Für uns hat die Zeit linearen Charakter. Sie kommt irgendwoher, vielleicht vom lieben Gott, und sie endet - falls sie endet - irgendwo in einem Weltende. Dabei ist die Zeit selber farblos und wie ein gleitendes Band. Erst durch die Ereignisse, astronomische, historische und persönliche, wird sie zu etwas Begreifbarem, zur konkreten Zeit. Im Spätmittelalter symbolisierte man diese konkrete Zeit mit der Figur der Occasio (lat. Gelegenheit, aber auch: Handstreich, Glücksfall und Zwischenfall). Sie wird dargestellt als nackte Frau - die Zeit als solche ist wie ein unbeschriebenes Blatt - mit einem Messer oder einer Hippe, dem Symbol des Kronos bzw. Chronos/Saturn, des Zeit- und Schicksalsgottes.

Später tritt an die Stelle der Occasio die Fortuna , dargestellt als ein geflügelter Engel oder eine Sphinx, die das Schicksalsrad, die "Ruota di Fortuna" dreht, an dem die Planetengötter mit ihren guten und schlechten Gaben hinauf- und wieder hinabsteigen. Auf den Tarotkarten sind es gewöhnlich Tiere oder tierhafte Wesen (Triebhaftigkeit und Unbewußtheit), die dabei sind, das Rad zu erklimmen oder von diesem wieder hinabbefördert werden. Diese Tiere, schon bei Ezechiel erwähnt, sind nach anderer Lesart ein Schakal, eine Erscheinungsform des Hermanubis (Hermes verschmolzen mit dem ägyptischen Totengott Anubis), Geleiter der Toten und Wächter des Totenreiches, und Typhon, in Eselsgestalt, Gott der feurigen Dämpfe der Unterwelt und der Verfallenheit an alles Böse.

Im Zeitbegriff selbst, oder vielmehr in der Erkenntnis seiner Relativität, wird die enge Verbindung des magischen Weltbildes mit der Astrologie deutlich. So wird in der Vorstellung des Paragnosten, des magischen Menschen, Zukünftiges wie Vergangenes zur bildhaft erlebten Gegenwart. Doch auch im Horoskop wird die Zeit auf den Anfangspunkt zurückgeführt, und sie wird anschaulich. Fast alle astrologischen Prognosemethoden gehen davon aus, daß ein Promissor (Planet oder Aspektpunkt) zu einem als feststehend gedachten Signifikator (Medium Coeli, Aszendent, Sonne, Mond oder Planet) geführt wird. Der Zeitablauf stellt sich dabei als Strecke dar, als Bogen, der je nach der Direktionsart auf der Ekliptik oder auf dem Himmelsäquator gemessen wird. Erst in einem weiteren Verfahren wird dieser Bogen in Zeit umgerechnet, wobei in der Regel die tägliche (scheinbare) Sonnenbewegung als Maß für ein Jahr dient. Kleine Abweichungen in der Berechnung dieses Schlüssels sollen uns in dem Zusammenhang nicht weiter angehen. Im Horoskop, gleichgültig ob es sich um ein Geburtshoroskop, das einer Staatsgründung oder eines sonstigen Neubeginns handelt, wird, ersichtlich an den Winkelabständen der Planeten, Zukünftiges - in Symbolen ausgedrückt - gegenwärtig. Es ist von Anfang an vorhanden.

Die Vorstellung, daß Ereignisse, die noch in der Zukunft liegen, in der Sicht des Paragnosten wie beim Deuten eines Horoskops schon faßbar, ja gegenwärtig sind, widerspricht in jeder Hinsicht dem naturkausal ausgerichteten Verständnis der Naturwissenschaften. Beide Vorgänge sind, wenn auch nicht erklärbar, so doch in ihrem Zusammenhang verständlich, wenn man ihnen ein magisches Weltbild zugrundelegt. Davon soll noch die Rede sein.

Dazu ein kurzer Rückblick auf die historische Entwicklung der Astrologie. Sie geht, wie auch die chinesische und indische Astrologie, auf die babylonische Sterndeutekunst zurück. Diese Sterndeutung war, wie schon gesagt, keine Astrologie in unserem Sinne, sondern eine Form der Mantik. Aufgangszeiten der Fixsterne, Konjunktionen der Planeten mit diesen und untereinander, wurden zusammen mit anderen Vorzeichen auf das Schicksal von Völkern und Ländern und deren Herrscher bezogen. Vom 6. Jahrhundert an wurden die hervorragenden astronomischen und mathematischen Kenntnisse der Babylonier von den Griechen übernommen, ebenso einige ihrer astral-mythologischen Traditionen wie die Zuordnung der Planeten zu Gottheiten, die Zusammenfassung einzelner Fixsterne zu Sternbildern und die Bedeutung verschiedener sehr auffallender Konstellationen. Auch vom Ägypten der hellenistischen Zeit wurde die Astrologie in ihrem Entstehen beeinflußt.

Harmonie und Sympatheia

Die Griechen übernahmen ihrerseits nicht nur fremdes Kulturgut, sie verarbeiteten es auch und formten es um. Bedeutsam für die Astrologie und ihre spätere Entwicklung wurde vor allem Pythagoras und seine Schule. In seinen mathematischen und naturwissenschaftlichen Kenntnissen war dieser seiner Zeit weit voraus. Er erfand nicht nur das Monochord und den nach ihm benannten Lehrsatz, sondern vertrat auch die Ansicht, daß sich die Natur aller Dinge in Zahlen und deren Proportionen ausdrücken ließe. Eine Vorstellung, die Physikern unserer Tage nicht gerade fremd ist.

Zahlen sind in solchen harmonikalen Bezügen nicht einfach nur Symbole für bestimmte Quantitäten. Je nach ihrer Position im Gesamtgefüge ändert sich ihre Qualität und damit das, was sie aussagen können. Zahlreiche Astrologen, unter ihnen vor allem Kepler, gingen diesem Problem nach.

Heute haben sich dieses sehr komplexen und schwer verständlichen Gebiets die Harmoniker Hans Kayser und seine Schule angenommen. Kayser selbst ging in verschiedenen seiner Schriften, vor allem in seinem grundlegenden Werk "Der hörende Mensch" ausführlich auf astrologisch-harmonikale Probleme ein. Am Aufbau und der Entwicklung der klassischen Astrologie hatten harmonikale Vorstellungen großen Anteil, man denke nur an die Bildungen der Aspekte als regelmäßige Teilungen des Kreises oder die Bevorzugung des Duodezimalsystems - zwölf Tierkreiszeichen, zwölf Häuser u.a.m.

Die entscheidendste Komponente der Astrologie bei ihrer Entstehung im hellenistischen Griechenland war jedoch die Idee der Sympatheia , des Aufeinanderbezogenseins aller Dinge in einer Einheitswirklichkeit. Das Wort Sympathie - im magischen Sinne verstanden - ist ausgehend von den hellenistischen Zauberpapyri auf dem Weg über Byzanz in die mittelalterliche Zauberliteratur geraten und hat zu einem krausen Sammelsurium von Heil- und Zaubersprüchen geführt. Im deutschen Volksglauben wird das Besprechen von Krankheiten noch heute als "mit Sympathie heilen" oder "sympathisch heilen" bezeichnet.

Diese Idee einer umfassenden Sympathie, der Korrelation aller Vorgänge überhaupt, ist die Grundlage der symbolischen Astrologie. Dr. Walter Koch beruft sich in seinem schon genannten Aufsatz über die kosmo-psychische Beziehungstheorie wiederholt und sehr ausführlich darauf. Er führte dabei sogar 59 Synonyma zu Sympathie auf, wie Relation, Bezüglichkeit usw. C. G. Jung spricht im gleichen Sinne von Synchronizität, wobei an eine sinnvolle Koinzidenz oder Entsprechung psychischer und physischer Ereignisse (etwa ein Vorgesicht und seine spätere Realisierung) gedacht ist, welche kausal in keiner Weise miteinander verknüpft sind. In seinem Buch "Naturerklärung und Psyche", das er zusammen mit dem Physiker Wolfgang Pauli herausgab (1952), geht er ausführlich darauf ein, ebenso auf die Beziehungen der Synchronizitätsidee zur Astrologie.

Im Glossar des Buches "Erinnerungen, Träume und Gedanken von C.G.Jung" (1962) heißt es auf S. 416: "Synchronizität ist nicht rätselhafter oder geheimnisvoller als die Diskontinuitäten der Physik. Es ist nur die eingefleischte Überzeugung von der Allmacht der Kausalität, welche dem Verständnis Schwierigkeiten bereitet und es als undenkbar erscheinen läßt, daß ursachelose Ereignisse vorkommen oder vorhanden sein können..."

Mit einem naturkausalen Weltbild ist allerdings eine Synchronizität oder Koinzidenz wirklich nicht vereinbar. So hat auch Paul Jungschlaeger, der immer noch für die astrologische Einflußtheorie eine Lanze zu brechen glaubt, für Sympatheia und Synchronizität nur wenige Zeilen übrig. [6]

Die griechische Astrologie, von der wir ausgingen, übernahm die Idee einer Sympatheia aus dem Volksglauben. Sie ist prähellenischen Ursprungs und läßt sich bis in das Paläolithikum zurückverfolgen. Darüber hinaus ist sie die Basis aller uns bekannten magisch orientierten Religionsformen. Heute ist sie, wenigstens für den modernen Menschen westlicher Prägung, fast aus dem Bewußtsein verdrängt worden. Der Freund und Mitarbeiter C. G. Jungs, Erich Neumann, sagte dazu: "Mit dem Verlust der Einheitswirklichkeit, der Identitätserfahrung und der Erfahrung von der Sympathie aller Dinge, sind wir in die Einsamkeit eines toten und leeren Weltraums geraten, die keine Kompensation durch eine gepredigte Liebe zu heilen vermag, wie uns die Geschichte genugsam lehrt." [7]

Auch in die sogenannten Hochreligionen sind erhebliche Reste dieses alten Glaubens an eine Einheitswirklichkeit übergegangen, so in den Brahmanismus, den Buddhismus, den Islam und auch in das Christentum, wie Gottfried Hierzenberger überzeugend nachgewiesen hat. [8]

In der magischen Weltsicht wie in der Astrologie ist nicht die Kausalität, sondern die innere Verwandtschaft, die Analogie, das Band, das Dinge wie Vorgänge zusammenführt. Das wurde schon gesagt. In der folgenden Zusammenstellung wird das deutlich, wenn man weiß, um was es geht:

"Arsen, Eisen, Blutstein, Granat, Jaspis, Rubin, rot, aktiv, stark dominant, dynamisch, leistungsbewußt, analytisch, selektiv, trennend, spitz, scharf, laut, heiß, zornig, aggressiv, kampflustig, kühn, sexuell, triebhaft, leidenschaftlich, begierig, maßlos." Das sieht aus wie eine zusammenhanglose Aufeinanderfolge von Metallen, Mineralien, Empfindungen und Verhaltensweisen.

Wer aber mit der Astrologie vertraut ist, weiß, daß es sich dabei um Analogiebeziehungen zum Planeten Mars handelt. Wohlgemerkt nicht zu dem toten Weltkörper Mars, doch zu den geozentrisch gesehenen Proportionen seiner Bahn, vor allem aber zu dem Marshaften, Marsverwandten, das anteilmäßig, wenn auch in sehr verschiedener Stärke, in jedem Ding, ja als Strukturelement in allem, was da existiert, vorhanden ist.

Welt der Bilder und Symbole

Wir leben, ohne daß dies uns in unserer Alltagswirklichkeit eigentlich bewußt wird, stets in einer Welt von Bildern und Symbolen. Unsere Sinnesorgane empfangen von der Außenwelt Signale. Die Nervenbahnen leiten sie weiter an die Großhirnrinde, und im Großhirn werden sie zu Bildern zusammengefügt, die uns eine Orientierung in der Welt ermöglichen. Dabei ist die Bandbreite der Wellen, die wir aufnehmen können, denkbar gering. Selbst wenn wir Apparaturen zu Rate ziehen, so bleibt der uns zugängliche Bereich, von den Gamma-Strahlen am einen Ende der Skala bis zu den Frequenzen des Wechselstroms an dem anderen, sehr beschränkt. Was es darüber hinaus gibt, wissen wir nicht. Auch nicht, ob unsere Welt über andere Dimensionen verfügt, die uns nicht oder noch nicht erfahrbar sind. Spekulationen über das Ding an sich haben seit Kant immer wieder zu neuen Theorien geführt. Wir wissen auch nicht, ob das, was wir hier wahrnehmen können, in dem Bereich einer anderen Dimension eine ganz andere Bedeutung hat. Vielleicht hat Novalis, dem man Intuition und seherische Fähigkeiten sicher nicht absprechen kann, recht, wenn er in seinen Magischen Aphorismen (Fragment 650) sagt: "Der Stein ist nur in diesem Weltsystem Stein und von Pflanze und Tier verschieden."

Alles dies bezeugt, wie relativ unser Wissen und unsere Aussagemöglichkeiten sind. Schon an der obigen Aufstellung über die Qualitäten, die dem Mars in der Astrologie zugeschrieben werden, sehen wir, wie schwierig es ist, zu eindeutigen Aussagen über Konstellationen zu kommen. Nicht zu unrecht wird immer wieder davor gewarnt, Horoskope mit Hilfe astrologischer Rezeptbücher zu deuten.

Symbole - Inhalte des Unbewußten

Planeten, Tierkreiszeichen und Aspekte sind in der richtig verstandenen Astrologie Symbole. Aber im Gegensatz zu den Symbolen, die uns unsere Sinnesorgane vermitteln, kommen diese von innen her, aus den Tiefenschichten der Psyche. Inhalte des Unbewußten nehmen auf dem Wege der Bewußtwerdung Symbolcharakter an, um sich deutlich zu machen. So etwa müßte dieser Vorgang nach den Erkenntnissen der analytischen Psychologie formuliert werden. Aus dem Symbolcharakter aller astrologischen Bezüge ergibt sich aber folgendes:

 

  1. Alle Symbole sind im Gegensatz zu den Ergebnissen naturwissenschaftlicher Verfahrensweisen unscharf. Sie sind nicht voll abgegrenzt, und es gehört Intuition dazu, um sie auf konkrete Zusammenhänge zu beziehen.

     

  2. Die Konstellationen im Geburtsaugenblick sind Symbole für Charakter und Schicksal des Geborenen. Sie sind aber kein vom Zufall abhängiger Eingriff von außen, sondern vom ersten Augenblick der Entstehung des Lebens diesem zugeordnet, gewissermaßen als Zielpunkt für die später erfolgende Geburt.

    Alle Symbole sind zudem mehrschichtig. Damit entfällt schon der oft angeführte Einwand, daß rund 200 Menschen das annähernd gleiche Horoskop haben müßten, es aber nur einen Goethe gab. Ein Europäer, ein Buschmann und ein Schäferhund können am gleichen Ort und zur gleichen Stunde geboren sein. Alle drei werden die verfügbaren Erbanlagen, die ja sehr unterschiedlich sind, im Sinne ihrer Geburtskonstellationen realisieren.

     

  3. Konstellationen können aktiv und passiv erlebt werden. So ist etwa die Position von Sonne, Mond oder mehreren Planeten im 12. Haus nicht sehr beliebt. Auf jeden Fall sind dabei Isolierungstendenzen anzunehmen. Bei Menschen, die sich lebenslang in bestimmte Gebiete förmlich hineingraben, sind solche Konstellationen häufig. Auch Okkultisten und Astrologen sind darunter, etwa die schon genannten Emil Saenger, Dr. Koch und dessen Mitarbeiterin Elisabeth Schaeck. Bezeichnenderweise waren Koch und Saenger 1941 längere Zeit inhaftiert, während die meisten Astrologen nach ein, zwei Tagen wieder freigelassen wurden. Auch viele Ärzte, vor allem solche, die im Krankenhaus- oder Heilstättenbetrieb arbeiten, haben ähnliche Konstellationen im 12. Haus. Ebenso, und das ist bezeichnend, Dauerpatienten in diesen Anstalten. Auch ist eine alte Erfahrung, daß die Horoskope von Gewaltverbrechern und von deren Opfern oft sehr verwandte Konstellationen aufweisen. Für den Astrologen ist es gewiß nicht leicht, immer zu eindeutigen Schlüssen zu kommen. Ohne Intuition geht es gewiß nicht.

     

  4. Der Symbolcharakter aller astrologischen Bezüge läßt es daher auch nicht zu, von einer exakten Determination zu sprechen. Solche mag es geben, doch beweisbar ist sie nicht, jedenfalls nicht mit der Astrologie. Zwar war die Präsidentin der Österreichischen Astrologischen Gesellschaft, Gräfin Wassilko-Serecki, davon überzeugt, daß alles Geschehen bis aufs letzte determiniert sei. Wobei sie auch noch glaubte, mit dem von ihr entwickelten Prognosesystem dies beweisen zu können. [9] Im Gegensatz dazu bemühen sich viele Astrologen, oft im Hinblick auf die kirchliche Lehrmeinung, den freien Willen des Menschen zu bekunden. Das ist überflüssig, wenn man weiß, daß alle astrologischen Aussagen nur Annäherungen an Sachverhalte bringen können, mehr nicht. Die Sterne zwingen nicht, sie machen nur geneigt, wird oft angeführt. Das ist Unsinn. Die Sterne machen überhaupt nichts. Wir tun etwas, und dies oft, nicht immer, im Einklang mit entsprechenden Konstellationen.

Dazu eine Erfahrung, die der Arzt und Psychoanalytiker Ernst Bernhard in Rom, ein Mitarbeiter C. G. Jungs, gemacht hat. Bernhard pflegte in den langen Jahrzehnten seiner Tätigkeit von jedem Patienten ein Horoskop aufzustellen, wobei er dessen wichtigste Probleme schon im voraus erkennen konnte. Dabei stellte sich oft heraus, daß die Patienten erst in der Analyse sich an Vorgänge oder Konflikte erinnern konnten, die längst vergessen waren, obwohl sie zu der Bildung von Neurosen geführt hatten. Aus dem Horoskop ergab sich dann, daß zu diesem Zeitpunkt kritische Saturn-, Uranus- oder Neptun-Direktionen vorlagen, denen aber keine äußeren Ereignisse entsprochen hatten. Daraus zog Bernhard den Schluß, daß manches, was das Horoskop anzeigt, psychischer Natur ist und unterschwellig verläuft. Auch das ist, jedenfalls bei der Deutung eines Horoskops, ein Unsicherheitsfaktor. Man erwartet einschneidende Ereignisse, während die Konstellationen stattdessen psychische Umstellungen andeuten.

Dem verwandt sind die folgenden Vorgänge, die wieder den magischen Menschen betreffen. Ein Paragnost, ein mit dem Zweiten Gesicht Behafteter, sieht Zukünftiges voraus. Mitunter ist dies symbolisch verschlüsselt. Er sieht etwa einen Sarg über einem Haus schweben oder einen hageren Menschen mit der Sense über der Schulter auf ein bestimmtes Haus zuschreiten. Woraus er auf einen Todesfall schließt. Er kann aber auch Gesichte haben, die wie ein Film ablaufen und ein anschauliches Bild des zu erwartenden Ereignisses geben. So etwa einen Unfall mit allen schlimmen Folgen. Der Vorgang spielt sich später auch so ab. Nur kurz vor der Katastrophe tritt etwas Unvorhergesehenes hinzu, was den Verlauf hindert und den Unfall zu einem Beinahe-Unfall macht. Der Seher glaubt dann, daß sein Gesicht eine Warnung gewesen war, aber das Unglück von der Vorsehung abgewendet wurde. Vermutlich ist es so, daß der Seher einen Teil des Vorgangs sieht und ihn, emotional aufgeladen wie er ist, weiter zur Katastrophe ausspinnt. Solche Erfahrungen sind nicht selten. Wer einen Hellseher zu Rate zieht, muß, ähnlich wie der Astrologe, eine Unschärfe oder Variationsbreite mit in Kauf nehmen.

Sehr erstaunlich ist eine weitere Beziehung zwischen dem Magismus und der Astrologie. Der Laie denkt, wenn er von Magie hört, gewöhnlich an Geister- und Dämonenbeschwörungen. Sicherlich gehört das auch dazu. Nur wissen die wenigsten, daß ein magisch begabter Mensch sich auch eine solche Personifikation nach Wunsch aufbauen kann, etwa nach der Figur aus einem Märchenbuch. Bei entsprechender Übung gewinnt diese Figur - nach Jung ein Komplex des kollektiven Unbewußten - Gestalt und Wesenhaftigkeit. Der Sensitive geht mit ihr um wie mit einem Menschen, ja sexuelle Beziehungen zwischen beiden sind nicht selten. Das ist die berühmte Teufelsbuhlschaft der Theologen und Hexenrichter, die allerdings mit dem Teufel nichts zu tun hatte. Über die Entstehung solcher Personifikationen berichtete Alexandra David-Neel verschiedentlich in ihren Büchern. Das soll natürlich nicht heißen, daß alle solche Figuren selbstgeschneidert sind. Aber das ist ein anderes Kapitel. [10] Wenn nun jemand über lange Jahre hin mit denselben dominierenden Personifikationen umgeht, nehmen diese gewöhnlich einen eigenen und oft auch recht eigenwilligen Charakter an, der von dem des Sensitiven sehr verschieden ist.

Sieht man sich aber dessen Horoskop an, so stellt man fest, daß jede dieser Personifikationen einem ganz bestimmten Konstellationskomplex entspricht. Es macht dann fast den Eindruck , als würde jener Teil des Lebens, den der Mensch bewußt nicht realisieren konnte, von den Personifikationen ausgelebt.

Dem entspricht etwa, was Frau Herma Pfeifer schon vor Jahren festzustellen glaubte. [11] Wenn etwa Kinder, aber auch Erwachsene, in ihren Phantasien und ihren Träumen bestimmte mythologische Figuren bevorzugen wie Zwerge, Nixen, Elfen usw., dann prägt sich das im Horoskop aus. Bei starker Betonung der Erdzeichen (Stier, Jungfrau, Steinbock) sind es Zwerge, bei Überwiegen der Wasserzeichen Nixen und Nymphen, usw. Allerdings das nur, wenn überhaupt Phantasie vorhanden ist.

Einheitswirklichkeit und magisches Weltbild

Die entscheidende Verbindung der symbolischen Astrologie mit dem magischen Weltbild beruht jedoch auf der Erfahrung einer Einheitswirklichkeit, einer in sich geschlossenen, ganzheitlichen Welt. Aber auch in Einzelheiten bestehen Analogien zwischen dem Magismus und der Astrologie.

Zu den Axiomen der Magie gehört die Vorstellung "pars pro toto", ein Teil steht für das Ganze, so etwa im Schadenzauber. In der Astrologie kehrt sich dieses Verhältnis um. Das Ganze, eben der Kosmos, wird zum Symbol für das Geschehen auf der Erde und das Schicksal der einzelnen Menschen. Daraus ergeben sich für den Astrologen hinsichtlich seiner Beziehung zur Religion keinerlei Konsequenzen. Die Astrologie ist diesseitsbezogen, wenn man davon absieht, daß manche Astrologen in der Konstellation des Geburtshoroskops ein Symbol des Karmas sehen, der Hinterlassenschaft eines früheren Lebens. Diese Vorstellung, die von den fernöstlichen Philosophien, aber auch von den Pythagoräern und den Kabbalisten vertreten wurde, entspricht vielleicht unserem Gerechtigkeitsempfinden und läßt das Leben auch in seinen Niederungen sinnvoller erscheinen. Beweisen läßt sich dies nicht, jedenfalls nicht aufgrund des Horoskops.

Anders steht es mit den magisch ausgerichteten Kulturen, deren letzte Manifestationen wir im Schamanentum Nordamerikas und Nordasiens vorfinden. Der magische Mensch kennt kein Jenseits im Sinne der Hochreligionen. Aber er transzendiert diese unsere Wirklichkeit. Dabei wird diese vielschichtig und gewinnt neue Dimensionen. So etwa, wenn sich ein Schamane in Trance auf die Himmelsreise begibt, dabei in Vogelgestalt auf den Weltenbaum fliegt, auf dessen Ästen die Schamanen der Vorzeit sitzen, wie er auch in Vogelgestalt, und mit ihm weise Reden führen. Für ihn ist das keine andere Welt, sondern wie Stein, Tier und Pflanze mit ihm aufs engste verbunden. Bei den Tungusen, Tschuktschen und anderen Völkerschaften Nordasiens gilt der Bär als Herr der Tiere. Er ist fast heilig. Trotzdem wird er erlegt und sein Fleisch gegessen. Doch vergißt man nicht, sich bei ihm wegen der Tötung zu entschuldigen. Sein Fell wird ausgestopft, das Haupt aufgesetzt und er rituell bewirtet und behandelt wie ein Verwandter, der zu Gast gekommen ist. Später nimmt man seine Knochen, setzt sie auf ein kleines Floß und läßt dies unter rituellen Sprüchen den Fluß hinabtreiben, damit er, der Bär, dort tief im Wald wieder Leben gewönne.

Uns scheint so etwas absurd, und doch ist es ein Zeichen für die innere Verbundenheit mit allem Lebendigen und für die Gewißheit, daß der Tod nur eine Veränderung der Existenz, aber kein Ende ist.

Oder nehmen wir die Indianer Nordamerikas, die wir nur als tapfere Krieger kennen. Wenigstens ehe sie vom weißen Mann korrumpiert wurden. Aus den Biographien einiger Indianer wie aus der des Häuptlings Schwarzer Hirsch, eines Sioux-Schamanen, können wir aber ersehen, mit welcher Ehrfurcht diese fast noch der Steinzeit angehörenden Menschen allem Lebendigen begegneten. Kein Baum, keine Blume wurde unnötig beschädigt, kein Tier aus bloßer Jagdlust geschossen.

Auch toten Dingen wie Bergen oder Wolken wurde mit Ehrfurcht entgegengetreten. Alles dies wird, nach der Vorstellung dieser Menschen, durchwirkt von einer Kraft, die alles bindet und die in den Indianersprachen die verschiedensten Namen hat. Auch scheint es uns seltsam, wenn wir hören, daß sich die Indianer weigerten, den Erdboden zu pflügen. Sie verletzten dann, so meinten sie, den Leib der Allesgebärerin, der Großen Mutter. [12]

So wie es im magischen Bereich keine festen Grenzen gibt, etwa zwischen Mensch und Tier, Pflanze oder Stein, so auch keine zwischen Leben und Tod. Schon bei den Indianern wunderten sich die Weißen, mit welcher Gelassenheit sie in den Tod gingen. So schreibt C. H. Ratschow: "Der vitale Tod wird in den magischen Kulturen nicht als Ende oder ein Abbruch der Existenz erfahren. Der Mensch wird durch den Tod nicht aus seinem Lebenskreise gerissen. Er wird zwar verwandelt. Doch kehrt er in den Bann seines wahren Lebens zurück." [13]

Ähnlich formuliert es Aleister Crowley: "Nicht der ganz wertlose Teil des Menschen, sein individuelles Bewußtsein als Hans Schmidt, trotzt dem Tode, - dieses Bewußtsein, das mit jedem Gedanken stirbt und neu geboren wird. Das, was ausdauert (wenn überhaupt etwas Dauer hat), ist sein wirkliches Hans Schmidttum, eine Eigenschaft, deren er sich bei Lebzeiten wahrscheinlich nie bewußt war. Selbst dieses bleibt nicht unverändert. Es wächst dauernd." [14]

Vom Standpunkt einer Unio magica bedeutet der leibliche Tod nur Wandlung. Das wahre Leben ist die Geborgenheit in der Einheitswirklichkeit. Der wahre Tod aber, so zitiert es Ratschow, das Herausfallen aus dem wahren Leben. Das ist der Zustand, in dem wir uns befinden. Nach dem Verlust dieses einheitlichen Lebensgefühls benötigte die Menschheit, die vorchristliche wie die christliche, das Erscheinen von Götter- und Gottessöhnen, wie Attis, Adonis, Herakles, Tammus, Osiris, Jesus und anderer, um durch deren leibliche Auferstehung und Himmelfahrt die Gewißheit zu erlangen, daß der Tod kein Ende bedeute. Aber auch diese Mythen verlieren heute an Wirksamkeit. Die Schuld an dieser Entwicklung, so meint Werner Müller, liegt an den ionischen Philosophen und allen ihren Nachfolgern bis hin zu Heidegger. Doch es kann als sicher gelten, daß der Bruch, der unser Leben in die Leere eines toten Kosmos führte, viel älter ist. Doch was hilft uns das? Was uns bleibt, ist die Sehnsucht nach einer anderen Welt und einer anderen Zeit. Es ist der Traum vom verlorenen Paradies, jenem Mythos, den so viele Völker aller Kulturen bis heute bewahrt haben. Wir werden zwar kaum wie die Schamanen eine innere Verwandlung und eine so tiefgreifende Bewußtseinserweiterung erfahren. Aber selbst wenn wir ein Horoskop in der Hand halten und sehen, wie dieselben Konstellationen hier Anlagen und Charakter anzeigen, aber zugleich auf Ereignisse des späteren Lebens hinweisen, und wenn wir erkennen, wie kosmisches Geschehen und menschliches Schicksal miteinander verwoben sind, überkommt uns leicht eine Ahnung jener Ganzheit und Einheitswirklichkeit, die wir verloren haben und die doch nie verloren geht.

--- © Heinrich Bessler

 


Anmerkungen:

 

[1] Emil Saenger, Zwei Dialoge über Astrologie, in: Hain der Isis, Nr. 2, 1930, S.44.
Heinrich Bessler, Wissenschaftliche Astrologie, in: Die Astrologie, Mai 1936, S. 33-40.


[2] Dr. Walter A. Koch, Die kosmo-psychische Beziehungstheorie, in: Gesammelte Schriften und Vorträge, 1969, S.25.


[3] Koch starb am 25.2.1970 an den Folgen eines Schlaganfalls mit langem Krankenlager. Dabei hatte er sich durchgelegen, und es war eine ziemlich tiefe, offene Wunde entstanden, wie das in solchem Fall vorkommt. Personen seiner Umgebung, und vor allem seine langjährige Mitarbeiterin, die Astrologin Elisabeth Schaeck, waren im Hinblick auf die Wunde fest davon überzeugt, daß er durch schwarzmagischen Einfluß umgebracht worden sei. Vermutlich ging diese Annahme von ihm selbst aus. Nun hatte Koch viele Feinde, da er jeden, der seinen Ideen nicht zustimmte, auf mitunter beleidigende Weise attackierte. Dem konnte ich seinerzeit nur entgegenhalten, daß unter seinen Feinden kaum jemand wäre, der über so weitgehende magische Fähigkeiten verfügen würde. Außerdem dürfte ein magischer Einfluß, der einen Menschen zu Tode bringt, und so etwas gibt es, keine Wunden und Spuren hinterlassen.


[4] Dr. Henri Birven (1883-1969) war mit Aleister Crowley persönlich bekannt. Anfänglich schätzte er ihn sehr, distanzierte sich aber späterhin von ihm. Womit er sicherlich recht hatte. Doch hat ihn die Auseinandersetzung mit Crowley bis zuletzt beschäftigt, wie einige Bücher, die kurz vor seinem Tod erschienen, ausweisen. Persönliche Erfahrungen auf magischem Gebiet hat Birven jedoch nie machen können. Trotzdem hing ihm im Berlin der dreißiger Jahre der Ruf an, ein gefährlicher Schwarzmagier zu sein. Wie in der Zeit der Hexenverfolgungen, deren Opfer zudem keine Hexen waren, ist man immer schnell bereit, alles Unheil, auch das selbstverschuldete, einem anderen anzuhängen.


[5] Atlas der deutschen Volkskunde, Neue Folge, Erläuterungen zur 4. Lieferung, 1. Teil, Karte NF 37-42, Marburg 1966 mit der Zusammenstellung und Bearbeitung von Frau Dr. Grober-Glück "Zweites Gesicht und Wahrsagekunst".


[6] Paul Jungschlaeger, Astrologie heute, 1980.


[7] Erich Neumann, Die Erfahrung der Einheitswirklichkeit und die Sympathie der Dinge, in: Eranos-Jahrbuch, Band XXIV, 1955, S.33.


[8] Gottfried Hierzenberger, Der magische Rest. Ein Beitrag zur Entmagisierung des Christentums, 1968.


[9] Gräfin Zoe Wassilko-Serecki, Wesen und Grundlage der astrologischen Prognose, Hamburg 1953.


[10] Alexandra David-Neel, die in ihrem Leben und in ihren Büchern zeigte, daß sie stets mit wachem Verstand und gesundem Urteilsvermögen an paranormale Erlebnisse heranging, ist ein Beispiel dafür, daß die Entwicklung von Personifikationen keineswegs ein Symptom "mediumistische Psychosen" zu sein braucht, wie H. Bender annimmt.
Dazu: A. David-Neel, Heilige und Hexer, 1931; Meister und Schüler, 1934; Der Weg zur Erleuchtung, 1960; Unsterblichkeit und Wiedergeburt, 1962.
Heinrich Bessler, Das Gespensterschiff, Vorzeichen, Wahrträume, Vorgesichte, 1976 und 1978, S.47ff. und 371ff.


[11] Herma Pfeifer, Astrologische Weisheit in Mythos und Märchen, in: Tradition und Fortschritt der klassischen Astrologie, Wien, Nr. 3 und 4, 1956.


[12] Schwarzer Hirsch, Ich rufe mein Volk. Olten und Freiburg, 1955;
Werner Müller, Indianische Welterfahrung, 1976; Die Religionen der Waldindianer Nordamerikas, 1956.
Hans Findeisen, Schamanentum, 1957.


[13] Carl Heinz Ratschow, Magie und Religion, 1947.


[14] Aleister Crowley, Magie in Theorie und Praxis, Kapitel I (Meister Therion), in: Hain der Isis, 3 (1930).

 

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