Hello, world!

Autor: Christopher A. Weidner

Astrologie nach dem Tode Gottes

"WIE OBEN - SO UNTEN"?

Astrologie geht von einem Grundaxiom aus, einer angenommenen Grundtatsache, ohne die sie offensichtlich nicht denkbar wäre. Dieses Axiom wird in der Tabula Smaragdina des HERMES TRISMEGISTOS überliefert:

Alles, was unten ist, gleicht dem, was oben ist.... [1]

Verknappt wird dies oft auf die Formel: "WIE OBEN - SO UNTEN", wobei das "Oben" den Himmel mit seinen astronomischen Phänomenen verkörpert, das "Unten" die Welt der Menschen auf der Erde. Damit definiert Astrologie die Grundlage, auf der jede gefundene Erkenntnis beruhen muß: Sie studiert die Wechselbeziehungen zwischen den himmlischen Ereignissen "oben" und den irdischen Ereignissen "unten".

Die Möglichkeiten dieses Ansatzes liegen auf der Hand: Jene beobachteten himmlischen Phänomene sind gekennzeichnet durch Strukturen, durch eine gesetzmäßige Ordnung, sich wiederholende Muster und berechenbare Zyklen.

Im Gegensatz dazu erleben sich Menschen in eine ungeordnete, chaotische Welt gestellt, charakterisiert durch sich vollziehende Veränderungen ohne Sicherheit und Halt: "Wir können nicht zweimal in denselben Fluß steigen", formulierte HERAKLIT dieses Grundempfinden mehr als zwei Jahrtausende zuvor, denn der Fluß verändert sich und wir selbst auch, "Alles fließt, nichts besteht."

Diese Empfindung von Unordnung ist bestimmend für unsere Zeit geworden, denn es hat sich auf vielen Gebieten menschlichen Lebens gezeigt, daß zuvor als unumstößlich geglaubte Tatsachen von heute auf morgen umgestürzt werden können, ersatzlos gestrichen werden dürfen. Damit ist nichts undeutlicher geworden als der Weg, den die Menschheit in Zukunft gehen wird. Die einzige Sicherheit ist die Gewißheit bevorstehender Wandlungen.

Doch schon HERAKLIT konnte und wollte sich nicht damit zufrieden geben und suchte nach den Gesetzen einer inneren Ordnung, besser gesagt: nach dem einen Gesetz, das allem innewohnt und dem die Welt der Phänomene Folge zu leisten habe. Er offenbarte so ein Wesentliches in der Charakterisierung menschlicher Existenz: die Suche nach Ordnung und Sicherheit im Chaos, zu erkennen, "was die Welt / im Innersten zusammenhält."

Menschen suchten zu allen Zeiten immer wieder die Grundlagen einer Ordnung außerhalb ihrer Existenzsphäre, postulierten sie als in Gott oder in ewig gültigen Naturgesetzen verankert. Es mag als Verdienst unserer Zeit angesehen werden, daß sie die Relativität allen Erkennens auf ihre Fahnen geschrieben hat und vor allem: daß sie den Menschen in die Verantwortung für seine Erkenntnisfähigkeit gezogen hat.

Realität als eine Wirk-lichkeit im Sinne dessen, was aus dem Fluß des Erlebens als für Menschen wirk-sam zu gelten habe, hat ihren monolithischen Charakter verloren. Jede Wirklichkeit ist stets nur meine Wirklichkeit, kann niemals die Wirklichkeit des anderen sein. Die Überbrückung der sich auftuenden Kluft zwischen mir und dem anderen ist eine Frage der Kommunikation geworden, des semantischen Codierungssystemes, innerhalb dessen sich Menschen eines bestimmten Kulturraumes bewegen.

Dennoch: Menschen haben Ziele und verfolgen bestimmte Zwecke in ihrem Leben. Um dies erfolgreich bewerkstelligen zu können, bedürfen sie nachgerade Erklärungen, Vorhersage und Kontrolle oder Steuerung ihrer Erfahrungen. [2] "Wir Menschen ... scheinen psychisch in einem sinn- und ordnungslosen Universum nicht überleben zu können." Das "Füllen der Leere" oder auch der "Kampf gegen das Nichts" ist also vermutlich eine psychologische Notwendigkeit, eine Strategie unserer Intelligenz, und es ist allzu bekannt, daß Menschen an Sinnleere erkranken können, daß aber zugleich "wer ein Warum zu leben hat, fast jedes Wie erträgt." [3]

Aber nicht mehr Gott organisiert unsere Welt, sondern wir selbst sind auf uns zurückgeworfen worden, den Fluß des Erlebens im Alleingang, jeder für sich, zu strukturieren. "

Gott ist tot ... Wohin ist Gott? Ich will es euch sagen. Wir haben ihn getötet, - ihr und ich!" [4] konstatierte NIETZSCHE und an anderer Stelle bringt er die Erschütterung zum Ausdruck, die nach dem Tode Gottes den Untergang aller Wahrheit mit sich brachte: "

Was haben wir gemacht? ... Was war das für ein Schwamm, mit dem wir den ganzen Horizont um uns auslöschten? Wie brachten wir dies zustande, diese ewige feste Linie wegzuwischen, auf die bisher alle Linien und Maße sich zurückbezogen ...? Haben wir nicht ... alle Schwerkraft verloren, weil es für uns kein Oben, kein Unten mehr gibt?" [5]

In diesem Sinne ist jeder einzelne Mensch zu Gott geworden, denn fortan ist es seine individuelle Intelligenz, die der Welt Sinn und Ordnung, ein "oben" und ein "unten" verleiht. Anders ausgedrückt: "Ohne Gott ist die Wahrheit nicht mehr göttlich, die Vor- stellung daß es eine wahre Welt hinter der Vielzahl unserer subjektiven Vorstellungen gebe, obsolet. Es gibt keine absolute Wahrheit mehr, nur noch unsere nützlichen Fiktionen." [6]

Astrologie ist eine solche nützliche Fiktion, eine "künstlerische Schöpfung", ein "ästhetisches Phänomen". Was dem Menschen nach dem Tode Gottes bleibt, ist zwar einerseits "das lähmende Gefühl, daß alles sinnlos ist", auf der anderen Seite jedoch die Chance, fortan "statt Sinn in den Dingen zu suchen, ... ihnen ... selbst Sinn [zu] verleihen", statt "nur festzustellen, was ist, ... bewußt fest[zu]setzen, was sein soll."

Und so müssen wir in der Folge die Verkürzung des hermetischen Grundaxioms aller Astrologie in ein "Wie oben - so unten" mißbilligen, denn es suggeriert weiterhin den Fortbestand der Mär von der allmächtigen, sinnspendenden apriorischen Ordnung der Himmel.

Aber selbst der "dreimal-große" HERMES wußte es besser, denn der Satz lautet in seiner Vollständigkeit:

Alles, was unten ist, gleicht dem, was oben ist,
und alles was oben ist, gleicht dem, was unten ist,
damit sich das Wunder des Ureinen vollziehe.

Und damit drückt er aus, daß wir noch nie von einer einseitigen Richtung hätten ausgehen dürfen: Es handelt sich vielmehr um eine ouroborische Interaktion zwischen Oben und Unten, die besagt, daß ohne die Intelligenz des Menschen unten es keine Intelligenz oben geben kann.

Es ist der kognitive Organismus Mensch, der "die Beschaffenheit der Regelmäßigkeiten in seiner Erlebniswelt findet oder, besser gesagt, hervorbringt." [7] Erkenntnissuche in der Astrologie beginnt nicht bei Gott oder anderen metaphysischen Kategorien, sondern bei uns selbst, bei der Intelligenz, die Wirklichkeit organisiert, indem sie sich selbst organisiert [8], um daraus eine einigermaßen dauerhafte und regelmäßige Welt zu konstruieren, die Ordnung und Sicherheit zu gewährleisten vermag.

DIE MYTHEN, NACH DENEN WIR LEBEN

Die Astrologie hat sich zum Ziel gemacht, über die Analogie zum geordneten Ablauf der Gestirne eine Empfindung von Ordnung im menschlichen Chaos zu ermöglichen. Aber: Wie brauchbar sind die Kategorien, mit denen sie dies zu bewerkstelligen versucht, insbesondere wenn diese apriorischen Charakters sind, wo doch nichts mehr von sich Anspruch nehmen darf, Beständigkeit und Fortdauer zu garantieren?

Eine einfache Antwort gibt von GLASERSFELD: "

Ganz allgemein betrachtet, ist unser Wissen brauchbar, wenn es der Erfahrungswelt standhält und uns befähigt, Vorhersagen zu machen und gewisse Phänomene zu bewerkstelligen oder zu verhindern. Wenn es diesen Dienst nicht erweist, wird es fragwürdig .." [9]

Die Frage also lautet: Erweist uns eine Astrologie, die vorgibt, aus metaphysischen Quellen ihre Wahrheiten zu beziehen, noch diesen Dienst? Oder ist sie einfach "obsolet" ... Konkret: Das Versprechen des Horoskopes ist das Versprechen nach Empfindung von Ordnung im Chaos, nach der Entwirrung des Verworrenen. Was bringt es mir als BetrachterIn des Horoskopes eigentlich noch, wenn man mir zu verstehen gibt, daß hier Kräfte jenseits des menschlichen Verstandes wirken?

Nach dem Zusammenbruch all jener Instanzen, die für die Aufrechterhaltung der Einheitlichkeit aller Wahrheit zuständig waren, wie z.B. der Kirche, ist das Metareich des Mystischen zum Tummelplatz aller erdenklichen Privat-Ideologien geworden. Aus dem Sammelsurium von Mythen und Symbolen kann sich jetzt jede/r die Rosinen rauspicken, für die er/sie die meiste Abnehmerschaft zu finden glaubt. Sinn-Suche statt Sinn-Schöpfung: Das Zersplittern der einen Wahrheit in viele Scherben gleichwertiger Optionen kann eben nicht nur als Chance, sondern auch als Bedrohung des Menschlichen empfunden werden, was atavistischen Einstellungen Zuspruch und Gefolgschaft verspricht. DANE RUDHYAR äußerte einmal den Verdacht, daß Astrologie "für Verwirrung und für die Ausbreitung dogmatisch ausgedrückter Meinungen ein besonders fruchtbares Gebiet" sei und führt dies darauf zurück, daß Astrologie "als ein fest umrahmtes und auf sich selbst bezogenes Gebiet ..., eine mysteriöse "Wissenschaft", die eine verwirrende Terminologie verwendet, unverändert seit uralten chaldäischen Zeiten und angeblich immer noch gültig" [10] angesehen wird. Die Quelle astrologischer Erkenntnis wird zweckmäßig in eine astrale Überwelt verschoben, so daß sie immer noch Zufluchtsort für all die verlorenen Geister sein darf, die in ihr die Rettung vor der großen Welle der "Sinnleere" suchen. Dort thronen die Mythen, Gewißheit orakelnd, daß schon alles seine Ordnung im Großen Ganzen Ewigen Einen habe.

Wir brauchen diese Mythen ohne Zweifel, denn sie organisieren unser Leben, doch müssen sie als "Mythen, nach denen wir leben" (JOSEPH CAMPBELL) erkannt werden: Auf ihnen baut sich das Selbstverständnis einer Kultur auf, und sie bilden so das Fundament für die Paradigmen menschlichen Denkens, Fühlens und Handelns. Es ist deshalb unumgänglich zu begreifen, daß Mythologie etwas durchwegs Menschliches ist und den Auftrag hat, uns temporär mit den notwendigen Wertvorstellungen zu versorgen, die eine Kommunikation zwischen den Mitgliedern einer Kultur ermöglichen. Mit dem Voranschreiten der Zivilisation verändern sich jedoch die Mythologien mit den Menschen, die sie hervorbringen, je nach Zeit und Raum beantworten sie die "fundamentalen Fragen hinsichtlich unseres Ursprungs, unseres Lebens und unseres Schicksals" [11].

Die "Wahrheit" der Mythen erhält in diesem Zusammenhang einen temporären und lokalen Aspekt und wäre besser mit Validität von Handlungen und Gedanken gleichzusetzen [12]. Keinesfalls mehr können sie zur Rechtfertigung der Allgemeingültigkeit einer astrologischen Doktrin benutzt werden. Dies ist der Grund für jene "großen Verwirrung" in der Astrologie, von der RUDHYAR spricht, wenn "der gegenwärtige Bewußtseinsstand auf den Geist und die Gefühle von Menschen archaischer Zeiten und anderer Rassen projiziert wird."
RUDHYAR erinnert in diesem Zusammenhang daran, daß

"das bedeutet, die Basisfunktion der Astrologie für große Zeiträume aus den Augen zu verlieren. Die Basisfunktion, die darin besteht, den Menschen einen Sinn für Ordnung und eine harmonische, rhythmische Entfaltung zu geben - nicht den Menschen, wie sie im alten Ägypten oder in China waren, sondern wie sie heute sind, mit all ihren emotionalen, mentalen und sozialen Problemen." [13]

RAUM ZUM NACHDENKEN

Aber: Wie sind die Menschen heute? Es wurde und wird viel im Zusammenhang mit der Gegenwart von "Postmoderne" gesprochen, um den Kontext zu beschreiben, in dem sich der heutige Mensch zu befinden scheint. Hier ist mit Sicherheit nicht der Ort, umfassend auf diesen Begriff einzugehen, zumal sich zahllose Mißverständnisse um ihn ranken. Doch wenn wir der Forderung RUDHYARs nachgehen wollen, nach der es "ziemlich sinnlos (ist), die Astrologie vom jeweiligen Zustand der Kultur und der Gesellschaft, in der der Astrologe lebt ..., trennen zu wollen" [14], kommt man nicht umhin, seine Gedanken auch auf diesen Begriff auszuweiten.

Man könnte "Postmoderne" als Grundverfassung "radikaler Pluralität" verstehen, radikal deshalb, weil sie die Wurzeln unserer Wirklichkeitsauffassungen angreift. Diese "radikale Pluralität" ist in der Postmoderne zur gesellschaftlichen Realität gelangt - und zwar als "positive Vision", die "von wirklicher Demokratie untrennbar" ist. [15] WOLFGANG WELSCH beschreibt die Grunderfahrung der Postmoderne wie folgt: "daß ein und derselbe Sachverhalt in einer anderen Sichtweise sich völlig anders darstellen kann und daß diese andere Sichtweise doch ihrerseits keineswegs weniger "Licht" besitzt als die erstere - nur ein anderes. Licht, so erfährt man dabei, ist immer Eigenlicht. Das alte Sonnen-Modell - die eine Sonne für alles und über allem - gilt nicht mehr, es hat sich als unzutreffend erwiesen." [16]

Der Plural dominiert den Zeitgeist: Nicht Wahrheit, sondern Wahrheiten, nicht Gültigkeit, sondern Gültigkeiten. Dabei ist ihr Antrieb nicht in einem "billigen Relativismus" zu sehen, sondern aus der geschichtlichen Erkenntnis des Rechts auf Verschiedenheit und Vielheit, dem ihr Plädoyer gilt. Damit wendet sie sich gegen das Einzige und ergreift Partei für das Viele, sie ist eine "anti-totalitäre Option". [17]

In diesem Sinne muß Astrologie für den kritischen Betrachter einen totalitären Anspruch haben, als ob sie sich durch ihre Rückgriffe auf Mythologien vor dem Plural zu schützen hätte. Aber kann es nicht auch sein, daß Konzepte der Vielheit Astrologie bereichern und sie immer bessere Antworten auf unsere heutige Zeit finden lassen?

Die Tragik besteht darin, daß die Maximierung von Unsicherheit im Empfinden der Menschen konterkarierende Gegenströmungen auf den Plan ruft, die bemüht sind, "vormoderne Modelle der Gesellschaftlichkeit zu revitalisieren oder am Leben zu erhalten" [18], also Mythologien, die Ordnung und Gewißheit wenn nicht auf Erden, so doch in einer spirituellen Überwirklichkeit, versprechen.

Jede Krise aber, auch diejenige, welche sich auf ganze Kulturen erstreckt, beinhaltet Chance wie Bedrohung - es kommt nur darauf an, wofür man sich entscheidet. JEAN-FRANCOIS LYOTARD, wohl mit der bedeutendste Denker der Postmoderne, hat im Gegenzug zur passiven Einstellung einer angenommenen Bedrohung durch eine radikale Pluralität stets versucht, den möglichen Sinn der Postmoderne darin zu sehen, einen "Raum für neuartige, andere, von den herrschenden Mustern ... abweichende Überlegungen" [19] zu schaffen, einen "Raum zum Nachdenken". "

Raum zum Nachdenken": Das heißt nicht, ein Weltbild durch ein nächstes abzulösen, Ideologie auf Ideologie zu häufen. Es heißt, Umdenken ermöglichen, Widersprüche sichtbar zu machen, ohne sie im gleichen Atemzug aus der Welt schaffen zu müssen. Es heißt Fragen zu stellen, ohne sie unmittelbar und endgültig beantworten zu müssen, Erfahrungen zu machen, ohne sie gleich kategorisieren zu wollen.

Diesen Raum sollte sich auch die Astrologie gewähren, indem sie erlaubt, die Mythologien ihrer eigenen Zunft zu hinterfragen und gegebenenfalls im Zuge nachweislicher Unbrauchbarkeit über Bord zu werfen, so immerwährend ihre Gültigkeit, so ehrwürdig ihre Tradition bislang erschienen haben mag. Das Subjekt hat Gott als Rechtfertigungsinstanz und letzte Referenz abgelöst: unter diesen Voraussetzungen kann getrost mit der Dekonstruktion des astrologischen Weltbildes begonnen werden, - nicht ohne zuvor einen kritischen Blick auf die Mechanismen zu werfen, die Astrologie bislang zusammengehalten haben.

NOMEN EST OMEN

Beispielhaft sei an dieser Stelle anhand der "Entdeckung" neuer Horoskopfaktoren vorgeführt, wie Phänomene der Ordnung "oben" zu Phänomenen der Ordnung "unten" konstruiert werden - ein schier unerschöpfliches Gebiet, wenn man bedenkt, wie sich durch den Fortschritt astrophysikalischer Technologien unser Bild vom Aufbau unseres Sonnensystems in atemberaubender Geschwindigkeit verändert und ergänzt.

In der Regel wartet man darauf, bis sich die Astronomie für irgendeinen Namen ent- scheidet, der traditionsgemäß der griechisch-römischen Mythologie entnommen wird - sofern der Himmelskörper in den Augen der Wissenschaftler Bedeutsamkeit genug für diese Taufe besitzt. Von diesem Moment an gehört er der Astrologie, die ihm flugs Sinn und Bedeutung verleiht. Zu jedem Namen wird ein Mythos ausgegraben, der solange gestreckt und verdünnt wird, bis er genau die Kriterien enthüllt, etwas Neues unter allen bislang bekannten Horoskopfaktoren darzustellen. Schließlich werden die oftmals auf rein privater Assoziation basierenden Korrespondenzen zu einem "archetypischen" Prinzip stilisiert, welches zugleich mit dem neuen astronomischen Faktor am Horizont des menschlichen Bewußtseins aufgegangen sein soll.

Dem astrologischen Kanon wurde damit zu einer weiteren Schablone verholfen, hinter der allerdings nur allzu oft irgendein Favorit des Zeitgeistes lauert, sei es die "Wiederentdeckung" des "Urweiblichen" oder das Versprechen endlich noch tiefer in die düsteren Katakomben des eigenen Seelenlabyrinthes hinabzutauchen - je nachdem, was gerade am "lohnendsten" erscheint.

Wo liegt der Fehler, wird man fragen: Ist es nicht so, daß sich die Inhalte all der anderen Planeten auch in ihren Namen widerspiegeln und von diesen abgeleitet werden können? Nur: Hier ist der Vorgang ein anderer gewesen, ein entgegengesetzter: Nicht der Name des Planeten war zuerst da, von dem nun angenommen werden muß, daß er auf geheimnisvolle Art und Weise ausgerechnet dem wissenschaftlich orientierten Astronomen zur rechten Zeit ins Ohr geflüstert wurde, sondern der Inhalt, das ihm zugeordnete Prinzip. Erst später erhielten die Wandelsterne eine Bezeichnung, und zwar je nach dem kulturellen Kontext, aus dem heraus man sie betrachtete.

So kommt es z.B., daß Venus, die bei den Griechen aller Wahrscheinlichkeit deshalb ihren Namen bekam, weil sie als hellster und strahlendster Planet das griechische Ideal von Schönheit am ehesten verkörperte, bei den alten Ägyptern Osiris hieß, ein männlicher Gott also, mithin eine Entsprechung etwa dessen, was die Griechen einen Göttervater genannt hätten, der in der griechischen Astrologie wiederum einem Planeten zugeordnet wurde, den die Ägypter gar nicht als Gottheit betrachteten. [20] Ähnliche Bedeutungsverschiebungen der Planetenprinzipien - KNAPPICH nennt sie "Zeitkleider" [21] - lassen sich für nahezu alle Wandelsterne durch den geschichtlichen Werdegang der Kulturen finden - man denke nur an das "Mysterium", daß der Mond sich in einigen, und zwar nicht gerade wenigen, Kulturen anmaßt, männlichen Geschlechts zu sein, was Stilblüten treibt wie die Umbennenung in "Mondin" u.ä. Übrigens ein Paradebeispiel für den totalitären Anspruch, den AstrologInnen gerne ihrer Zunft zumuten, die sich gegen eine Pluralität von Mythologien wehren zu müssen glauben: da liegt dann wohl eher eine "merkwürdige Verwechslung oder Verdrehung" vor .

Auf einen Nenner gebracht: Die Anschauung des betreffenden Planetarprinzipes, seine Besonderheiten in der Laufbahn, seine Gestalt, seine Farbe führten zur Namensgebung und dann erst zur Anknüpfung des entprechenden Mythos, jeweils verquickt mit dem kulturellen Stellenwert, den man dem Planeten zubilligte.

Ohne näher auf die sich hieraus ergebende Problematik für Neptun, Uranus und Pluto einzugehen, soll damit gesagt werden: Die Ableitung einer wie auch immer gearteten Interpretation eines "neuen" Horoskopfaktors allein aus dem Gutdünken der Namensstiftung, entspricht in keinster Weise wirklich astrologischem Denken, dem die Betrachtung und die Anschauung vorangeht und nicht der Begriff selbst.

Nahezu unhaltbar wird das Ganze, wenn es mit "Archetypischem" in Verbindung gebracht wird, da so keine Chance mehr besteht, sich aus kritischer Distanz mit den neuen Erkenntnissen auseinanderzusetzen, die sich so dem Zugriff unserer Vernunft entziehen.

VON DER BUCHHALTUNG DES UNBEWUßTEN

Nach dem Tode Gottes gelang es Gott-sei-Dank recht schnell einen Ersatzmythos zu annektieren, der den Vorteil hatte, keinen religiösen Anstrich mehr zu besitzen, sondern sich auch noch aufgrund seiner wissenschaftlichen Provenienz gewissermaßen "objektiv" gerierte: die JUNGsche Archetypenlehre. Seither ist fast keine astrologische Publikation mehr denkbar, die nicht auf irgendeine Art und Weise die "Wahrheit" ihrer Erkenntnis auf das Wollen und Walten von Archetypen zurückführen darf. [Anmerkung 1]

Daß es sich hier lediglich um einen weiteren Super-Mythos, eine Meta-Erzählung handelt, unter den sich die Summe astrologischer Erkenntnisse zu einem systematischen Ganzen hinformuliert werden soll, ist leicht darzustellen.

Archetypen können per definitionem nicht von uns beherrscht werden, sie gleichen eher einem Verhängnis, mit ihrer Hilfe hat sich Astrologie nie wirklich vom Gedanken der Schicksalshaftigkeit gelöst. Das Unbewußte fungiert hier als ein biologisch einheitlich organisiertes Reservat, in dem Symbole als raum- und zeitübergreifende Realia abgelegt sind, wie in einem Archiv, einem Museum der Universalien der menschlichen Kollektivseele. Die JUNGsche Wissenschaft des Unbewußten "läßt sich angemessen beschreiben . als Buchhaltung der poetischen und mythologischen Urbilder" [22], die unsere Existenz abseits jeglicher denkbarer Einflußnahme des Individuums vorwegnehmen. Oder wie JUNG selbst sagt: "

Vom Unbewußten gehen determinierende Wirkungen aus, welche, unabhängig von Übermittlung, in jedem einzelnen Individuum Ähnlichkeit, ja sogar Gleichheit der Erfahrung sowohl wie der imaginativen Gestaltung gewährleisten. Einer der Hauptbeweise hierfür ist der sozusagen universale Parallelismus mythologischer Motive." [23]

Aber "jeder Glaube verschafft sich seine Wunder, und jeder Gläubige tritt ein in die Zeugenschaft der mirakulösen Glossolalie, das fremde Gestammel für eigenes haltend", was bezogen auf die Vorgehensweise JUNGs heißt, daß dessen Beweisversuche und Dokumentationen in der psychoanalytischen Praxis, die zeigen sollten, "daß seine Patienten spontan, in seelischer Tätigkeit eigener Ordnung, die Symbole des kollektiven archaischen Unbewußten zu produzieren vermochten", letztlich "nur tiefer in die Labyrinthe theoretischer Verblendung" führen: "Solche Zeugnisse haben den gleichen Beweiswert wie das Protokoll einer spiritistischen Sitzung." [24]

So hart man hier auch mit JUNG in diesem einen Aspekt ins Gericht geht, was um keinen Preis den Gesamtverdienst dieses genialen Denkers für die Zeitgeschichte schmälern soll: es bleibt die hohe Wahrscheinlichkeit, daß die Archetypenlehre zu guter Letzt nichts weiter bleibt als "die raunende mythologische Zeugenschaft eines eindrucksvollen wissenschaftlichen Irrtums" [25], innerhalb dessen JUNG der Täuschung seiner eigenen Projektionen erlag.

ZUR ANARCHIE DES SPRECHENS

Mit der Rücknahme der Archetypen aus dem astrologischen Repertoire fiele diese letzte Bastion der Schicksalsgläubigkeit und es öffnete sich ein ganz anderer Zugang zum Mythos schlechthin, der auf der fundamentalen Tatsache basiert, daß eine Wahrheit oder Authentizität von Erfahrungen nur im Rahmen der Beziehungen begriffen werden kann, in der sie entstehen. Diese wiederum erwachsen aus dem ununterbrochenen Adaptionsprozeß des heranwachsenden Menschen in seine kulturelle Identität als sprechendes Mitglied einer Bezugsgruppe mit einer etablierten Symbolordnung.

Das Unbewußte kennt nur ein einziges Gesetz: seine unendliche Entzugstendenz. Es läßt sich nicht festsetzen in einer "musealen Bilderwelt, in der Götter, Gott, die Religion" eine archetypische Ordnung konstituieren. Erst die Sprache macht den Mythos zum Mythos (gr. "Wort, Rede, Erzählung"), und als solcher ist er an die Fähigkeit des Menschen gebunden, sich Wirklichkeiten zu erschaffen, die erst im Moment ihrer Schöpfung Praktikabilität erlangen, nicht vorher und a priori.

Wenn wir Abstand nehmen von der Sklerotisierung des Unbewußten als Katalog der Symbolsprache und uns erneut auf die "anarchische Bewegung des Sprechens" konzentrieren, bei der der Mensch als Autor seiner Mythen wiedereingesetzt wird und nicht zur Marionette einer absoluten Organisation der Seele oder gar Gottes degradiert wird, können wir in der Astrologie wieder an dem erzählerischen Reichtum und an der ästhetischen Faszination des Mythischen teilhaben, uns erneut inspirieren lassen von der Qualität des Allegorischen - und zwar ohne den Mief des unentrinnbar Fatalistischen. Dies bedeutet den Mythos nicht zum Dogma sondern zur Sprache zu erheben, deren Kraft darin begründet liegt, das Unbekannte "anders" zu "reden" (vgl. Allegorie von gr. allos-agoreinein: "anders-reden"), fernab jeglichen Versuches, damit Realia und Dogmen je nach gusto in die menschliche Psyche zu implantieren.

AstrologInnen selbst werden ihre Rolle im gleichen Zuge anders wahrnehmen können: sie werden sich nicht mehr dahingehend verleiten lassen, sich als kraft ihrer Intuitionsfähigkeit selbst eingesetzte Haruspices zu betrachten, welche astrologische Zeichen als Sprache der Wahrheit entziffern, indem sie mit mantischer Gebärde an den Ufern des MARE JUNGIANUM Archetypen zu einem Verstehensganzen bündeln. AstrologInnen werden sich künftig bemühen müssen, für jede/n einzelne/n eine eigene Sprache zu finden, einen eigenen Mythos zu entwickeln, eine eigene Sonne mit eigenem Licht, das in sich die Antworten auf die eigenen Fragen beherbergt. Zugleich heißt dies gewahr sein, daß Astrologie als "nützliche Fiktion" lediglich kulturelle Parameter widerspiegeln kann und nur insofern zu ähnlichen Erfahrungen in ein und demselben Kulturkreis führen wird. Damit steht die dringende Herausforderung, sich stets am Puls der Zeit zu bewegen, um die Symbole an entsprechende Paradigmenwechsel anzupassen.

Das Horoskop wird so gesehen zu einem Instrument der Sinn-Schöpfung und nicht mehr der verkrampften Sinn-Suche, die nicht selten unter der Regie des Archetypischen in eine Strategie der Entschuldigung für das So-und-Nicht-Anders mündet. Die Frage, die wir an die Astrologie stellen lautet dann nicht mehr: "Was ist der Sinn der Dinge?", sondern "Welchen Sinn kann ich den Dingen verleihen?" Statt also alles Leben auf vordefinierte Schemata zu reduzieren, beginnen wir dem Leben wieder Vielfalt und Möglichkeiten einzuräumen, um Platz für angemessene Antworten unter sich ständig verändernden Bedingungen zu erzeugen.

Nach all den Strangulierungen durch den JUNGschen Psychologos, abseits des "Präjudiz des Menschseins", dem keiner entgeht [26], kann so gezeigt werden, daß Astrologie wohl in der Lage ist als "anti-totalitäre Option" in der Postmoderne zu bestehen. Astrologie nach dem Tode Gottes heißt, Astrologie nicht mehr als Super-Mythos funktionieren zu lassen, der alle Mythen unter sich vereint. Es heißt erkennen, daß sie selbst ein Mythos - eine Erzählung ist: Und in meinen Augen mit eine der nützlichsten - und zweifellos schönsten.

 


 

Anmerkung 1: Um es gleich vorweg zu nehmen: Ich bin kein Psychologe und kann auch nicht aus dem Stegreif das gesamte Werk C.G. Jungs aufsagen - doch geht es hier nicht um die Würdigung eines der größten Psychologen unserer Zeit, sondern um seine verfremdete Rezeption in der modernen Astrologie, die sich vielfach durch einen geradezu exuberanten Gebrauch JUNGscher Terminologie im Sinne einer Rechtfertigungstaktik auszeichnet - und gegen diesen beziehe ich Stellung, nicht gegen die ernsthaften Versuche, dieses Gedankengut mit astrologischem Wissen kritisch zu verschränken.

--- © Christopher Weidner

 


 

QUELLENANGABEN

[1] zit. nach LIONEL, FREDERIC: Die heilige Astrologie. Freiburg im Breisgau 1987; S.46
[2] vgl. VON GLASERSFELD, ERNST: Einführung in den radikalen Konstruktivismus. In: Watzlawick, Paul (Hg.): Die erfundene Wirklichkeit. München 1994; S.21
[3] WATZLAWIK, PAUL: Bausteine ideologischer ¯Wirklichkeiten®. In: Watzlawick, Paul (Hg.): Die er- fundene Wirklichkeit. München 1994; S.195
[4] zit. nach WEISCHEDEL, WILHELM: Die philosophische Hintertreppe. München 1975; S.262
[5] zit. nach ROSS, WERNER: Der Ängstliche Adler. Stuttgart 1980; S.584
[6] ROTH, FLORIAN, DR.: Politik nach dem Tode Gottes. Thesenpapier zu dem gleichnamigen Vortrag gehalten im Oktober 1996 in München.
[7] VON GLASERSFELD, ERNST a.a.O.; S.31
[8] ebd. S.23
[9] ebd. S.22f
[10] RUDHYAR, DANE: Das astrologische Häusersystem. Reinbek bei Hamburg 1992; S.10
[11] HIGHWATER, JAMES: Sexualität und Mythologie. Olten 1992; S.21
[12] vgl. RUDHYAR, a.a.O.
[13] ebd.
[14] ebd.
[15] WELSCH, WOLFGANG: Unsere postmoderne Moderne. Berlin 1993; S.4.
[16] ebd.
[17] ebd.
[18] ENGELMANN, PETER in: Postmoderne und Dekonstruktion. Stuttgart 1990; S.9
[19] ebd. S.12
[20] BUDGE, E.A. WALLIS: The Gods of the Egyptians. New York 1969. Vol 2 S. 302f.
[21] KNAPPICH, WILHELM: Geschichte der Astrologie. Frankfurt am Main 1988; S.5
[22] SCHNEIDER, MANFRED: Über den Grund des Vergnügens an neurotischen Gegenständen. In: BOHRER, KARL HEINZ (Hrsg.): Mythos und Moderne. Frankfurt/Main 1983. S.210.
[23] JUNG, C.G.: G.W. VIII/I. S.73
[24] SCHNEIDER, MANFRED a.a.O.; S.210
[25] ebd.
[26] JUNG, C.G.: G.W. VII/I. S.78

 

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