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Autor: Dr. Peter Niehenke
Bei dieser Einführung in die Astrologie handelt es sich um Auszüge aus dem Buch von Dr. Peter Niehenke: "Astrologie - Eine Einführung" (Reclam-Verlag 1994 - ISBN 3-15-007296-4). Auf astrologix veröffentlicht mit frdl. Genehmigung des Autors.

Astrologie - Eine Einführung:


Kapitel 5.1:

"Legierungen"

 

Das Horoskop ist eine Gestalt. Die Elemente des Horoskops dürfen daher nicht isoliert gedeutet werden, da alle Elemente wechselseitig aufeinander bezogen sind.

Die Bezogenheit der einzelnen Konstellationen aufeinander läßt sich sehr gut veranschaulichen an den drei persönlichsten Faktoren des Horoskops: Aszendent, Mond und Sonne. Diese drei Horoskop-Faktoren bilden eine elementare Grundstruktur, die wesentliche Bereiche der Individualität eines Menschen (wenn auch zunächst vereinfachend) anspricht und zu einer Ganzheit vorstrukturiert.

 

Die "Legierung" von Aszendent, Mond und Sonne

 

Der Aszendent steht dabei, wie in Kapitel 4 erläutert wurde, für die habituellen Muster dieser Person, den Stil ihres Sich-in-der-Welt-Bewegens, die äußere, zuerst sichtbare Seite ihres Verhaltens. Der Mond eröffnet etwas über die emotionale Bedürfnisstruktur des betreffenden Menschen, seine "Resonanzfähigkeit" im Kontakt mit anderen, in gewissem Sinn eine Schicht "unter" der des Aszendenten: die Art der Reaktion, der Stil des Handelns im Falle emotionaler Beteiligung. Die Sonne schließlich erlaubt Rückschlüsse auf die "Geisteshaltung", auf bewußte Werthaltungen und das damit meist verbundene Ich-Ideal. Aus diesem Ideal resultierende Handlungen haben nicht den gleichen Grad an "Reflexhaftigkeit" wie etwa die habituell eingespielten Muster, die aus dem Aszendenten ableitbar sind. Die Sonne zeigt sich mehr darin, wie ich zu bestimmten Dinge stehe, nicht so sehr darin, wie ich mich gebe.

Das erste Beispiel sei ein Mann mit dem Aszendenten im Zeichen Widder und der Sonne im Zeichen Krebs. Stellen wir uns nun vor, dieser Mann werde verbal oder körperlich angegriffen ("angepöbelt"): Noch bevor er einen Gedanken gefaßt hat, wird er reflexartig dem Gegner vielleicht einen Kinnhaken verpaßt haben; er tendiert zu sehr heftigen Reaktionen, und zu "aggressivem" Verhalten . "Zu Hause" (oder: Zur Ruhe gekommen) mag er sich dann Vorwürfe machen, mag sich überlegen, daß diese Reaktion gar nicht nötig gewesen wäre, daß der andere es eigentlich doch gar nicht so bös gemeint hatte, daß er die Situation doch auch hätte friedlich beilegen können ...

Dieser Konflikt dürfte besonders intensiv erlebt werden, wenn zwischen Sonne und Aszendent ein Quadrat besteht.

Eine andere Variante des gleichen Prinzips könnte so aussehen: Der Mann versucht zwar tatsächlich sogleich "inhaltlich" eine friedliche Beilegung der Sache anzustreben, tritt aber dabei kämpferisch, fordernd auf, demonstriert also in Gestik, Tonfall, Mimik usw. (also im Stil seines Verhaltens) seine durchaus vorhandene Kampfbereitschaft. Er wäre in diesem Fall so ein wenig der Vertreter der Gattung "Rauhe Schale, weicher Kern".

Dies Verhalten würde sicher leichter gelingen, wenn die Sonne ein Trigon auf den Aszendenten werfen würde.

Nun nehmen wir als zweites Beispiel den umgekehrten Fall, also jemanden mit dem Aszendenten im Zeichen Krebs, der Sonne dagegen im Widder, und gehen davon aus, daß er in die gleiche Situation gestellt ist. Hier nun würde ich erwarten, daß der Betreffende sich spontan eher zurückhaltend verhält. Er wird also, wenn er "angerempelt" wurde, zunächst vielleicht eher schüchtern erscheinen, vielleicht auch ängstlich, wohl spürend, daß der andere eine Auseinandersetzung sucht. Dieser Mann mag sich "zu Hause" dann vielleicht genau gegenteilige Vorwürfe machen, mag sich vorhalten, daß er sich das nicht hätte gefallen lassen dürfen, daß er dem anderen hätte einen Kinnhaken verpassen sollen usw. Seine bewußte Werthaltung (Sonne im Widder) erlebt Kampfbereitschaft als etwas Positives, assoziiert mit Begriffen wie Mut. Von daher mag er sein eigenes Verhalten als Schwäche oder Feigheit deuten.

Auch dieser innere Konflikt würde sicher bei einem Quadrat von Sonne zum Aszendenten dramatisiert.

Oder aber, er mag von Beginn an, seinen bewußten Werthaltungen folgend, kampfbereit sein, mag dem anderen durch seine Entschiedenheit deutlich signalisieren, daß er vor einem Kampf keineswegs zurückschrekken wird, mag aber gleichzeitig so etwas wie "guten Willen" zeigen, vielleicht durch Bemerkungen wie: "Komm, mein Junge, laß die Späße!" oder vielleicht auch: "Wenn Du eine Schlägerei brauchst, dann such Dir gefälligst jemand anderen!"

Auch hier würde diese Form des Verhaltens wahrscheinlicher, wenn die Sonne im Trigon zum Aszendenten stünde.

Wenn ich in diesem Sinne die Dreiheit von Aszendent, Mond und Sonne deute, dann kommt "Leben" in die Beschreibung. Nachvollziehbare Differenzierungen zwischen Spontan-Verhalten und Ich-Ideal, zwischen "mehr äußerlich (reflexartig)" und "mehr bewußt (entschieden)" führen weg von etikettierenden Deutungen ("Sie sind ein einfühlsamer Mensch"), führen dagegen hin zu Verhaltens-Figuren, typischen Abläufen, also zu Prozeß-Beschreibungen.

 

Kapitel 5.2:

Ein Muster-Gutachten

 

Das nun folgende Gutachten wurde im Jahre 1980 für einen damals 12jährigen Jungen im Auftrage der Eltern erstellt. Es handelte sich um eine sog. "Blinddiagnose", d. h. es gab keinen persönlichen Kontakt zwischen mir (dem Gutachter) und dem Kind.

Ich habe es mir zur Regel gemacht, die (ggf. schriftliche) Einwilligung eines Kindes einzuholen, bevor ich einen Auftrag von Eltern annehme, ihnen das Horoskop ihres Kindes zu deuten, wenn das Kind 14 Jahre alt oder älter ist. Bei jüngeren Kindern hat diese Maßnahme wenig Sinn, da es für die Eltern kein Problem darstellt, ein Kind zur Abgabe einer solchen Einwilligung zu bewegen.

Bei der Abfassung des Gutachtens versuche ich, mich gegenüber den Eltern zum Anwalt des Kindes zu machen, d. h. um Verständnis für seine Art zu werben. Dabei ist es wichtig, mögliche "Charakterschwächen" (das charakterliche Niveau ist aus dem Horoskop allein nicht erschließbar, ebensowenig wie das Intelligenz-Niveau) anzusprechen, sie aber in einen Kontext zu stellen, der einen sinnvollen erzieherischen Umgang damit ermöglicht.

Um die Deutung in Ansätzen nachvollziehbar zu machen, wurden die Konstalltionen, auf die sich die einzelnen Passagen der Deutung beziehen, mit angegeben (als Fußnoten - nur im Reclam-Bändchen).

Horoskopzeichnung ca. 34KB
Die Horoskopzeichnung (Farbe, ca. 34 KB - bitte die Grafik "anklicken")

 

Das Gutachten

Sehr geehrte Eltern

Die Deutung eines Kinderhoroskops im Auftrage der Eltern ist immer eine besondere Verantwortung und auch eine besondere Schwierigkeit, weil man ja nicht wissen kann, auf welchen Boden sie fällt.

Mir ist es deshalb wichtig, Sie noch einmal auf die Passagen meiner Broschüre hinzuweisen, die sich mit den Aussagegrenzen des Horoskops befassen: Weder das Intelligenz-Niveau noch ein "guter" oder "schlechter" Charakter sind aus dem Horoskop ablesbar. Was man beschreiben kann, sind Möglichkeiten bzw. Gefährdungen, die mit bestimmten Eigenheiten zusammenhängen können, und man kann versuchen, die Grundlagen dieser Eigenheiten zu erfassen.

 Ihr Sohn ist ein anspruchsvolles Kind, und er will hoch hinaus.

Es verlangt von den Eltern viel Fingerspitzengefühl, einerseits den Geltungsdrang des Kindes etwas zu bremsen, andererseits aber seinen empfindlichen Stolz dabei nicht zu verletzen. Ein Astrologe sagte einmal: "Sie können von einem Löwen viel erwarten; bitte versuchen Sie aber nicht, ihn ausgerechnet zu Bescheidenheit zu erziehen." Dies gilt sicher auch für Ihren Sohn. Sie würden ihn zur Verleugnung seines Wesens zwingen, wollten Sie ihn zu Bescheidenheit oder gar Unterwürfigkeit anleiten, und Sie würden ihm damit sehr schaden.

Andererseits wäre es ebenso gefährlich, ihn in seinen sicherlich schon früh zutage tretenden selbstüberschätzenden Haltungen zu unterstützen. Es kommt im Gegenteil darauf an, ihn ohne Abwertung und Moralisieren diese Haltung bewußt zu machen, ihn darauf aufmerksam zu machen, was er da tut, ihm zu zeigen, daß man es bemerkt, und ihn so zu Selbstkritik anzuregen. Sicher wird ihm diese Selbstkritik leichter fallen, wenn man ihm vermittelt, daß Selbstkritik eine Fähigkeit ist, zu der Mut gehört, und daß sie außerdem nicht für seinen Stolz abträglich zu sein braucht.

Ihr Sohn hat einen großen Leistungsehrgeiz, und sicher auch eine große Leistungsfähigkeit, hat Einsatzbereitschaftabd, zeigt Begeisterungsfähigkeit für ein Ziel bzw. eine Aufgabe und kann auch bei Widerständen durchhaltene, wenn er vom Wert seines Tuns im Innersten überzeugt ist. Seine Risikobereitschaft und seine Lust am Abenteuer wird ihn zu mancher Tollkühnheit verleiten, nicht zuletzt wohl auch, um Kameraden damit zu beeindruckenbe. Dieses "Sich-in-eine-Sache-stürzen" kann im späteren Leben die Form annehmen, daß er in Bereiche eindringt, die er nicht zu halten vermag -etwa im Beruf-, sich an Aufgaben wagt, die zwar "ehrenvoll" sind, mit denen er sich aber schlicht übernimmt.

Manchmal hat er aber auch einfach nicht die Geduld, bis zum Erreichen der von ihm angestrebten Ziele abzuwarten, möchte die Früchte seiner Arbeit (insbesondere im Hinblick auf die damit verbundene Geltung) schneller haben. Vor diesem Hintergrund muß man wohl manche Prahlerei oder sogar evtl. vorkommende Lügen als Vorwegnahme angestrebter Erfolge betrachten. Die beste Reaktion darauf ist sicher, einerseits Verständnis für seine Ungeduld zu zeigen ("Das ist das, was Du anstrebst und vielleicht auch erreichen wirst; und es fällt Dir schwer, zu warten, bis Du wirklich soweit bist."), andererseits ihn aber (doch ohne "moralischen Zeigefinger") auf die Unangemessenheit hinzuweisen, evtl. auch an seinen Stolz zu appellieren, etwa in dem Sinne: "Du hast es doch nicht nötig, aufzubauschen."

Es ist nur ein kleiner Schritt vom harmlosen "Jägerlatein": Ein Ausschmücken und Interessanter-Machen (und damit natürlich auch sich selbst etwas interessanter machen), zur Prahlerei mit regelrechten Unwahrheiten, und von dort ist es nur noch ein Schritt zum regelrechten Betrug an der Mitwelt. Im Kindesalter geht häufig alles noch ineinander über und deutet oft einfach auf eine noch nicht kontrollierbare Phantasietätigkeit. Für die Eltern ist wichtig, immer wieder geduldig auf "die Realität" hinzuweisen, die Folgen solcher Handlungen zu erklären (etwa Vertrauensverlust bei den Mitmenschen oder aber die Gefahr, sich lächerlich zu machen). Ebensowichtig ist aber, dabei möglichst nie Angst zu machen, sondern es einfach zu erklärena.

Eine andere Sache ist, ob nicht Sie als Eltern ungewollt solche Verhaltensweisen vielleicht unterstützen, weil Sie "ehrgeizig für Ihre Kinder" sind, Ihrem Sohn evtl. das Gefühl geben, daß er so richtig nur akzeptiert wird, wenn er auch etwas leistet.

Fatal wäre aber auch das Gegenteil: daß Sie nämlich seinen Leistungsstolz dadurch enttäuschen, daß Ihnen scheinbar gar nichts an Leistungen liegt. Es kommt, wie immer, auf das rechte Maß an, und Sie müssen wissen, daß Ihr Sohn gern beachtet (auch bewundert) werden möchte, und dazu muß man auf etwaige Erfolge auch wirklich eingehen.

Es ist verständlich, daß ein Kind mit einem empfindlichen Stolz es schwer hat, begangene Fehler einzusehen, was im Erwachsenen- aber auch schon im Jugendalter zu rechthaberischen Verhaltensweisen führen kann. Er hat zwar ein gut entwickeltes Gerechtigkeitsgefühl, doch es gibt ein Nietzsche-Wort, das hier vielleicht paßt: "`Das hast Du getan`, sagt Dein Gedächtnis. `Das kannst Du nicht getan haben`, sagt Dein Stolz. Endlich - gibt Dein Gedächtnis nach."

Es ist hier wichtig, ihm vorzuleben, wie man einen Fehler akzeptieren und einsehen kann, ohne daß damit der eigene Selbstwert in Frage gestellt wird. Ein gutes Übungsfeld bietet dafür bei Kindern noch das Spiel: dort geht es nämlich um die Fähigkeit, gelassen ein Verlieren zu akzeptieren. (Löwe-Thema)

Nun könnte ich mir vorstellen, daß Ihr Sohn zuweilen eine Handlungsweise auch da für sich beansprucht, wo er sie anderen nicht unbedingt zubilligt. Das hängt damit zusammen, daß er sich im Innersten als "etwas Besonderes" empfindet und daraus auch gewisse Privilegien ableitet, die er schon von vornherein zu haben glaubt, einfach deshalb, weil er der ist, der er ist, die er sich also nicht etwa erst verdienen muß. Es ist möglich, daß diese Haltung an ihm gar nicht so auffällt, weil er diese Privilegien nicht in dem Sinne direkt fordert, sondern weil sie eine so selbstverständliche Erwartung von ihm sind, daß sie auch oft von der Umgebung erfüllt werden.

Im Verhalten seinen Altersgenossen gegenüber äußert sich seine Überzeugung von der Einzigartigkeit seines Wesens am ehesten in einem selbstverständlichen Führungsanspruch, der vermutlich von den Altersgenossen auch akzeptiert wird, weil Ihr Sohn die notwendige Aggressivität besitzen dürfte, diesen Anspruch auch durchzusetzen. Doch hängt dies ein wenig von seiner körperlichen Konstitution ab, denn im Kindesalter zählt noch am ehesten die körperliche Stärke. Ist diese Konstitution eher schwach, so fehlt ihm natürlich der Hebel für die Durchsetzung seiner Ansprüche.

Darauf sind zwei Reaktionen möglich: Zum einen ist er u.U. sehr geschickt, Gruppenprozesse, Situationen günstiger Art für sich auszunützen, ohne daß es zu einem offenen Konflikt kommen muß. Er kann dann auch mal warten auf einen günstigen Moment, und manchmal mag es ihm auch reichen, "im Hintergrund" die Fäden in der Hand zu halten, in gewissem Sinne unbemerkt seinen Willen durchzusetzen. Zum anderen ist es möglich (was ich aber für unwahrscheinlich halte), daß er zwar innerlich von der Berechtigung seines Anspruchs überzeugt ist, diese Überzeugung aber keiner Bewährungsprobe aussetzt. Es bleibt dann ein "heimliches Prinzentum", um das nur er weiß.

Dieser letzte Fall könnte Ursache ernster Kontaktschwierigkeiten sein, es käme zu Absonderungstendenzen von anderen aus dem Gefühl heraus, von denen nicht verstanden (was auch heißt: nicht gebührend gewürdigt) zu werden, und später im Alter kann aus einer solchen Haltung regelrecht Einsamkeit werden.

Es ist wichtig, bei Ihrem Sohn schon früh Verständnis für das außerhalb seines Wesens liegende zu fördern, für die Fähigkeit, sich in andere hineinzudenken und dabei evtl. auch vorzustellen, wie wohl das eigene Verhalten auf anderen wirken mag.

Der Hintergrund all dieser Probleme, die ich Ihnen hier so ausführlich schildere, ist bei Ihrem Sohn eine besondere Sensibilität für die Frage: Wer bin ich? Hinter diesem Gefühl, etwas Besonderes zu sein, steckt geradezu eine Angst, er könnte so gewöhnlich sein wie andere. Für manche Menschen macht es keine Schwierigkeiten, sich vorzustellen und dies auch zu akzeptieren: Ich bin ebenso wie andere auch. Für Ihren Sohn ist das anders, besonders wohl auch jetzt in der Pubertät: er kann nicht leben mit der Vorstellung, einer von ganz vielen, ein Wassertropfen im Meer zu sein. Man könnte es als eine Aufgabe seines Horoskops bezeichnen, daß er im laufe seines Entwicklungsprozesses den tieferen Sinn dieser Angst verstehen lernt und sie damit überwindet.

Hinzu kommt, daß Ihr Sohn, wie ich es ja auch schon beschrieben habe, ein starkes Gespür für Machtverhältnisse hat, das Bedürfnis zeigt, bestimmend auf andere Menschen einzuwirken, im Gegensatz dazu aber Einschränkungen seiner Handlungsfreiheit oder seines Kompetenzbereichs nahezu als eine Art "Majestätsbeleidigung" empfindet. Menschen wie er handeln oft wie aus einem höheren Auftrag heraus, was ihnen eine absolute Überzeugung von Wert und Würdigkeit der von ihnen vertretenen Sache gibt.

Für seinen späteren Beruf bedeutet das u.a., daß er mit der Unterordnung Probleme haben wird. Er braucht in seinem Beruf einen Bereich, über den er "herrschen" kann, einen eigenen "Machtbereich", in den ihm niemand hineinreden kann und darf. Einzig eine "echte" Autorität, die sich sowohl durch Qualifikation als auch durch eine "hohe Geisteshaltung" als berechtigte Autorität ausweist, wird er als Führung wirklich anerkennen.

In seinem Innersten sucht er eine solche Autorität auch, wünscht sich ein solches Vorbild (was im Kindesalter noch der Vater sein kann, doch wird um die Pubertät herum meist der Vater als Vorbild abgelöst - dies kann für den Vater u.U. ein recht schmerzhafter Prozeß sein, der aber gut und notwendig ist!). Für eine Übergangsphase können Idole verschiedenster Art an die Stelle treten. Seinem Wesen nach ist er allem "Höheren" geöffnet, was konkret sehr Verschiedenes sein kann, und für ihn wird die Frage nach dem "Sinn" seines persönlichen Lebens immer einen besonderen Stellenwert haben.

Diesen "Sinn" kann man außen suchen und innen, und manchmal sucht man etwas, ohne selbst zu wissen, daß es die Frage nach dem Sinn des eigenen Lebens ist. Vielleicht wird er, fernhungrig wie er ist, weite Reisen machen und seinen Gesichtskreis so zu erweitern suchen. Er hat ohnehin das Gefühl, daß die Verhältnisse zu Hause bzw. in der Heimat für ihn "zu eng" sind. Er sucht Weite, Fülle an Möglichkeiten, seine Sicht ist die auf "große Linie".

Ist er mehr der "geistige" Typ, so führt ihn die Sicht auf große Linie wohl bald zu weltanschaulichen, evtl. religiösen, später wahrscheinlich politischen Fragestellungen. Ihr Sohn sucht nach "Bedeutung" in seinem Leben, was auch heißen kann, nach einem "bedeutenden" Leben, und deshalb ist es für ihn so unmöglich, sich als "Rädchen" vorzustellen, denn mit einem Rädchen ist die Vorstellung von Bedeutungslosigkeit verbunden.

Natürlich liegt bei seinem Gespür für Macht der Gedanke an politische Tätigkeit nahe. Im Kindesalter äußert sich diese Richtung evtl. in frühem Interesse an Geschichte, Geografie, später dann auch an rechtlichen und in weiterem Sinne philosophischen Fragen. In der einen oder anderen Form sucht er ohnehin die Auseinandersetzung mit "kollektiven Kräften" oder mit den Trägern kollektiver Meinungsbildungen (was Autoritätspersonen an der Schule sein können, später an Institutionen politischer Art - es könnte aber auch in Richtung religiöser Institutionen gehen). Hier wird sich dann seine "Lust an Diskussionen" (im Sinne von "Streit"-Gesprächen) austoben können, hier kann seine "Lust an der Kritik", die Fähigkeit, mit sezierender Schärfe einen Gegner "auseinanderzunehmen" ein Feld finden, denn in der Politik ist Polemik ja durchaus gefragt.

In all diesen Dingen spielt eine große Rolle immer wieder das Verhältnis von Ideal und Wirklichkeit, von Schein und Sein. Mit untersuchendem Spürsinn entdeckt er "Risse" im schönen Schein, kann mit sehr viel "moralischem Vorwurf" alle möglichen Unsauberkeiten aufdecken und kann die Sprache als ein Mittel der Aggression verwenden, sei es durch Schroffheiten, die er als Wahrheitsliebe ausgibt, sei es durch Haarspaltereien.

Besonders stark reagiert er wahrscheinlich auf "Mißbrauch von Macht", wobei er u.U. genau das anprangert, was in seinem eigenen Wesen als Gefahr durchaus angelegt ist.

Auf der anderen Seite hat er aber auch echte Toleranz: Jeder soll nach seiner eigenen Facon selig werden können. Er ist einfach in einem Konflikt zwischen Kompromißbereitschaft, auch einer Großzügigkeit (die aus einem inneren Gefühl von Würde erwächst) und auf der anderen Seite Angriffslust, Spaltungstrieb.

Die politische Szene ist m.E. zwar ein "geeigneter" Ort für das Ausleben all der beschriebenen Seiten, doch muß es nicht sein, daß Ihr Sohn diese Möglichkeit aufsucht. Es kann sein, daß er z.B. aus moralischen Gründen diese Probleme in den religiösen Bereich verlagert, es kann aber auch sein, daß er diese Probleme überhaupt nicht bewußt erlebt.

In diesem Fall äußert sich alles mehr indirekt: Ist er z.B. Kaufmann, so stellt er sich am ehesten wohl die Position des "Unternehmers" vor und denkt an "Welthandel". Eine andere Möglichkeit ist die, daß er als Kaufmann mit den Dingen, die ich oben beschrieben habe, als Ware zu tun hat, z.B. in den Bereichen der sog. Kulturindustrie. Wäre er Musiker, was ich mir nicht vorstellen kann, dann würde er es in Richtung Solist versuchen (nicht als Ensemble-Musiker jedenfalls) oder aber, noch besser, als Dirigent.

Man kann das "Höhere", nach dem man strebt, in einem mehr geistigen Sinn verstehen oder in einem mehr sozialen Sinn (als "hohes Prestige" etwa). Doch immer geht es um ein Grundproblem: meinem Leben eine "Bedeutung" geben zu können, und das heißt eigentlich: einen Sinn.

Zu seinem Zuhause, seinen Eltern und evtl. Geschwistern, hat er ein eher gleichmütiges Verhältnis. Blutsverwandtschaft ist ihm eher eine Bürde: er zieht die Wahlverwandtschaft vor, die Gemeinschaft aufgrund gleicher Ideen, gleicher Ziele oder gleicher Wesensart. Er möchte sich die Menschen, mit denen er zusammenlebt, gern selbst aussuchen, empfindet es als Einschränkung seines Selbstbestimmungsrechtes, daß "einfach durch Geburt" schon bestimmte Menschen für ihn wichtig sein sollen. Es ist von daher zu erwarten, daß er sein Zuhause relativ früh verläßt.

Doch sein Verhältnis zu seiner Heimat, zur Sphäre seiner Herkunft, ist nicht bindungslos. Im Gegenteil wird sie immer in seinem Leben wichtig bleiben, doch mit einer bestimmten Tönung, die vermutlich eher etwas Kühles hat, die für ihn verbunden ist mit dem Gefühl von Eingeschränkt-Sein. Das Verhältnis zu ihr mag von Verantwortung geprägt sein, kaum wird es aber von Liebe geprägt sein.

Inwieweit Sie als Eltern dazu beigetragen haben, können nur Sie selbst entscheiden. Es scheint, als sei durch irgendwelche Umstände in früher Kindheit sein "Schutzbedürfnis", das ein Kind braucht, um sich frei entwickeln zu können, nicht in dem Maße befriedigt worden, wie er es gebraucht hätte, daß er sich vielleicht (z.T. evtl. durch sein eigenes Verhalten provoziert?) auch nicht wirklich geliebt vorkam, sondern eher das Gefühl hatte (haben konnte?), daß zwar verantwortlich und korrekt aber vielleicht nicht liebevoll genug um ihn gesorgt wurde.

Es kann aber auch ganz anders sein, daß nämlich durch "Schicksal" trotz bester Bemühungen der Eltern seine frühe Kindheit Belastungen ausgesetzt war (vielleicht durch Trennungszeiten o.ä.). Was bleibt ist jedenfalls eine gewisse Ablehnung familiärer Intimität, die aus Angst entsteht, denn er braucht und sucht die Nähe und Sicherheit eigentlich. Bei manchen Menschen äußert sich dies dann auch indirekt: sie kaufen Land als ein Symbol für häusliche Sicherheit.

 

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