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Autor: Nils Chr. Hesberg
Der Text ist der Aufsatzsammlung Die Quadratur des Kreises - kritische Fragen zur Astrologie entnommen.

Vølliger Blødsinn
Ein verzweifelter Versuch eine leidige Diskussion zu beenden

 

Seit zehn Jahren habe ich mich mit der Diskussion zum Thema der Häusersysteme nicht mehr beschäftigt. Nun lese ich entsprechende Texte bei astrologix[1]  und stelle fest: Es hat sich überhaupt nichts geändert! Keine neue Idee, kein neues ,Argument', immer noch dasselbe Klein-Klein. Einem Astrologiegegner ist es ein leichtes, die Unwissenschaftlichkeit der Astrologie anhand dieser Diskussion nachzuweisen. Dabei reicht schon - ohne auf weitere Einzelheiten eingehen zu müssen - der Hinweis, daß die Astrologen entweder den Mund aufmachen, ohne sich vorher über den Stand der Diskussion zu informieren, oder sich einlassen, ohne dieses durch neue Aspekte zu rechtfertigen. Beides widerspricht dem Rationalitätsprinzip und dem Prinzip der Ökonomie.

Anhand zweier Beispiele will ich das demonstrieren:

W. BECKER meint zugunsten einer inäqualen Manier, daß innerhalb der Polarkreise nur sehr wenige Menschen leben, für die es die Astrologie sowieso nicht gebe.[2]  Das war vor 1985.

CHRISTOPH SCHUBERT-WELLER meint, innerhalb der Polarregionen seien die Überlebensbedingungen extrem hart, nur Häusersysteme seien relevant, die für den natürlichen Lebensraum des Menschen zwischen den Polarkreisen berechenbar sind.[3]  Dem liegt der gleiche Gedanke wie oben zugunsten inäqualer Systeme zugrunde.

Dies ist Beispiel Nummer eins. Berechtigt ist der Gedanke der Verfechter äqualer Systeme, es müsse auch in den Polarregionen eine den Häusersystemen vergleichbare Einteilung des Horoskops geben. Nun kommt Beispiel zwei:

HANS-HINRICH TAEGER formulierte 1986 den Anspruch "an ein vernünftiges Feldersystem", das "für jeden möglichen Geburtsort der Erde funktionieren sollte" und favorisiert die äquale Manier mit einer Häuserzählung beginnend beim Aszendenten.[4]

Aus genau demselben Grund spricht sich MICHAEL BAUERSFELD 1996 (a.a.O.) für die gleich großen Häuser nach VEHLOW aus.

Und nun kann der Astrologiegegner noch nachtreten und auf die Gedankenlosigkeit der Vertreter der inäqualen Häusersysteme und auf die astronomische Unkenntnis der Vertreter der äqualen Systeme hinweisen, schließlich läßt sich an den Polen auch das MC nicht mehr definieren, von einem Aszendenten im ,herkömmlichen' Sinne darf man innerhalb der Polarregionen sowieso nicht mehr sprechen.[5]

Die ganze Diskussion wird in der Form nur deshalb geführt, weil zwei verschiedene Ebenen durcheinander gebracht werden, ich nenne sie die empirische und die theoretische Ebene. Strenggenommen muß man die ,theoretische Ebene' noch einmal unterteilen: Nach welchen Kriterien soll im Horoskop der Eigenrotation der Erde Rechnung getragen werden? Wie sind die Inhalte einer resultierenden Einteilung zu definieren? Die Ebenen werden in der Form vermischt, daß theoretische Gründe fehlende Empirie rechtfertigen und andersherum, d.h. die Empirie rechtfertigt eine fehlende Theorie.

Das bedarf einiger Erklärungen. Die zweite theoretische Ebene, die Frage nach einer Definition der Inhalte, also was die einzelnen Häuser bedeuten, läßt sich im Weiteren ausklammern. Es sollte eigentlich klar sein, daß, ob nun gleich große - oder verschieden große Häuser verwendet werden, die Bedeutungsinhalte für die entsprechenden Häuser nicht die gleichen sein können. Wenn nun in einem Häusersystem das vierte Haus meinetwegen die Familie repräsentiert, dann kann das nicht für das vierte Haus eines anderen Systems gelten. Welches System nun welchen Inhalt zugrunde legen darf, ist wiederum eine Frage der Empirie. Soweit ich das beurteilen kann, wurde der vernünftige Vorschlag EBERTINS, den "jahrzehntelangen Streit um die Häusermethoden und ihren Deutungsgehalt" durch Sammeln und Austauschen von Erfahrungen zu beenden[6] , bisher nicht berücksichtigt.

Wenn nun die Vertreter eines inäqualen Systems meinen, Astrologie sei innerhalb der Polarkreise nicht relevant, dann ist das zwar unrichtig, aber es liegt ein plausibler Gedanke zugrunde: ,Die Ereignisse, die sich in den gemäßigten Breiten abspielen, machen zu 100% meine astrologische Arbeit aus. Warum soll ich mich um Dinge kümmern, die für mich allenfalls eine ungewöhnliche Ausnahme bilden könnten?' Sehr schön hat das RÜDIGER PLANTIKO formuliert, der feststellt, die skandinavischen Fischer würden lediglich als "argumentative Manövriermasse mißbraucht", um die Vorzüge eines Systems gegenüber anderen zu "beweisen".[7]

Ich arbeite ausschließlich nach dem placidischen System. Sollte mir ein Ereignis interessant erscheinen, das sich innerhalb der Polarregionen abspielt, dann würde ich auf ein Häusersystem verzichten. Manchmal muß man das ja auch bei Geburten, bei denen keine Geburtszeit angegeben ist: man kann nur die Planeten im Bezug zum Tierkreis deuten. Bisher war die Frage nach einem geeigneten System für die Polarregionen für mich lediglich eine Frage von theoretischem Interesse.

Die Idee TAEGERS, es müsse ein Häusersystem geben, das für alle Breiten Gültigkeit hat, geht an den astronomischen Realitäten vorbei. Man muß umformulieren: Die Astrologie sollte für alle Orte der Erde Deutungsregeln bereitstellen.

Die Häusereinteilung ist ja nichts anderes, als die Berücksichtigung der Eigenrotation der Erde im Horoskop in bezug auf den gegebenen Ort.[8]  Die Eigenrotation der Erde hat innerhalb der Polarkreise aber eine ganz andere Qualität, als in den gemäßigten Breiten. Genaugenommen muß man auch die Region zwischen den Wendekreisen unterscheiden, denn hier gibt es die Jahreszeiten innerhalb eines Tages, auch schwindet beinahe der Unterschied zwischen der äqualen und inäqualen Manier. Es geht also in der Theorie darum, für jede Region der Erde eine Einteilung zu finden, die den entsprechenden Bewegungsverhältnissen gerecht wird. Dabei halte ich es für unmöglich, daß es ein für alle Regionen gültiges System gibt, da sich die Bewegung der Erde in jeder Region unterschiedlich manifestiert.

Nun gibt es nicht nur den Unterschied der äqualen zur inäqualen Manier, hinter diesen beiden Systemen verbirgt sich eine Unzahl von Varianten. Welcher dieser Varianten der Vorzug gegeben werden sollte, läßt sich nicht nur durch theoretische Überlegungen ermitteln, denn jede Einteilung, die vorgenommen wird und rechnerisch nachvollziehbar ist, ist auch theoretisch plausibel. Erforderlich ist hier eine exakte Prüfung - an dieser Stelle kommt die Empirie ins Spiel. Also: die Münchner Rythmenlehre bestätigt das placidische System (und andersherum), d.h. astronomisch-harmonische Überlegungen in Verbindung mit exakten Häuserdefinitionen[9]  (die beiden Teile der Theorie) erlauben eine Überprüfung, die zu positiven Ergebnissen im Sinne der Astrologie führen (Empirie). Darüber hinaus läßt sich feststellen - grade bei den rhythmischen Auslösungen wird das ganz deutlich - daß andere Häusersysteme für die Münchner Rythmenlehre ungeeignet sind. Das muß nicht heißen, daß es nicht auch andere Häusersysteme gibt, die für sich Gültigkeitsanspruch erheben können.

Man muß nicht das eine oder andere Häusersystem verfechten, man sollte lediglich seine Erfahrungen mitteilen, die man mit einem System gemacht hat, und zwar nach Plan: Ich habe so-und-so viele Prüfungen vorgenommen (Empirie) unter den-und-den Bedingungen (Theorie). Das führte zu dem-und-dem Ergebnis (Didaktik). Den Lesern blieben Zumutungen erspart und die Astrologie würde einen enormen Schritt nach vorne tun.

In der Diskussion um die Häusersysteme passiert aber etwas völlig anderes, an dieser Stelle will ich doch noch näher darauf eingehen: Zum einen scheinen sich die Vertreter verschiedener Meinungen nicht über die Voraussetzungen der einzelnen Häusersysteme oder gar der Astrologie im klaren zu sein, zum anderen führen sie die Diskussion auf unzulässige Weise, wie oben schon angedeutet wurde. Das placidische Häusersystem und das nach Vehlow mögen hier als Beispiele zur Veranschaulichung dienen.

Die Voraussetzungen, die das placidische System macht, sind dergestalt, daß es nur für die Breitengrade zwischen den Polarkreisen definiert, und daher auch nur dort anwendbar ist. Es erhebt nicht den Anspruch, für alle geographischen Bereiche gültig zu sein. Der Gedanke, der dem zugrunde liegt, ist, mittels placidischer Einteilung eine Repräsentation der Eigenrotation der Erde im Horoskop zu haben, die eben den gegebenen Bewegungsverhältnissen in den relevanten Breiten auf eine ganz bestimmte Art und Weise entspricht.

Jetzt kann man nur auf zwei verschiedene Weisen das placidische System in Frage stellen.
Erstens: Man weist nach, daß die Voraussetzungen falsch sind, etwa dadurch, daß man einen geographischen Ort innerhalb der gemäßigten oder tropischen Breiten nennt, für den sich keine Häuserteilung nach Placidus finden läßt[10], oder man errechnet ein Horoskop nach placidischer Manier für einen Ort der Polarregion.
Zweitens: Man weist nach, daß sich bei Horoskopen placidischer Manier keine relevanten astrologischen Aussagen formulieren lassen.

Der von den Gegnern als Einwand gedachte Hinweis, das placidische System versage in extremen nördlichen oder südlichen Breiten, bestätigt lediglich die gemachten Voraussetzungen, ist also kein zulässiges Argument. Von einer fundierten inhaltlichen Widerlegung kann sowieso nicht die Rede sein.

Nun bin ich, wie bereits erwähnt, kein Vertreter der äqualen Manier und muß mich bei der Beschreibung der Voraussetzungen und deren gedanklicher Begründung auf die hier genannten Autoren stützen.

Die Voraussetzungen lassen sich so formulieren: Der Ascendent (oder das Medium Coeli) bildet einen festen Punkt im Horoskop, von dem aus eine Zählung 30° großer Häuser beginnt, bei Vehlow kommt hinzu, daß der AC exakt in der Mitte des ersten Hauses steht. Der zugrundeliegende Gedanke ist der, damit ein für alle Orte gültiges Häusersystem zur Verfügung zu haben. Für Vehlow bildet die Mitte eines Hauses immer den stärksten Wirkungsgrad, damit rechtfertigt er seine Maßnahme, den AC als markanten Punkt in die Häusermitte zu legen.

Nun stellen sich die in der Weise von mir formulierten Voraussetzungen ganz schnell als falsch heraus, es gibt Orte (exakt auf den Polarkreisen), an denen zu bestimmten Zeiten die Horizontalebene parallel zur Ekliptikebene ist, also der AC die gesamten 360° des Tierkreises belegt. An den Polen andererseits fallen Zenit und Himmelspol zusammen, so daß für diese Orte kein MC definiert ist. Der Gedanke, ein für alle Orte gleichermaßen gültiges System zu haben, muß daher fallen gelassen werden.

Während es bei einem auf MC basierenden äqualen System sehr einfach ist, die Voraussetzungen umzuformulieren, nämlich indem man Horoskope für die beiden Pole als nicht definierbar ausschließt (und damit eine zugegebenermaßen wesentlich breitere Berechnungspalette hat, als bei Placidus), wird der gleiche Versuch für auf dem AC beruhende äquale Systeme ungleich komplizierter. Zum einen definiert sich der AC, sofern es ihn dort überhaupt gibt, für die Polarregionen ganz anders, als für die gemäßigten Breiten, zum anderen ist es kaum formulierbar, für welche Bereiche zu welchen Zeiten das System nicht anwendbar ist.

Gesetzt den Fall, exakte Definitionen lägen vor, dann wäre es rational, der einfachen Theorie den Vorzug zu geben, also hier Placidus oder einer äqualen Manier auf der Grundlage des MC. Da letztere geographisch wesentlich mehr Möglichkeiten eröffnet, wäre sie, sofern man Überlegungen zu den Bewegungsverhältnissen vernachlässigt, schließlich zu favorisieren.

All das passiert nicht. Das zeigt, daß Rationalität eine sehr untergeordnete Rolle spielt - aber das ist nicht nur in der Astrologie so. Akzeptiert man diese Gegebenheit als Tatsache, dann kann man sich auch wieder einer Besprechung äqualer Häusersysteme mit AC als definierendem Punkt widmen. Um kurz zu zeigen, wie die Mechanismen der Argumentation normalerweise ablaufen - und wie es eigentlich nie sein sollte - stelle ich hier die Frage an die Vertreter des vehlow'schen Systems, ob nicht die Häuserspitzen als markante Punkte in die Mitte der Häuser gelegt werden müßten, um ihrer Markanz entsprechend plaziert zu sein...

--- © Nils Chr. Hesberg, 1998

 

Anmerkungen:

[1]  TOMAS J. KLAMM stellt unter http://www.astrologix.de eine Astrologieseite mit Beiträgen verschiedener Autoren zu allen erdenklichen astrologischen Themen zur Verfügung. 

[2]  W. BECKER, zit. in: EGMONT R. DOSTAL; Placidus Häusertabellen - Die Häuser und ihre Berechnung; München.

[3]  CHRISTOPH SCHUBERT-WELLER; Die astrologische Geburtszeitkorrektur; zit. in MICHAEL BAUERSFELD; Placidus = Placebo?!; http://www.astrologix.net/bauer001.htm; Oktober 1996; Stand 4.2.1998. Anmerkung: BAUERSFELD versäumte es leider, Erscheinungsort und -jahr anzugeben. Möglich ist, um eine Kritik an meinen Ausführungen schon vorwegzunehmen, daß BECKER und SCHUBERT-WELLER zeitgleich formulierten. 

[4]  HANS-HINRICH TAEGER; „Zur Problematik astrologischer Feldersysteme“; Astrokalender ‘87 - Sternenlichter; PETRA NIEHAUS, Aachen [1986]. 

[5]  Man darf mir hier durchaus Flüchtigkeit vorwerfen. Die Beispiele dienen hier aber lediglich der Veranschaulichung, sie dienen als Aufhänger für weitere Erörterungen, denen Akribie an dieser Stelle nicht dienlich ist (allerdings auch nicht hinderlich). 

[6]  BALDUR R. EBERTIN; „Das Felderproblem - Wege zur psychologischen Deutung“; Meridian - Fachzeitschrift für alle Gebiete der Astrologie, 1/87. 

[7]  RÜDIGER PLANTIKO; Placidus hat doch Recht! ...; http://www.astrologix.net/artikel/placidus.htm

[8]  Ich bin mir der Schwäche bewußt. Es sind natürlich geometrische Einteilungen denkbar, die sich in keiner Weise zur Erdrotation beziehen lassen. Ich glaube aber, daß dies nicht der Sinn einer weiteren Horoskopeinteilung ist (neben der Tierkreiseinteilung, die ja die Bewegung der Erde um die Sonne repräsentiert), vgl. dazu auch THOMAS J. KLAMM; Plädoyer für das System der gleichen Häuser - Nach Ideen von Bernd A. Mertz (aufgeschrieben von TJK, 12/95); http://www.astrologix.net/artikel/text_001.htm ; Stand 14. 5 1998. 

[9]  Die Definitionen sind auch auf Grund harmonischer Überlegungen zustande gekommen, dies nur am Rande. 

[10]  Tangens 90° ist ein Dilemma der Mathematik, nicht eines des PLACIDUS. 

 

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