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Beginn der Neuzeit wurde nicht nur das Fundament der heutigen Naturwissenschaft
gelegt - sondern auch dasjenige der modernen Astrologie. Wiewohl die Wurzeln
der Sternenkunde über mehrere Jahrtausende zurückreichen, wurden
die entscheidenden Weichen ihrer heute individualpsychologischen Ausrichtung
in der Renaissance gestellt, vor dem Aufkommen des sogenannten Rationalismus.
Herausragende Marksteine auf dem Weg der astro-psychologischen
Theorienbildung waren die Persönlichkeiten von Ficino, Paracelsus
und Kepler.
FICINOS BESEELTER KOSMOS
Marsilio Ficino lebte von 1433 bis 1499. Er war Arzt (ein Beruf, der
zur damaligen Zeit wie selbstverständlich Astrologie beinhaltete),
Philosoph, Dichter und Musiker. Schon in jungen Jahren fertigte er eine
vollständige Übersetzung Platos an; darüber hinaus übersetzte
er etliche hermetische Schriften (die man dem sagenhaften Hermes Trismegistos
zuschrieb), sowie Plotin und Pythagoras. Er gründete und leitete
in Florenz die "Platonische Akademie", das geistig-kulturelle
Zentrum des italienischen Humanismus schlechthin, wobei er finanziell
und ideell von der Herrscherfamilie der Medici unterstützt wurde.
Die Mitglieder dieser Akademie sahen sich - trotz aller persönlichen
und weltanschaulichen Differenzen - einander verbunden durch ihr jeweiliges
Gegründetsein in Gott - getreu dem Ideal der Platonischen (= göttlichen)
Liebe.
Der Humanismus
Im ausgehenden Mittelalter wurden viele verschüttete antike (insbesondere
griechische) Quellen wiederentdeckt. Dies veränderte grundlegend
das Denken der Zeit. Man stellte andere und undogmatische, d.h. nicht
mehr nur kirchlich gebundene Fragen. Die klassischen theologischen Texte
wurden auf einmal massiv angezweifelt - unter Rückbezug auf noch
ältere, "höhere" Autoritäten. Neue, unvoreingommene
Überlegungen und Beobachtungen kamen auf und bereiteten den Weg u.a.
für die moderne Naturwissenschaft. Neben dem die früheren Forscher
erleuchtenden "Licht der Schrift" akzeptierte man nun auch ein
"Licht der Natur" - sowie das sog. "innere Licht".
Damit einher ging ein neues Selbstverständnis. Als Ebenbild Gottes
sollte und durfte der Mensch nunmehr mündig und schöpferisch
sein. Individuelle Freiheit und Würde rangierten ganz oben. Erziehung
und Bildung wurden für außerordentlich wichtig erachtet. Eine
fast schwärmerische Romantik erwachte: plötzlich war subjektive
Meinung gefragt, d.h. auch seine jeweiligen Erlebnisse und Gefühle
zum Ausdruck zu bringen. Der Blick der Zeit war grundsätzlich auf
Positives in Welt und Mensch gerichtet, gerade auch auf die Entfaltung
des persönlichen Entwicklungspotentials.
Zugleich wurden in der Kunst der Renaissance vormalige Grenzen überschritten,
neue Proportionen entdeckt bzw. Perspektiven aufgetan. Im Wiederaufleben
der hellenistischen Traditionen waren durchaus freizügige Darstellungen
des menschlichen Körpers möglich. Die ersten Selbstporträts
entstanden; mit ihrem neuen Selbstbewusstsein arbeiteten die Künstler
nicht mehr nur zur Ehre Gottes, sondern signierten "blasphemisch"
ihre Werke. Insgesamt war es eine liberale, für Unorthodoxes offene
und tolerante Zeit; weniger moralisch, mit einer freieren Liebe, lockeren
Sitten - was erst mit den Religionskriegen bzw. durch Reformation und
Gegenreformation wieder eine dogmatische Verengung erfuhr.
Ein Mitbringsel des humanistischen Rückgriffs auf vorchristliche
Quellen war auch die polytheistische "Götterreligion" der
Astrologie - welche in der Folgezeit einen enormen Aufschwung nahm. Sie
wurde nicht mehr nur pauschal als gnostische Irrlehre verunglimpft (wie
weiland vom Kirchenlehrer Augustinus), sondern galt zumindest als Mantik
(als Erkenntnisinstrument) legitim; lediglich die Praxis der Prognostik
wurde nach wie vor skeptisch beäugt. Die "wiederentdeckte"
Hermetik animierte generell die Forscher und Denker der Zeit, emanzipierte
sie von der erstarrten, verkrusteten mittelalterlichen Scholastik. Die
Sternenlehre wurde gewissermaßen zum "Latein der Wissenschaftler",
zur theoretischen Grundlagenwissenschaft, welcher die Gebildeten ganz
Europas anhingen. Humanismus und Renaissance ermöglichten neue, dem
überlieferten Aristotelismus fremde Fragestellungen und Hypothesen.
Sie förderten eine analytische, der Welt zugewandte Empirie - insbesondere
auch eine sachlich-beobachtende bzw. die Gestirnsstände exakt berechnende
Astronomie. Insofern waren die uralte Astrologie, die "natürliche"
Magie und die Experimente der Alchemie maßgebliche Wegbereiter der
modernen Naturwissenschaft.
Aus der neuen theologischen Warte des Humanismus (s. etwa Erasmus von
Rotterdam) galt die Welt nicht mehr nur als zu überwindender, dunkler
Schatten Gottes bzw. als sündhaftes, schuldverstrickendes Reich Satans.
Die materielle Welt wurde positiv gesehen - als Schöpfungswerk, d.h.
als prinzipiell der Untersuchung und Erforschung wert. Selbiges galt für
den einzelnen Menschen, für die individuelle Seele (weshalb beispielsweise
auch immer mehr Persönlichkeitshoroskope gefragt waren).
Der Neoplatonismus
Gegen
Ende der Antike war Platos Ideen- und Emanationenlehre weiterentwickelt
und systematisiert worden (mit spezifischen Zuordnungen - "Affinitäten"
bzw. "Sympathien"). Auch Meister Eckehart hing dieser im Grunde
"heidnischen" Philosophie an; seinen Höhepunkt erlebte
der Neoplatonismus jedoch erst in der Formulierung Ficinos.
In der Kosmologie des Neoplatonismus strömt Gott oder das "Eine"
sonnengleich aus und schafft so schrittweise das Universum - angefangen
von den Ideen oder Urbildern bis hin zu den Gegenständen der irdischen
Welt. Der himmlische "Strahl" steigt in Stufen herab und verzweigt
oder differenziert sich dabei zur Vielfalt der Schöpfung. Dies bedeutet,
dass alles Geschaffene wesentlich teilhat am Ursprung bzw. Göttlichen.
Alle Dinge sind durch ein geistiges Band verbunden; zwischen Materie und
Geist besteht ein Kontinuum (gradueller Übergang). Vertreten wird
ein Monismus (statt Dualismus) - d.h. dass letztlich nur ein einziges
Prinzip (das Eine, Göttliche, Gute) die Welt beherrsche. Plotin:
"Das Schlechte als solches existiert nicht; es ist nur ein Mangel
- eine Einschränkung, Abschwächung oder Verdunkelung (bzw. Zersplitterung,
lt. Jamblich) des Guten."
Von Pseudo-Dionysos christianisiert, prägte die hierarchische, pyramidenförmig
gedachte Stufenordnung des Neoplatonismus das mittelalterliche Weltverständnis
(mit seiner Rangordnung der Engel und Sphären). In dieser kosmischen
Ordnung hatte alles seinen geregelten, fest umrissenen Platz. Noch Hegel,
Leibniz und Goethe waren von dieser Anschauung beeinflusst:
| "Wie alles sich zum Ganzen
webt,
Eins in dem andern wirkt und lebt!
Wie Himmelskräfte auf- und niedersteigen
und sich die goldnen Eimer reichen!" |
(Faust I) |
Proklos hatte schon in der Spätantike eine Verbindung von Neoplatonismus
und Astrologie geschaffen. Er hatte feine Analogieketten aufgestellt (welche
"Verwandtschaften" beschrieben, ohne dahinter steckendes Kausalverhältnis)
bis ins Mineralreich hinab, mit den Planeten als Ausgangsgrundlage - als
Prinzipien, die jeweils einen gemeinsamen Sinn stifteten. Diese Art Katalogisierung
der Naturphänomene wurde von den Naturphilosophen das ganze Mittelalter
hindurch vollzogen. Noch im siebzehnten Jahrhundert lobte der Jesuit Athanasius
Kircher den Analogieschluss als "wunderbares Kompendium, das den
Philosophen wie ein Ariadnefaden leitet, ohne Gefahr, dass er sich jemals
im verborgenen Dickicht der Natur verlieren könnte. Mit Hilfe der
ars analogica lernt (der Forscher), dass der Zusammenhang der Dinge auf
der Erdkugel, im Mikrokosmos, d.h. im Menschen als einem Sohn der
Welt, ferner im politischen, meteorologischen, medizinischen und ethischen
Bereich strukturell derjenigen in allen einzelnen Planetensystemen gemäß
ihren spezifischen Eigenarten und Verhältnissen entspricht..."
Ficino ersetzte bei seiner Assimilation des klassischen Neoplatonismus
das transzendente "Eine" durch den - über allem stehenden
- christlichen Gott. Zugleich sah er aber auch etliche Parallelen zwischen
der hellenistischen und der biblischen Tradition, die er zurückführte
auf eine beiden gemeinsame Uroffenbarung, die sog. "philosophia perennis"
(welche für Esoteriker noch heute allen Religionen zugrunde liegt).
Er vertrat sogar eine Art "Seelenwanderung": dass die Seele
vor der Geburt und nach dem Tod durch die verschiedenen Planetensphären
reise. Den Kosmos verstand er als einheitlichen Organismus, als im Grunde
lebendiges Wesen. In diesem fungierten die Gestirne als "Augen",
als Konzentrationspunkte des Himmels - deren Qualitäten die gesamte
Schöpfung durchzögen. Die sog. astralen Mächte (jene die
Sphären bewegenden Engel oder Daimones) galten ihm als nützliche
Mittler zwischen Gott und Mensch. Magie verstand er als die profunde Kenntnis
und selbstverständliche Anwendung dieser okkulten Kräfte.
Auch die Erde hielt er für ein beseeltes, lebendiges - und in Entwicklung
befindliches - Wesen. Sie war Abglanz des Göttlichen, nicht bloß
niedrigste Schöpfungsebene. Wenige Generationen nach ihm sprach Luther
(trotz des mäßigenden Einflusses seines Freundes und Ficinoliebhabers
Melanchthon) schon wieder von der Erde als "Sündenpfuhl",
bezeichnete den Menschen gar als "durch und durch verderbt"...
Für Ficino dagegen war der Mensch in seinem Wesen gut und stets unterwegs
zu Gott. Der menschlichen Seele kam in der neoplatonischen Evolutions-
bzw. Welterlösungslehre gar eine Schlüsselrolle zu: schließlich
war die Rückkehr des emanierten, in der materiellen Vielfalt zerstreuten
bzw. "verunreinigten" Schöpfungsstrahls nur möglich
über die tatkräftige Mitwirkung des Individuums bzw. über
dessen (Selbst-)Bewusstwerdung. Die Seele ist lt. Ficino "das größte
aller Wunder in der Natur. Die übrigen Dinge unter Gott sind je ein
einziges (partikulares) Wesen, sie aber ist alles zumal (d.h. universal).
Sie besitzt in sich die Abbilder der göttlichen Dinge, von denen
sie selbst abhängt, sowie die Begriffe und Urbilder der niederen
Dinge, die sie selbst in gewisser Weise hervorbringt. Und da sie die Mitte
aller Dinge ist, so besitzt sie die Kräfte von allen."
Im menschlichen Geist unterschied Ficino die Intuition, eine Ganzheits-
bzw. Einheitsschau, von der Scientia, dem logisch-kausalen und analytischen
Wissen. Ganz in Platos Tradition bestand "Erkennen" für
ihn in einer Art "Erinnern" - nämlich eine äußere
Wahrnehmung mit der inneren Idee zur Deckung zu bringen. Richtiggehend
modern (als Vorwegnahme der Hermeneutik Diltheys) mutet folgende Überlegung
von ihm an: indem die Seele die Dinge denke und liebe (d.h. sich mit ihnen
identifiziere/ damit eins werde), verstehe sie diese erst richtig - und
verändere sie zugleich, wirke so auf sie ein. An die mittelalterlichen
Mystiker, aber auch an die Phänomenologie Husserls lässt seine
Betonung des Kontemplativen denken: der Rückzug von den äußeren
Objekten der Welt - bei gleichzeitiger Beschäftigung mit dem eigenen
Wesen - bewirke ein stufenweises Aufsteigen der Seele, bis hin zur Entdeckung
der eigenen Göttlichkeit, bis zur Erkenntnis der transzendenten platonischen
Ideen und sogar Gottes selbst...
Ficinos Astrotherapie
Da unter der Planetenherrschaft Saturns (Saturn am Aszendenten) stehend,
beklagte sich Ficino in Briefen oft bitterlich über die Gemütskrankheit
der Melancholie - d.h. über Zustände der Depressivität.
Doch war diese Schattenseite seines Privatlebens zugleich der Quell ausgesprochen
lichter Momente: seine Schwermut war Ausgangspunkt der inneren Erfahrung;
er begriff die chronische Traurigkeit als Heimweh seiner Seele nach ihrem
göttlichen Ursprung. Er erlebte seine Düsternis und Bedrücktheit
als dunklen Urgrund von Genialität und Erleuchtung, ja sogar als
Voraussetzung eksatischer Verzückung. Ihm wurde klar, dass jedes
bewusste Erleben von Kummer die Seele auf eine höhere Ebene hebt
- hin zu mehr Tiefe und Weisheit, weg vom flüchtigen materiellen
Schein, hin zu wahrer Freude; sein Weltschmerz mündete letztlich
in eine Suche nach Gott. Sobald er sich in die (saturninen) Notwendigkeiten
fügte, war er befreit vom Fluch des Dämons Saturn. Entsprechend
empfand er den damals äußersten bzw. obersten Planetengott
Saturn als ambivalent oder polar: einerseits als Stumpf- und Irrsinn,
aber auch als Inbegriff höchster, geistigster Qualitäten. Eine
Saturn-Problematik sah er heilbar durch die aktive Zuwendung zu Saturn-Inhalten,
indem sich etwa der Kranke gezielt Geistigem widmete, seine schwere Bürde
freiwillig auf sich nahm; indem er willentlich oder präventiv Saturn-Bereiche
aufsuchte, sich in deren Energien einfühlte bzw. einstimmte ("attuning"
lt. New-Age-Terminologie). Aus heutiger Sicht verhält sich dies so,
dass durch konstruktive Auseinandersetzung mit spürbar anstehenden
Themen psychische Prozesse in Gang gesetzt, dabei die jeweiligen (planetaren)
Energien gewissermaßen sublimiert, homöopathisch verfeinert
werden.
Ficino hielt den Menschen für grundsätzlich frei und selbstbestimmt
- er stehe jenseits der Gestirnskräfte, könne deren Einflüsse
mittels Vorstellungskraft (imaginatio) und Meditation (contemplatio) steuern.
Die astrologischen Signaturen verstand er nicht als "Kerker der Seele",
sondern als hilfreiche und sinnvolle Wegweiser zur persönlichen Entfaltung.
Damit überwand er den gnostischen, arabischen und mittelalterlichen
Determinismus bzw. Fatalismus (auch wenn Jahrhunderte nach ihm noch immer
Astrologen in diese geistige Falle tappen).
In Dürers Kupferstich "Melencolia I" fanden Ficinos Überlegungen
zu Saturn beredten Ausdruck, wurden des Planeten Licht- und Schattenattribute
schön illustriert. Trübsinn wandelt sich hier zu Verinnerlichung
und Besinnung, zur geistigen Aktivität. Positiv betrachtet, verleiht
Saturn nunmal auch Geduld, Konzentrationsgabe und ein gutes Gedächtnis;
zudem verkörperte er damals die höchste Denkkraft, für
Ficino den reinen Geist bzw. Genius - nicht nur den Dämon. Dass in
des Saturn Jammertal auch allopathische Mittel von Nutzen sein können,
wird angedeutet durch das zur Beschwörung des astralen Gegenspielers
angebrachte magische Zahlenquadrat Jupiters im Hintergrund...
zu
Carl Barks' Melencolia
DER VERRÜCKTE PARACELSUS
An
historischen Fakten ist über Theophrastus Bombastus von Hohenheim
(ca. 1493 bis 1541) wenig bekannt. Er war eine schillernde Figur, dem
legendären Faust nicht unähnlich; d.h. wie dieser war er gefürchtet
und berüchtigt, verrufen und angefeindet - trotz oder vielleicht
gerade wegen seiner spektakulären Heilerfolge. Als unsteter Wanderarzt
reiste er quer durch Europa, schrieb dabei ständig an medizinischen,
philosophischen, astrologischen und theologischen Manuskripten, und hinterließ
schließlich ein gewaltiges Schrifttum. Er gilt zu Recht als "Lutherus
medicorum" (Luther der Medizin), nicht nur seiner provokanten, bäuerlich-derben
Sprache wegen: an der Universität Basel hielt er als erster und unerhörterweise
Vorlesungen auf Deutsch (statt in Latein), verbrannte sogar öffentlich
Lehrbücher der damals anerkannten medizinischen Autoritäten.
In seiner Forschung setzte er auf die "experienz" (praktische
Erfahrung), auf Empirie (Beobachtung) anstelle von Bücherwissen oder
scholastischer Spekulation. Dabei war ihm der untersuchte Stoff kein toter
Gegenstand wie heutzutage. Aus seiner Sicht wohnte den Dingen vielmehr
ein inneres Licht (lumen naturae) inne; im Stoff stecke Weisheit, existiere
eine instinktive Wahrheit, welche sich durch einen Prozess der Auseinandersetzung
und Beschäftigung damit herausdestillieren lasse. Magie war für
ihn die natürliche Wissenschaft schlechthin; Naturerkenntnis beruhte
auf der inneren (nicht bloß einer äußeren) Erfassung
des Objekts, bedurfte einer wesenhaften Identifikation bzw. intuitiven
Kommunion mit dem Gegenstand. Als Renaissancemagier verstand er "Wissenschaft"
nicht im intellektuellen Sinne; Erkenntnis war ihm auch existenzielles
Ereignis (d.h. verbunden mit dem ganzen Sein) - und nicht vorstellbar
ohne Selbsterkenntnis.
Er war Wegbereiter der naturwissenschaftlichen Mikrochemie, der Antisepsis/
Wundbehandlung und der Klassifikation von Krankheitstypen, d.h. Pionier
der heutigen Schulmedizin. Zugleich war er aber auch ein nicht wegzudenkender
Pionier der Naturheilkunde und Homöopathie. Er befand sich historisch
noch vor der Weggabelung von Geistes- und Naturwissenschaften. Astrologie
spielte für ihn eine Schlüsselrolle, galt ihm als Königin
der Wissenschaften überhaupt: das "Licht der Natur" entstamme
ursprünglich dem Gestirn; und "ohne die astronomia mag kein
kunst wol volendet werden."
Der Astralleib
Das Wesen einer Arznei sah Paracelsus im Siderischen (d.h. in den Sternenkräften)
begründet. Grundsätzlich erkranke der Mensch am Gestirn und
werde ebenso geheilt durch das Gestirn. Krankheit verstand er als eine
körperlich gewordene "böse Idee". Diese somatisiere
sich über die Seele (der Mittlerin zwischen Körper und Geist),
über deren Sündigwerden bzw. negativer imaginatio (Vorstellungskraft)
und Suggestion (Einbildungskraft). Umgekehrt ließ sich durch die
Seelenkräfte von Imagination und Phantasie aber auch Heilung erreichen.
Der entscheidende Zweck einer Krankheit sei die Selbsterkenntnis. Und
der Mensch erkenne sich selbst, jedenfalls seinen "Seelenkörper",
am besten mithilfe der Astrologie: "Die seel ist das subiectum der
astronomei, der Leib nit, der leib wird aber geregit von der seel."
Immer wieder sprach er von einem (feinstofflichen) "siderischen"
Leib des Menschen. Dieser sei der Träger der tierischen Leidenschaften
und morphologisch um unser eigentliches Wesen - die göttliche Seele
- herum gewebt, bilde also eine Art Seelenhülle. Der Astralleib benötige
keinen Schlaf und sei fühlbar u.a. im Traum; er sei instinkt- und
triebhaft, gebildet aus dem Stoff der Emotionen und entspreche als inneres
Firmament dem äußeren. So würden die Planeten und ihre
Kräfte als psychische Organe auch im Individuum wirken: "Im
Menschen nämlich sind Sonne und Mond und alle Planeten..."
Anthropologisch unterschied er eine Hierarchie dreier Ebenen: den elementisch-stofflichen
Leib, den siderischen "Hauchleib" und den ewigen "Lichtleib".
Sündigen könne nur die mittlere (siderische) Ebene, nicht jedoch
der physische Körper. Die oberste Ebene entspricht etwa dem umfassenden
Selbst C.G. Jungs bzw. ist Ebenbild des Göttlich-Geistigen. In makrokosmischer
Analogie sieht Paracelsus Gott, den obersten Lenker und höchsten
Beweger, als über den Stenen befindlich: "Gott der Allmächtige
leitet das Gestirn". Entsprechend regiert im Mikrokosmos das Selbst
bzw. der Weise - der sich selbst Erkennende - die Sterne; nur der Triebhafte
sei den Astralenergien unterworfen.
Anstöße gab Paracelsus auch auf dem Gebiet der Psychologie.
So identifizierte er in seiner Seelenkunde die Inhalte der Psyche unmissverständlich
mit astralen bzw. astrologischen Energien. Die von ihm beschriebene strukturelle
Entsprechung von Innen und Außen bildet praktisch die Grundlage
der psychoanalytischen Projektionstheorie. Und von Magiern und Alchemisten
wie ihm oder Agrippa von Nettesheim durchgeführte Operationen mit
dem in die Materie projizierten Seelenstoff nahmen Rituale und Prozesse
der heutigen Psychotherapie vorweg (vgl. Müller).
Mikrokosmos und Makrokosmos
Schon der Cusaner (Nicolaus Kues) hatte das Verhältnis zwischen
Makrokosmos und Mikrokosmos als Parallelität betrachtet - d.h. nicht
mehr wie früher als bloße Abhängigkeit zwischen dem "Oben"
und dem "Unten". Paracelsus formulierte nun den Zusammenhang
absolut bzw. ganzheitlich: "Es gibt nichts im Himmel noch auf Erden,
was nicht auch im Menschen sei." Er unterschied einen äußeren
und einen inneren Himmel und erweiterte so - als Empiriker und Analytiker
- die traditionell vertikale Mikro-Makrokosmoslehre um eine horizontale
Dimension: "Alles was außen ist, ist auch innen". In seiner
Heilkunde führte diese Betrachtungsweise zur sog. Signaturenlehre
- nämlich von Aussehen und Gestalt einer Pflanze auf ihre Heilwirkung
bei einem ihr strukturell bzw. morphologisch "ähnlichen"
Körperorgan zu schließen. So wirkt etwa der fein behaarte und
hohlstengelige Huflattich auf die Bronchien, die reich gefurchte Walnuss
auf die Denkprozesse des Gehirns...
Ganz Humanist, verlieh Paracelsus der menschlichen Individualität
und Freiheit klare Priorität: "Eher artet Mars dem Menschen,
als der Mensch Mars nach. Denn der Mensch ist mehr als Mars und andere
Planeten." Und er wagte sogar den Satz: "Die Gestirne im Menschen
regieren die Gestirne am Himmel..." Zur Frage der Verursachung äußert
er dezidiert: "Der äußere Himmel ist ein Uhrzeiger des
inneren" - was schon sehr nach der Synchronizitätstheorie Jungs
klingt. "Die (physischen) Astra ... sind bloß Zeitsignale oder
das Vorbild ... des inneren Firmaments. Sie gewaltigen gar nichts in uns,
sie eynbilden nichts; sie sind frey für sich selbst und wir frey
für uns."
Doch sieht er (in neoplatonischer Tradition) im ideellen Himmel, d.h.
in den metaphysischen Astra, das jeweilige (Vor-)Bild für eine spezifische
Materialisation oder seelische Konstitution. Dort liege der zu differenzierende,
sich individuierende "Samen" jeder Schöpfung. Wesen und
Ursprung alles Geschaffenen seien im Geist zu finden; jeder stofflichen
Realisation gehe eine Idee oder ein Plan voraus. Somit liegen allem Physischen
abstrakte Grundschemata bzw. (mütterliche) "Matrizen" zugrunde,
welche gewissermaßen als Urgründe des Seins die Dinge der Welt
gebären und nähren - und in dieser Funktion Jungs Archetypen
(strukturellen Konstanten des Unbewussten) durchaus vergleichbar sind.
An anderer Stelle spricht Paracelsus aber auch von den (väterlichen)
"Archai", womit er personifzierte Formbildekräfte meint,
die die Manifestationen des Geistes organisieren - und konzeptionell zurückgehen
auf die gnostischen Archonten (Welt- oder Erdschöpfer).
GOTTES RECHENKÜNSTLER KEPLER
Johannes Kepler (1571-1630) war kaiserlicher Hofmathematiker in Prag.
In diesem Amt löste er Tycho Brahe ab, dessen astronomische Beobachtungen
er heranzog, um das Kopernikanische System bzw. die von ihm gefundenen
Gesetze über die elliptischen Planetenbahnen empirisch abzusichern.
In seinem wechselvollen Leben war er u.a. Hofastrologe des Feldherrn Wallenstein
(was von Schiller in der Figur des Seni literarisch verewigt wurde), musste
er vor der Verfolgung durch orthodoxe Theologen fliehen sowie jahrelang
seine alte Mutter in einem gegen sie inszenierten Hexenprozess verteidigen.
Während seine astronomischen und astrologischen Theorien überquollen
von barockem Harmoniedenken und monumentalem Gotteslob, war sein Alltag
eher gekennzeichnet vom ständigen Kampf um die nackte Existenz (um
Lohn und Brot).
Als Astrologe schrieb er äußerst erfolgreiche Horoskopinterpretationen,
außerdem sog. Almanache und Praktiken (populäre Jahresprognosen).
Er besaß eine Sammlung mit hunderten von Nativitäten und stellte
über Jahrzehnte astrologische Wetterbeobachtungen an. Inhaltlich
vertrat er eine Art "revidierte" Astrologie: Er sah praktisch
nur die Aspekte als wirksam an - da diese aus einer regelmäßigen
Aufteilung des Kreises hervorgingen (d.h. aufgrund idealer, klassisch
platonischer Überlegungen). Den astrologischen Wirkmechanismus erklärte
er so, dass der menschlichen Natur die kosmosbildenden/ paradigmatischen
geometrischen Schemata schon vorgeburtlich eingeprägt seien. Die
Wahrnehmung der jeweiligen Himmelskonfiguration geschehe unterschwellig
bzw. instinkthaft... Kepler störte sich sehr an der gängigen
Primitivastrologie seiner Zeit, nahm die Sternenkunde aber auch vor ihren
Kritikern in Schutz - ersichtlich an seiner "Warnung an etliche Theologos,
Medicos und Philosophos: daß sie bey billicher Verwerffung des Sternguckerischen
Aberglauben nicht das Kindt mit dem Badt außschütten..."
Er vertrat die Überzeugung, man brauche diese "närrische
Tochter" der Astronomie; die Welt sei eh viel närrischer; in
der Astrologie seien Perlen zu finden; sie sei ein nützlicher (Erkenntnis-)
Spiegel, eine seelenvolle Ergänzung zur nüchternen Astronomie.
Himmelsmusik und
göttliche Geometrie
| Die Sterne lauter ganze Noten.
Der Himmel die Partitur.
Der Mensch das Intrument. |
(Chr. Morgenstern) |
Kepler
berief sich gern auf die "heidnische" Philosophie der Pythagoreer:
In Gottes Bau der Welt seien Proportionen, d.h. Form und Struktur maßgeblich;
Gesetz, Ordnung, Sinn und Rechtmäßigkeit seien in den Zahlen
der Mathematik zu finden. Ähnliche Gedanken fänden sich auch
in der Bibel: "Du hast alles nach Maß, Zahl und Gewicht geordnet"
(Weisheit XI,21 - eine Stelle, die Generationen mittelalterlicher Astrologen
zur Rechtfertigung ihrer Tätigkeit heranzogen). Kepler verstand geometrische
Verhältnisse buchstäblich als "Gedanken Gottes". Als
eine Art Logos sei "die Geometrie vor der Schöpfung... Gott
versah sie mit einem Modell der Schöpfung und pflanzte sie dem Menschen
ein, zusammen mit seinem eigenen Bild... Die Geometrie ist gleichsam der
Archetypus des Kosmos."
In seiner Astrophysik gelang es Kepler in der Tat, im Makrokosmos anscheinend
wirksame geometrische Formprinzipien zu entdecken. In seinem Werk "Mysterium
Cosmographicum" ("Das Weltgeheimnis") konnte er, ausgehend
von Analogien, die Abstände der Planetenbahnen nahezu exakt beschreiben
- und zwar mittels ineinander geschachtelter Platonischer Körper
(Tetraeder, Würfel, Dodekaeder, usw.), d.h. ausgehend von ideellen,
abstrakten, ästhetischen Gesichtspunkten.
Die Pythagoreer hatten erkannt, dass die Aufteilung der Saite eines Musikinstruments
angenehme, wohlklingende Akkorde ergab oder aber dissonante - je nach
Verhältnis der Saitenlängen. Gleichzeitig ordneten sie - und
nach ihnen u.a. Ptolemäus - jedem Planeten einen bestimmten Ton der
Tonleiter zu. Die daran anknüpfende spätantike und mittelalterliche
Anschauung der "Sphärenharmonie" ging davon aus, dass jeder
Planet einen für irdische Ohren unhörbaren Ton (eine Art Summen)
von sich gebe - ähnlich dem biblischen Choral der Engel zum Lobe
Gottes. (In unseren Tagen versuchte Hans Cousto mittels seiner Kosmischen
Oktave "Planetentöne" wieder hörbar zu machen.)
Kepler stellte weiter fest, dass das Verhältnis der Bahngeschwindigkeiten
der verschiedenen Planeten zueinander mathematisch ziemlich genau musikalischen
Akkorden entsprach. Je nach Bahnposition (im Perihel oder Aphel) vermochte
er in der erklingenden "Himmelsmusik" sogar Dur- und Molltonarten
zu unterscheiden. Seine Entdeckungen bestätigten ihm die Bedeutung
der Geometrie als wesentliches Formprinzip der Welt. Wie die Pythagoreer
hatte er ganzzahlige Proportionen sowohl am Firmament (in den Schwingungen
der Planetenrhythmen) als auch in den Akkorden der irdischen Musik gefunden
bzw. empirisch bestätigt - und jubilierte: "Die Himmelsbewegungen
sind nichts als ein ununterbrochener Gesang für mehrere Stimmen (die
durch den (höheren) Intellekt, nicht durch das Ohr, aufgenommen werden);
eine Musik, die durch dissonante Spannungen, durch Synkopen und Kadenzen
sozusagen (wie sie die Menschen in Nachahmung dieser natürlichen
Dissonanzen verwenden), zu bestimmten urbildlichen, gleichsam sechsstimmigen
Schlüssen fortschreitet und dabei Marksteine setzt in dem unermesslichen
Strom der Zeit."
Die geometrischen Harmonien waren für Kepler das Urbild aller Wohlklänge
- nicht nur der musikalischen, sondern auch der astrologischen bzw. psychologischen:
"Alles lebt, solange die Harmonien dauern; alles erschlafft, wenn
sie gestört sind." Entsprechend katalogisierte er musikalische
Akkorde und astrologische Aspekte nach verschiedenen Kriterien geometrischer
Vollkommenheit (u.a. nach ihrer manuellen Konstruierbarkeit mit dem Zirkel)
- und hielt sie entsprechend für mehr oder weniger harmonisch bzw.
wirksam. Unter den Aspekten erachtete er Konjunktion und Opposition für
am stärksten bzw. bedeutsamsten. Am zweitwirksamsten sah er das Quadrat.
An dritter Stelle rangierten Trigon und Sextil. Dahinter Quinkunx, Quintil
und Biquintil. An die fünfte und letzte Stelle setzte er Dezil (36°),
Tridezil (108°), Oktil (45°) und Trioktil (135°).
Astrologische Archetypen
In
der Tradition christlich-neoplatonischer Kosmologien nahm Kepler schon
vor jedem Schöpfungsakt das Vorhandensein des jeweiligen Konzeptes
in Gott an - und ebenso in seinem Ebenbild, dem Menschen. Diese präexistenten
Ideen nannte er - dreihundert Jahre vor C.G. Jung! - Archetypen, fasste
sie wie dieser psychologisch auf und zog sie zur Erklärung der astrologischen
Wirksamkeit heran. Der heutige Psychologische Astrologe muss also bei
seiner Verwendung des Begriffes "Archetyp" keineswegs auf Jung
rekurrieren, sondern kann sich legitimerweise auf den Begründer der
modernen Optik und Astronomie berufen!
Neuzeitlich war an Keplers Astrologieverständnis auch, dass er sich
in seinen Deutungen (etwa für Wallenstein) stets mehr als Berater
denn als Prognostiker empfand. Sowieso beobachtete er mit dem Instrument
der Astrologie vor allem sich selbst; die Horoskopie diente ihm in erster
Linie zur Introspektion bzw. Selbsterkenntnis. Sehr modern - wie New-Age-Esoterik,
etwa bei Dethlefsen - mutet auch seine Auffassung von der "Zahl"
an: so unterschied er abstrakte, mehrdimensionale, göttliche (d.h.
qualitative, werthafte) Zahlen von den im Alltag benutzten messenden,
empirischen oder menschlichen (wir würden heute sagen "quantitativen")
Zahlen.
Historisch geht das Begriffsfeld "Archetypus" zurück auf
hellenistisches bzw. gnostisches Gedankengut; das Konzept wurde weiterentwickelt
von Agrippa und Paracelsus, bis C.G. Jung es rein psychologisch definierte:
als Muster oder Struktur in einer tiefen Seelenschicht (dem Kollektiven
Unbewussten), welche sich u.a. in Träumen und Mythen zeige. Kepler
fasste den Begriff schon weitgehend deckungsgleich mit Jung auf, betonte
jedoch mehr dessen erkenntnistheoretischen Aspekt: nach ihm sind die Archetypen
unserem Erkenntnisvermögen eingeborene Formbegriffe. Etwas zu erkennen
bedeute (neoplatonisch), "das äußerlich Wahrgenommene
mit den inneren Ideen zusammenzubringen."
Den astrologischen Mechanismus erklärte er eindeutig psychologisch
- und präfigurierte nebenbei, wiederum Jahrhunderte vor Schopenhauer
und Nietzsche oder der Psychoanalyse, das Konzept des Unbewussten: "Die
Relationen (Aspekte) selbst bewirken nichts", stellte er unmissverständlich
fest. Sie würden aber in der Seele gespürt "durch ein noch
zur zeit verborgenes auffmercken ... ohn alle ratiocination oder muthmassung."
Die Sterne seien vergleichbar mit Orgelpfeifen - wobei das Instrument
natürlich nicht identisch sei mit dem Musiker. Und die Saiten der
individuellen Seele würden quasi mitschwingen, wenn jemand diejenigen
der himmlischen Leier zupft.
Ein strenger Kausalzusammenhang Sterne - Mensch bzw. ein direktes Einwirken
der Gestirnstrahlen auf die Erde wird von ihm bestritten. Vielmehr würden
durch Resonanz bestimmte Funktionen der Seele (sei es eines einzelnen
Menschen oder der ganzen Erde) aktiviert. Ähnlich wie Paracelsus
(der eher von einem "Einfließen" der Natur oder des Menschen
auf das Gestirn als umgekehrt spricht) meint er: "Es gibt am Himmel
kein böses Gestirn"; vielmehr stecke alles Wirksame, alles auf
planetare Aspekte Reagierende im Menschen selbst bzw. in der Erde. Die
Seele nehme die aktuellen Winkel zwischen den Planeten unbewusst wahr
- mit ihrem angeborenen, harmonischen Instinkt - und verhalte sich den
herrschenden Energien gemäß.
Archetypen sind demnach präexistente Dispositionen oder Resonanzstrukturen.
Der Mensch werde damit geboren, er sei keine tabula rasa, wenn er das
Licht der Welt erblicke. In Geist und Seele würden die (göttlichen)
Ideen schon vor der Geburt als "Paradigmata" wirken (ein bei
Kepler den Archetypen äquivalenter Begriff) bzw. als Abbilder jener
- der Welt der Erscheinungen zugrunde liegender - Urbilder. Die Archetypen
sind demnach "leere" Formen bzw. Schemata, die vom Individuum
erst mit substanziellem Leben und Inhalt gefüllt werden müssen.
Astrologie handle nicht von Particularia (detaillierten Einzelheiten),
sondern von Generalia (übergeordneten Typisierungen), sie beziehe
sich nicht auf konkrete, sondern auf allgemeine Dinge. Also drückten
die himmlischen Zahlenverhältnisse die irdischen Gegebenheiten symbolisch
aus, nicht buchstäblich. Deswegen seien Spezifika auch so schwer
vorherzusagen...
Ein Wort über die Position C.G.
Jungs zur Astrologie: Man weiß von ihm, dass er hin und wieder
Horoskope befragte, diese gerade auch zur Kurzdiagnose von Patienten heranzog.
Bis in die fünfziger Jahre hinein schwankte er jedoch, ob der hinter
dem astrologischen Phänomen befindliche Wirkzusammenhang kausal oder
synchronistisch sei. Er war lange unschlüssig, ob eine materielle
Verursachung vorliege oder ob "nur" eine analoge (mantisch-zeichendeutende)
Beziehung bzw. sinngemäße Koinzidenz zwischen Sterne und Mensch
gegeben sei. Symptomatisch für Jungs ungeklärtes Verhältnis
zur Astrologie war seine berühmte statistische Untersuchung der Zwischenaspekte
von Ehepartnern (zusammengefasst in seinem Artikel über die "Synchronizität").
Auf die Idee, etwa die Synchronizität einer I-Ging-Befragung oder
gar archetypischer Trauminhalte statistisch zu erfassen, wäre er
sicherlich nie gekommen (die Astrologie bot sich an, da vermeintlich auf
äußeren, "objektiven" Fakten beruhend). Die Ergebnisse
seiner statistischen Auswertung waren dann auch äußerst ambivalent:
anfänglich zeigten sich noch signifikante Zusammenhänge, nach
Ausweitung der Datenmenge jedoch nicht mehr. Jung vermutete später
(nachvollziehbar), dass in einem synchronistischen Kontext die statistischen
Ergebnisse abhängig seien von der jeweiligen (unterschwelligen) Erwartungshaltung
des Forschers oder Untersuchenden. Er zeigte sich desillusioniert bzgl.
des Recheninstruments Statistik, bescheinigte dieser einen grundsätzlich
"ruinösen Einfluss" auf Zufälle und Synchronizitätsvorgänge...
Am Ende seines Lebens (in einem Brief 1960) erklärte er die astralen
Mythen schließlich als rein archetypische Bilder, mit denen die
Qualität der jeweiligen Zeitmomente intuitiv erfasst werde: bei der
Astrologie handle es sich um eine Projektion psychologischen Urwissens
in die Sterne - getreu dem zutiefst menschlichen Reflex, ausgerechnet
"im Weitesten das Nächste" zu suchen...
PIONIERE DER NATURWISSENSCHAFTEN
Im
Suchen der Astronomen nach den richtigen Planetenbahnen war die Platonische
Vorstellung von der "vollkommenen" Kreisbahn anderthalb Jahrtausende
lang hinderlich gewesen bzw. führte zur komplizierten Ptolemäischen
Epizykeltheorie - welche die realen Himmelsbeobachtungen jedoch nur unzureichend
beschrieb. Das Modell des Kopernikus stellte einen gewissen Fortschritt
dar, war aber - aufgrund des Festhaltens an planetaren Kreisbahnen - immer
noch sehr unvollständig bzw. fehlerhaft. Mit Brahes verlässlichem
Datenfundus im Hintergrund war Kepler der erste, der es wagte, das Platonische
Kreis-Dogma zu durchbrechen. Doch auch er ging grundsätzlich davon
aus, dass das Sonnensystem nach ideellen bzw. göttlichen Kriterien
geordnet sei - und hatte bei seiner Suche nach der "rechten Proportion"
schließlich Erfolg: die Wege der Himmelskörper verliefen auch
als Ellipsen regelhaft, folgten für ihn erhabenen geometrischen,
ästhetischen bzw. musikharmonischen Gesetzen.
Mit Neptun am Aszendenten (wie wir heute wissen), war Kepler sicherlich
eine große Sensibilität und Inspiriertheit zu eigen. Es scheint
beinahe, als wurde er vom Unbewussten zu seinen epochalen Gesetzen geführt:
Lustigerweise unterlief ihm nämlich mitten in seinen endlosen Zahlenkolonnen
ein fataler Rechenfehler - der jedoch kurz vor Abschluss der Berechnungen
durch einen weiteren Rechenfehler "korrigiert" wurde...
Das Herausragende an Kepler war aber nicht seine mediale Empfänglichkeit,
sondern dass er die ihm eigenen Intuitionen mittels konkreter Beobachtungen
akribisch überprüfte. Er war selbstkritisch genug, genau die
objektiven Verhältnisse zu erkunden bzw. seine Modelle detailliert
auf ihre Stimmigkeit hin durchzurechnen. So markiert seine deutliche Unterscheidung
von Idee und Realität, Theorie und Beobachtung, Innen- und Außenwelt
(eine Art der Projektionsrücknahme) erkenntnistheoretisch den Beginn
der Neuzeit.
Obgleich Kepler auch eine hübsche kleine Science-Fiction-Geschichte
(über eine Mondreise) verfasste, vertrat er naiven Träumen und
Utopien gegenüber einen modernen, aufgeklärten Standpunkt. In
seiner berühmten Kontroverse mit dem englischen Okkultisten Robert
Fludd wandte er sich eloquent gegen dessen mystisch-kabbalistische Schwärmerei:
"Ihm macht nichts größere Freude als unverständliche
Rätselbilder... wogegen ich darauf ausgehe, die in Dunkel gehüllten
Tatsachen der Natur ins helle Licht des Wissens zu ziehen." In diesem
Sinne trat er auch ein für eine rationale - des mittelalterlichen
Aberglaubens entkleidete - Astrologie bzw. Hermetik. In der Analogie (Makrokosmos
- Mikrokosmos) sah er grundsätzlich ein bloß akausales Entsprechungsprinzip
- wohingegen Fludd in primitiv-archaischer Manier Symbol und Gegenstand
praktisch gleichsetzte, d.h. noch immer wie im Mittelalter von einer magischen
Identität ausging, einer direkten Wirkung und Verbindung zwischen
dem "Oben" und dem "Unten".
Auch Isaac Newton, Keplers geistiger Nachfolger, war von den "Geheimwissenschaften"
nicht unbeleckt. Das Mitglied der berühmten naturwissenschaftlichen
Royal Society (welcher interessanterweise von Rosenkreuzern der Weg bereitet
worden war) verfasste hunderte theologischer und alchemistischer Manuskriptseiten.
Der Umfang dieser "obskuren" Schriften ist sogar größer
als derjenige seiner mathematischen und physikalischen Werke! Das von
ihm formulierte Gravitationsgesetz ist in gewissem Sinne immer noch ein
okkultes Prinzip - da nicht bis ins Letzte erklärt bzw. verstanden
(weshalb Newton mit seiner Publikation auch so lange zögerte).
Am Ende des Mittelalters fasste die sogenannte "natürliche Magie"
das damals aktuelle Wissen über die Naturgesetze zusammen - Erkenntnisse
aus Medizin, Biologie, Chemie und Physik (mit ihren Teilbereichen Magnetismus,
Optik und Mechanik). Zur gleichen Zeit waren die praktischen Alchemisten
Pioniere des Technisch-Experimentellen. Die vom humanistischen Geist verjüngte
Astrologie bot den verschiedenen Naturforschern einen gemeinsamen theoretischen
Bezugsrahmen - eine Bilder- und Zahlensprache, mit der sich neue Hypothesen
und Entdeckungen formulieren bzw. einordnen ließen. Der in der "Kardanwelle"
verewigte Cardanus etwa war ein typischer Gelehrter der damaligen Zeit
- nämlich Astrologe, Arzt und innovativer Mathematiker.
Im Mittelalter hatte die Kirche das Forschungsinteresse an der "sündigen"
Materie noch gern verteufelt bzw. für ketzerisch erklärt (schließlich
galt Satan als Regent der irdischen Welt). Mit ihrem ganzheitlichen (Einheits-)
Denken sahen Humanismus und Renaissance nun das Grobstoffliche als positiv
an - und eine Beschäftigung mit der Materie durchaus als sinnvoll
und geboten. Den Neoplatonikern galt die Natur als ebenso göttlichen
Ursprungs - deren Erforschung Teil des göttlichen Plans, d.h. gottgewollt
war (nach dem Motto "wozu gab uns der Herrgott Kopf und Hände").
Die wiederentdeckte Hermetik (und Astrologie) erweiterte die damalige
Naturerkenntnis, unterstützte eine analytische Einstellung der Wissenschaftler.
Die auf Konkretes bezogene experimentelle und technische Seite der Magie
galt im Übergang zur Neuzeit als progressiv - jedenfalls als der
gegenständlichen Realität adäquater als Aristoteles und
die überkommene Scholastik.
Der Fall Keplers - gerade in seiner Kontroverse mit Fludd - zeigt exemplarisch
die Entwicklung der heutigen Naturwissenschaft aus einer magisch-mythischen
Naturphilosophie (insbesondere der Astrologie) heraus. Im siebzehnten
Jahrhundert reinigte man die Magie zusehends von Dämonen; eine Magie
ohne Animismus ist jedoch nahezu identisch mit dem später induktiv-empirisch
genannten Forschungsweg. Doch haben wir heute die "Geister"
aus unserem Alltag wirklich vertrieben? Aus der Sicht eines Buschmannes
oder mittelalterlichen Menschen jedenfalls handelt es sich bei der modernen
Technik offensichtlich um "angewandten Zahlenzauber": schließlich
fährt fast jeder von uns in einer pferdelosen Metallkutsche umher,
wohnt in einem Palast (der vollgestopft ist mit hilfreichen Gerätschaften),
jeder kann Menschen in fernen Ländern sehen und sprechen...
Der menschliche Intellekt wuchs mit dem Streben, dem Sternenreigen allgemeingültige
Gesetze abzuringen. Eine erste Blüte dieses Strebens nach Abstraktion
war die Wissenschaft der Hellenen. Grundsteine zur modernen Ratio, zur
naturwissenschaftlichen Untersuchung und Beschreibung der Welt, legten
Kopernikus, Galilei und Kepler. Doch waren für diese noch Glauben
und Wissen wichtig - bzw. noch nicht voneinander getrennt.
Galilei empfand Gott als den "höchsten Geometer und Mathematiker";
die Natur war ihm ein "Buch Gottes, in der Sprache der Mathematik
geschreiben" - schließlich setzte Gott allen Dingen ihr Maß
und ihre Zahl, wie am Firmament ersichtlich.
Verglichen mit solch durchgeistigter Kosmologie noch vor vierhundert Jahren
ist unsere Welt heute verarmt, entzaubert, entmythologisiert - gezeichnet
von einer Leere, die sich auf absehbare Zeit nicht so einfach wird wieder
füllen lassen. Die Folgen einer Entheiligung der Natur sind erschreckend
sichtbar etwa an der fortschreitenden globalen ökologischen Krise.
Prekärer (und primärer) ist jedoch die verbreitete spirituelle
Not. Der einzelne Mensch ist heute unsäglich entwurzelt. Herausgerissen
aus der schützenden Geborgenheit eines gottgelenkten Kosmos findet
er im neuzeitlichen Credo des bloß Körperlichen keinen existenziellen
Halt, keinen ihn tragenden Sinn. Der Gesellschaft und ihren immer zahlreicheren
Subsystemen ging die gemeinsame soziale Grundlage verloren; es fehlt das
alle integrierende geistige Band. Politiker berufen sich höchstens
phrasenhaft noch auf universelle (allen gemeinsame) Normen und Werte;
Gut und Böse, Richtig und Falsch werden immer unklarer. Kriminalität,
Betrügereien und Korruption sind "normal"; Kriege zwischen
Völkern und Religionen sind hemmungslos inhuman, in ihrem Vernichtungswillen
total geworden.
Zur Überwindung dieser kollektiven "Geisteskrankheit" bedarf
es einer Wissenschaft, die ihren Gegenstand nicht mehr nur als tote Materie
betrachtet; einer Wissenschaft, die Erkennen und Glauben wieder zusammenführt,
die neben kognitiver Rationalität ausdrücklich auch irrationale
Elemente bzw. Phantasien enthält. Diese Wissenschaft müsste
innenorientierter sein, sich beziehen nicht nur auf die äußere
Form, sondern auch auf das typisch Menschliche - welches stets individueller
Natur ist. Die Naturwissenschaften sollten sich also nicht nur um (messbare)
Quantitäten bemühen, sondern ebenso um Qualität und Werte.
Sie sollten ihre strikte paradigmatische Trennung von Subjekt und Objekt
aufgeben - welche etwa im Bereich der Quantenphysik eh nicht aufrecht
zu erhalten ist.
Die Archetyp-Symbolik - sei sie nun Keplerscher oder Jungscher Prägung
- besitzt beides: einen objektiven (Form-)Aspekt, aber auch einen subjektiven,
wesenhaften Bezug. Dasselbe gilt für die Astrologie. In ihr begegnen
wir einer "philosophischen", sinnorientierten, "höheren"
Mathematik. Zahlen sind darin nicht nur beliebig austauschbare Ziffern,
sondern fundamentale Ordnungsfaktoren bzw. Bedeutungsträger. Als
rundes und universales - sowie das Individuelle betonende - kosmologisches
Modell könnte die Astrologie den aktuell gespaltenen und unheilvollen
Zustand der Welt überwinden helfen. Den katastrophalen ideellen und
ökologischen Folgen des Materialismus lässt sich jedenfalls
nur abhelfen durch eine Erneuerung des symbolischen Denkens, insbesondere
innerhalb der Naturwissenschaften, indem man Geist und Seele wieder in
die Materie einführt (wie dies bei den Griechen und im Mittelalter
noch der Fall war).
Regiomontanus, Cardanus oder auch Kepler waren hervorragende analytische
und logische Denker - und doch bezeichneten bzw. verstanden sie sich ebenso
selbstverständlich auch als Astrologen. Newton begründete die
Mechanik, stellte die moderne Physik auf eine glasklare und für Jahrhunderte
stabile Grundlage - und war dennoch Verfasser rätselhafter okkulter
Schriften, beschäftigte sich ausführlichst mit der Alchemie.
Die Astrologen des 16. und 17. Jahrhundert fühlten sich vom heliozentrischen
Modell ganz und gar nicht ihres Bodens entzogen; sie nahmen die Botschaft
des Kopernikus vielmehr gespannt und erwartungsvoll auf (zumal sie ihnen
eine verlässlichere Rechengrundlage versprach). Beim Mediziner Paracelsus
und beim Theologen Melanchthon schlossen sich Tiefgründigkeit, hohe
Gelehrsamkeit und der Sternenglaube keineswegs aus. Im Gegenteil: Intuition,
visionärer Blick, Ganzheitlichkeit und Genialität dieser Geistesgrößen
wurden durch die Bildhaftigkeit bzw. "Analogik" der Astrologie
gerade gefördert.
Die Geistesströmung des Humanismus und in ihr als zentraler Bestandteil
der Neoplatonismus schenkte dem "düsteren" Mittelalter
ein höchst optimistisches Menschenbild, und läutete damit die
Neuzeit ein. Erneuert wurde jedoch auch die uralte Sternenkunde: Ficino
machte seinen Zeitgenossen begreiflich, dass selbst der finstere Saturn
sein Gutes hat, dass die planetaren Kräfte sublimierbar seien und
vom Individuum in mehr oder weniger "erlöster" Gestalt
realisiert werden könnten. Paracelsus betonte den subjektiven Faktor
der Astrologie: wir bräuchten nicht auf die äußeren Gestirne
und deren "Einflüsse" oder Strahlen zu starren; vielmehr
trügen wir den Kosmos - als "inneres Firmament" - jeweils
in uns. Kepler begriff als erster astrologische Konstellationen als Archetypen
- als universelle Matrizen bzw. Urprinzien der Schöpfung, welche
in ihrer Funktionsweise nicht der Kausalität unterliegen. Damit prägten
diese Pioniere neuzeitlichen Forschens und Denkens auch wesentliche Merkmale
der heutigen abendländischen Astrologie - welche ja in erster Linie
Psychologie ist , d.h. auf Innerseelisches bezogen.
Interessanterweise erfuhren auf dem Gebiet der akademischen Psychologie
die Utopien des 15. Jahrhunderts mit der Hippiebewegung eine neuerliche
Wiedergeburt. So verkündete in den Sechzigern A. Maslow das Programm
einer "Humanistischen Psychologie", dem sich später u.a.
C. Rogers und F. Perls anschlossen. Im Menschenbild dieser Psychologie
gilt der Mensch als im Kern "gut" - d.h. nicht als grundsätzlich
krank, neurotisch oder psychotisch gestört (wie im Behaviorismus
oder in der orthodoxen Psychoanalyse). Die Humanistische Bewegung innerhalb
der Psychotherapie sieht ihre Aufgabe darin, dem gesunden Inneren eines
Menschen zu Wachstum und Entwicklung zu verhelfen - eine Konzeption, welche
für die Astrologie D. Rudhyar nachvollzog mit seiner "Humanistischen
Astrologie".
ausgewählte Literatur:
- Fierz, Markus: Naturwissenschaft und Geschichte, Basel 1988
- Hoppmann, Jürgen G. H.: Astrologie der Reformationszeit -Faust,
Luther, Melanchthon und die Sternendeuterei, Berlin 1998
- Jung, Carl G. und Pauli, Wolfgang: Naturerklärung und Psyche,
Zürich 1952
- Klibansky, Raymond, Panofsky, Erwin und Saxl, Fritz: Saturn und Melancholie
- Studien zur Geschichte der Naturphilosophie und Medizin, der Religion
und der Kunst, Frankfurt /M. 1990
- Koestler, Arthur: Die Nachtwandler, Bern 1959
- Kristeller, Paul O.: Die Philosophie des Marsilio Ficino, Frankfurt
/M. 1972
- Müller, Lutz: Magie - Tiefenpsychologischer Zugang zu den Geheimwissenschaften,
Stuttgart 1989
- Peuckert, Will-Erich: Die Große Wende (Das apokalyptische Saeculum
und Luther), Hamburg 1948
- Yates, Frances A.: Aufklärung im Zeichen des Rosenkreuzes, Stuttgart
1975
(geschrieben 2001) |