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Über die Autorin:
Brigitte Herbst lebt und arbeitet in Innsbruck. Sie promovierte an der Universität Innsbruck zum Doktor der gesamten Heilkunde. Schon während des Medizinstudiums hat sie sich intensiv mit Psychologie auseinander gesetzt, vor allem mit dem Werk von C. G. Jung.
Seit 1995 arbeitet sie in einer eigenen psychologisch-astrologischen Beratungspraxis und leitet Astrologieausbildungsseminare unter Einbeziehung der Mythologie und Psychologie.
Im Frühjahr 2001 erschien ihr Buch "Der Aszendent als Wegweiser"
 

Autor: Brigitte Herbst

Das Zusammenspiel von Aszendent und Sonne


Das aufsteigende Zeichen zeigt uns unser persönliches Los beziehungsweise das Kernthema unserer persönlichen Bestimmung an, das es im Zusammenspiel mit der Sonne zu entwickeln gilt. Oder bildhaft ausgedrückt: Die Sonne - unser Wesenskern - ist der Held, der eine individuelle Aufgabe (gemäß der Sonnenkonstellation in Haus, Zeichen und Aspekten) zu erfüllen hat. Der Aszendent jedoch zeigt uns anhand des Kernthemas (des jeweiligen Zeichens) den Weg, wie wir dort hingelangen. Um dieses überhaupt zu erkennen, müssen wir in der äußeren Welt viele Erfahrungen machen.

Wenn zum Beispiel jemand im Widder geboren ist und sein Aszendent im Steinbock steht, dann sollte er Führungsqualitäten (Widder) entwickeln. Die Entfaltung dieser angeborenen Fähigkeit wird sich jedoch erst dann kreativ gestalten, wenn er Disziplin, Struktur und Selbstrespekt (Steinbock) erlernt. Zunächst wird ihm die steinböckische Qualität jedoch als begrenzendes Prinzip aus der Umwelt entgegenkommen und zwar solange, bis er erkennt, dass er die Steinbock-Qualitäten in sich selbst entwickeln muss.

Das aufsteigende Zeichen zeigt uns also unser Kernthema an, das wir entwickeln und mit der Sonne als Träger verbinden sollten. Dies ist unsere persönliche Lebensaufgabe, unsere persönliche Berufung, unser persönliches Ziel. Die Einbeziehung des Kernthemas unseres Aszendenten in unser eigenes Wertesystem hat nicht nur eine integrierende Wirkung auf die Sonne, sondern auf die ganze Persönlichkeit. Und wir werden zumindest im Nachhinein zweifelsohne erkennen, dass wir durch all diese "schicksalhaften" Erfahrungen gehen und den geforderten Preis zahlen mussten.

Dass wir das Kernthema des Aszendenten im Zusammenspiel mit der Sonne in eine persönliche Berufung umwandeln können, sehen wir, wenn wir uns eine Gruppe von bekannten Persönlichkeiten mit gleichem Aszendenten anschauen; hier können wir das Thema sehen, mit dem sie ein Leben lang gerungen haben. Goethe, Freud, Adler, Lawrence, Nietzsche und Mussolini hatten beispielsweise einen Skorpion-Aszendenten - sie alle haben auf irgendeine Art und Weise mit dem Thema Stirb und Werde, Leben-und-Todes-Kampf, Leidenschaftlichkeit, Sexualität und Spiritualität oder Macht- und Erkenntnisdrang gerungen - dieses Thema hat sie völlig in Anspruch genommen.

Sigmund Freud hatte eine Stiersonne, aber der Bereich, der ihn ganz besonders intensive interessierte, mit dem er rang, um ihn zu verstehen und den er zu verdichten suchte, war skorpionisch. Diesen skorpionischen Bereich nannte er das Es (Unterbewusstes). Und die zwei Instinkte, denen er die größte Wichtigkeit in der menschlichen Psychologie zuschrieb, waren der Sexual- und der Todestrieb. Freud bezeichnete seine psychologische Lehre zwar als "Naturwissenschaft" (Stier-Sonne!), aber wovon er sich getrieben fühlte, es zu erforschen, es zu verstehen, es zu interpretieren und in einen Ruf zu verwandeln, diese Energie kommt vom Skorpion-Aszendenten. Die ganze Freudschen psychoanalytischen Literatur ist skorpionisch. Jung hatte einen Wassermann-Aszendenten; vorausschauend sagte er: "Sexualität ist nicht alles, da gibt es auch noch ein kollektives Unbewusstes und es gibt auch spirituelle Werte." Das ist der wassermännische Körper der Jungschen psychologischen Theorie.

Alfred Adler, ein Schüler von Freud, versuchte ebenfalls den Bereich des Es zu verstehen. Sein psychologisches Lehrgebäude fußt jedoch auf dem Machtstreben aufgrund von Minderwertigkeitskomplexen - körperlicher oder sonstiger Art. Und er war der Ansicht, dass das Machtstreben durch das Sich- Einfügen in die Gemeinschaft (Wassermann-Sonne!) abzubauen sei.

David Herbert Lawrence war ein Schriftsteller (Jungfrau-Sonne!) und Anhänger von Freud. Er schrieb ebenfalls über Sexualität und Tod. Die siedende Welt der Leidenschaften und die unterirdischen Kräfte waren seine Wahrnehmung von der grundlegenden Realität im Leben. Das ganze Werk von Lawrence ist skorpionisch, auch sein Stil ist skorpionisch - hypnotisch und schwer.

Johann Wolfgang Goethe war viel fließender. Aber Faust, sein Lebenswerk, ist skorpionisch: "Kontrolldrang über die Macht des Wissens". Goethe verbrachte sein ganzes Leben damit, dieses Werk zu vollenden; es hat ihn voll in Anspruch genommen. Das faustische Thema hat ihn getrieben, er hat damit auf literarischer Ebene (Jungfrau-Sonne!) gerungen, er versuchte es zu verstehen. Goethe ist in die Dunkelheit hinabgestiegen und hat das "Dunkle" von unten nach oben geholt und gelernt, es verantwortlich - und nicht subtil und manipulativ - zu nutzen.

Friedrich Nietzsche rang ebenfalls lebenslang mit skorpionischen Themen; beispielsweise der "‹bermensch" als Inbegriff des "Willens zur Macht" in Zarathustra und seinem Haß gegenüber dem Christentum, "dem Schandfleck der Menschheit".

Benito Mussolini (Il Duce) wurde vor allem von Nietzsches "‹bermenschen" beeinflusst. Mussolini repräsentiert die Urzelle des Faschismus, dessen Grundgedanke ein autoritärer oder totalitärer Einparteienstaat ist. Der Faschismus fordert von den Angehörigen der Bewegung Disziplin, Wille und Glaube und verherrlicht Gewalt, Kampf und Gefahr - alles ist sehr extrem, absolut, also skorpionisch.

Solche grundlegenden Beobachtungen können wir bei allen Aszendenten - Zeichen machen, nicht nur bei Menschen mit Skorpion - Aszendenten und ich verweise auf mein Buch "Der Aszendent als Wegweiser" (ISBN 3-925100-54-7) Besonders bei Schriftstellern lässt sich dies sehr gut nachvollziehen. Wenn wir uns die Werke dieser Schriftsteller anschauen, werden wir erkennen, dass ihre Werke jeweils ihr eigenes Kernthema enthält, das sie zu verstehen versuchten und das sie in eine persönliche Berufung verwandelt haben.

Die Umwandlung des Kernthemas in eine persönliche Berufung bietet die kreativste Variante an, unser persönliches Los zu erfüllen. Damit sei jedoch nicht gesagt, dass uns dieser Weg vor den nötigen "schicksalhaften" Erfahrungen schützt, denn nur über sie gelangen wir zur tiefen Ebene, zum Kernthema des Aszendenten und zu seiner Integration.

An dieser Stelle möchte ich noch klarstellen, dass das Medium Coeli nicht unsere persönliche Berufung symbolisiert, sondern die Rolle, die wir in der Gesellschaft spielen wollen, welches berufliche Ziel wir dort erstreben, denn wenn ein starker Transit über das Medium Coeli geht, dann wird man seine beruflichen Ziele oder seinen Beruf wechseln; ein starker Transit über den Aszendenten enthüllt jedoch mehr vom wahren Wesen, das viel mehr im Aszendenten und in der Sonne liegt.

Der Aszendent in der ersten und zweiten Lebenshälfte

Der Aszendent braucht zur Entfaltung - wie ein guter Wein - viel Zeit. In der ersten Lebenshälfte drückt sich der Aszendent eigentlich nur auf der körperlichen Ebene und in immer wiederkehrenden charakteristischen Erfahrungen mit der Umwelt aus. Zunächst scheint es eher als repräsentiere die äußere Welt unseren Aszendenten und nicht wir selbst. Die Qualitäten, die das aufsteigende Zeichen symbolisiert, werden oft für lange Zeit nicht als die "eigenen" empfunden - im Gegensatz zu denjenigen von Sonne und Mond -, insbesondere dann nicht, wenn beispielsweise das Element, in dem der Aszendent steht, für das restliche Horoskop nicht verlockend ist. Unsere Persona entspricht zwar normalerweise den Qualitäten des jeweiligen Aszendenten, aber innerlich fühlen sie sich für gewöhnlich nicht als zu uns gehörend an - vor allem nicht die weniger schönen, die sind uns zunächst total fremd. Ein junger Mensch mit Widder-Aszendenten wird sagen: "Mir begegnen immer wieder aggressive Menschen; ich selbst bin nicht aggressiv und diese Aggressivität ist so unangenehm!" Wenn wir das Aszendentenzeichen nicht mögen, dann projizieren wir auch die positiven Züge in die unmittelbare Umgebung. Im ersten Teil unseres Lebens lebt der Großteil von uns - wenn überhaupt - nur die oberflächliche, äußere Ebene des Aszendenten.

Bis zum Eintritt in das Erwachsenenalter haben wir eine Ich-Hülle (Persona) kreiert, die die Geburtserfahrung und alle "schicksalhaften" Erfahrungen, die wir inzwischen erlebt haben, widerhallen lässt, und wir sind überzeugt, dass unsere Persona und unsere Lebenseinstellung durch diese Erfahrungen, die wir mit der äußeren Welt gemacht haben, geformt wurden. Doch jetzt sollten wir allmählich erkennen, dass das, was von "da draußen" auf uns zukommt, unser persönliches Los beziehungsweise das Kernthema unsere persönliche Bestimmung anzeigt, die es zu erfüllen gilt - wir können unserem tiefen Aszendententhema nicht entrinnen. Und wenn wir dieses "Los" annehmen, wenn wir unsere individuelle Bestimmung im Zusammenspiel mit der Sonne entwickeln, dann erreicht auch die Persona ihre volle Blüte.


© 2001 Brigitte Herbst

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