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Zurück Pierre d'Aillys astrologische Geschichtsdeutung

von Rüdiger Plantiko - plantiko@astrologix.de




Text: Das Zeitalter der westlichen Kirchenspaltung

Pierre d'Ailly (1350-1420), oder Petrus Alliacus, wie er als wissenschaftlicher Autor zeichnete, war Kirchenmann zur Zeit des Großen Abendländischen Schismas (1378-1414). Erschüttert und besorgt durch die Krise der Kirche, bemühte er sich um ein Verständnis dieser Ereignisse aus der Geschichte, wobei er sich astrologischer und theologischer Geschichtsdeutungen bediente. Sein Werk gipfelt in der Vorhersage, vom Jahre 1789 an werde eine neue, nicht mehr christliche Art zu denken und zu leben um sich greifen - die "Sekte des Antichrist" werde von diesem Zeitpunkt an die Welt erobern.

Text: Buchankündigung, Princeton University [engl.]

Die Stanforder Historikerin Laura Ackermann Smoller hat es in ihrem 1994 bei Princeton University Press erschienen Buch "History, Prophecy, and the Stars" unternommen, d'Aillys Geschichtskonstruktionen nachzuzeichnen. Das Buch ist interessant zu lesen und gibt einen lebendigen Eindruck von der spätmittelalterlichen, vorreformatorischen Epoche des Abendlandes, von dem Lebensgefühl, das einen geistig interessierten Menschen dieser Epoche umtrieb.

D'Ailly kann nicht eigentlich als Astrologe bezeichnet werden. Von der "judiziellen Astrologie", dem Ausdeuten eines Geburtshoroskops, hatte er vermutlich nur die oberflächlichsten Kenntnisse. Nur selten finden sich in den von ihm hinterlassenen Werken Horoskopfiguren, und nie deutet er sie aus. Stellt er ein Horoskop vor, so kommentiert er es nie anders als mit dem Satz: "Die Deutung dieses Horoskops überlasse ich den Sternkundigen" - oder durch das wörtliche Zitat eines Astrologen. In seinem Frühwerk findet sich sogar eine gegnerische Schrift, die die Argumente des Augustinus und Nicolas Oresme gegen die Astrologie aufgreift.

Dennoch ist Alliacus davon überzeugt, daß Gott eine prästabilierte Harmonie oder "Konkordanz" zwischen Weltgeschichte und Sternenlauf eingerichtet habe. All sein Bemühen ging darauf, diese Konkordanz zu entschlüsseln. Die Triebkraft, die ihn immer wieder dazu drängte, war die Kirchenspaltung, die den studierten Pariser Theologen, Diplomaten am Avignoner Hof, päpstlichen Legaten und späteren Kardinal zutiefst beunruhigte. Seine astrologischen Kenntnisse hatte er hauptsächlich aus dem "Opus maius" des Roger Bacon; aus diesem Werk lernte er auch die Theorie der Großen Konjunktionen kennen, die ihn so faszinierte, daß er sich später selbst mit den Quellen, mit dem Werk Albumasars beschäftigte.

D'Ailly lebte in einer Zeit, in der endzeitliche Spekulationen die Menschen umtrieben. Flagellanten prozessierten durch Europa und predigten Umkehr und Buße. Überall schossen spirituell orientierte Sekten wie Pilze aus dem Boden, die wie ihr großes Vorbild, der kalabresische Abt Joachim von Fiore (+1202), ein bevorstehendes Zeitalter der Freiheit und des Geistes verkündeten. Nicht zu unrecht knüpfen auch die heutigen New Age-Apostel an die Ereignisse aus jener Zeit an, namentlich an Joachim von Fiore. Es war eine "Trunkenheit von Geist", die viele Menschen mit der Kraft versah, in kleinen Gemeinschaften eine Art Urkommunismus zu praktizieren, auf Privatbesitz und Hierarchie zu verzichten. Mit Sorglosigkeit, ja Verachtung traten sie den weltlichen Mächten gegenüber. Auch die Kirche konnte diesen Menschen keine Heimat mehr bieten, ihre Zeit sah man als abgelaufen. Ja, viele Menschen sahen den residierenden Papst als den Antichristen der Apokalypse, der die Menschen von ihrer spirituellen Mission ablenkte und sie daran hinderte, die ihnen zustehende Freiheit zu ergreifen.

Selbstverständlich wurden auch Theologen wie d'Ailly von dieser Zeitstimmung ergriffen - sie teilten mit ihnen den Glauben, sich am Ende der Zeiten zu befinden. Andererseits war es ihnen unmöglich, den "Spiritualisten" in ihrer Ablehnung der katholischen Kirche zu folgen. Für kirchliche Theologen waren die Lehrer des freien Geistes selbst die Vorboten der Apokalypse; ihr Ungehorsam gegenüber der Kirche, ihr Beharren auf der menschlichen Freiheit wies sie vielmehr selbst als die "falschen Propheten" aus, die das Erscheinen des Antichrist und das Jüngste Gericht ankündigten. Pierre d'Ailly sah es als Aufgabe der Theologie, die apokalyptischen Visionen zu entschlüsseln und die Christen über den Zeitplan der "letzten Dinge" in Kenntnis zu setzen.

Die apokalyptische Bibelstelle "Es werden Zeichen an der Sonne, dem Mond und den Sternen sein" (Lk 21.55) nahm d'Ailly als Rechtfertigung, auch Astrologie zu Hilfe zu nehmen, um den Lauf der Weltgeschichte zu erforschen. Nun gibt es aber ein anderes Jesus-Wort, das die Datierbarkeit der "letzten Dinge" durch den Menschen ausdrücklich ausschließt: "Es ist euch nicht gegeben, die Zeiten zu wissen, die der Vater in seine Macht gesetzt hat" (Apg 1.7). Pierre d'Ailly versuchte es durch den Einwand zu entkräften, Jesus habe schliesslich im Präsens (es IST euch nicht gegeben...) zu seinen damaligen Jüngern gesprochen, die - als einfache Fischer - tatsächlich nicht in der Lage waren, diese Zeiten vorauszuberechnen. Nun aber, da man wirklich in die Nähe der letzten Tage geraten sei, könne eine solche Unternehmung, in der rechten christlichen Gesinnung durchgeführt, durchaus Erfolg haben.

Das Schema der Endzeit, über das bei den Theologen Einigkeit bestand, war folgendes: Zuerst mußten falsche Propheten auftreten und viele Gläubige verführen. Dann würde eine "dissectio", eine Glaubensspaltung auftreten, die Paulus in seiner Thessaloniker-Apokalypse vorhergesagt hatte (2 Thess 2). Nicht nur d'Ailly identifizierte diese dissectio mit dem Abendländischen Schisma. Nach der dissectio würde dann der berüchtigte "Antichrist" auftreten, der Widersacher Christi, der eine neue Religion bzw. nichtchristliche Weltanschauung begründet. Diese neue Religion würde eine Zeitlang zur herrschenden werden und viele verführen. Schließlich würden die eigentlich eschatologischen Ereignisse folgen: der Einbruch der göttlichen in die irdische Ordnung, beginnend mit dem Kampf Michaels mit dem Drachen und mit dem Jüngsten Gericht endend.

In dem Maße, in dem d'Ailly das Schisma in seiner historischen Bedeutung richtig einschätzen lernte - er hatte es in seinen frühen Jahren überschätzt, aber die astrologische Geschichtsbetrachtung half ihm, den Blick zu weiten - verloren auch seine Prognosen an der frühen Hektik und Dringlichkeit. Die Herausbildung der neuen nichtchristlichen "Sekte" (= Religion in der Terminologie d'Aillys, auch Christentum, Islam, Judentum sind bei ihm "Sekten") sowie das Erscheinen des Antichrist erschienen ihm nun als jahrhundertelanger Prozess. In dieser reiferen Altersphase gelangte er zu der Prognose, im Jahre 1789 werde es zum Erscheinen des Antichrist oder zu gewaltigen Umbrüchen kommen, die die Vorherrschaft der nichtchristlichen Sekte ankündigen.
Ich finde es frappierend, daß der mittelalterliche Kardinal mit dieser Jahreszahl tatsächlich ein Datum von höchster historischer Bedeutung bestimmt hat, mit dem tatsächlich eine neue Welt- und Lebensanschauung angebrochen ist.

Einige Jahrzehnte nach d'Ailly, im Jahre 1456, kam der Theologe Felix Hemmerlin durch Bibelstudium zu dem Ergebnis, das Ende der Welt, 7000 Jahre nach der Schöpfung, sei im Jahre 1492 zu erwarten. Auch hier ist nicht die christlich-metaphysiche Ummäntelung interessant, sondern daß überhaupt dieses Datum genannt wurde, das von vielen als Beginn der Neuzeit angesehen wird und tatsächlich so etwas wie das Ende "der" Welt bedeutet - das Ende der alten Welt nämlich; jedenfalls für jemanden, dessen Bewußtsein ganz in dieser alten Welt beschlossen ist, das nur die alte Welt zu fassen vermag.

Beide Autoren betonen übrigens interessanterweise, daß sie sich in der Prophetie für völlig unbegabt halten. Keine prophetische Schau führte sie zu ihren Vorhersagen, sondern nur das Klügeln und Brüten und Rechnen des niederen, unerleuchteten Verstandes, die Aktivität der linken Gehirnhälfte. Ihre Begabung war offensichtlich nicht die Prophetie, sondern ein feines Gespür für das, was an der Zeit ist.

Es ist klar, daß sich in ihre scheinbar ganz vernünftig und rational durchgeführten Berechnungen das Unbewußte einmischte und den hochgradig unreproduzierbaren Gang ihrer Rechnungen und Überlegungen zu bestimmten Ergebnissen hinlenkte. So wird es den beiden Kirchenmännern ebenso wie ihren zeitgenössischen Apokalyptikern klargewesen sein, daß die Zeit des Christentums abgelaufen war. Diese Religion war nicht mehr in der Lage, das Bewußtsein der Menschen zu begeistern und voranzutreiben. Die Kirche war schon damals, wie Uta Ranke-Heinemann es so pointiert bemerkte, "eine Konserve, deren Verfallsdatum längst überschritten ist." Nur waren dies höchst ketzerische Gedanken, die sich ein hoher kirchlicher Würdenträger jedenfalls mit dem bewußten Teil seiner Seele kaum erlauben durfte (und wollte). Die Hinwendung zu eschatologischen Problemen und vor allem zur Antichrist-Figur erschien hier als ein willkommenes Ventil, um in einer vom Bewußtsein zensierten, legalisierten Form solche Gedanken auszudrücken. Daß d'Ailly in seinen Erörterungen dazu kommt, ausgerechnet das Jahr 1789 als Wendepunkt zur nichtchristlichen (besser wohl: postchristlichen) Weltanschauung zu bestimmen, zeigt, wie nah er gefühlsmäßig am Puls der Zeit war.

Mit welchen Methoden hat d'Ailly seine Geschichtsbetrachtung angestellt? Wie kam er auf die Jahreszahl 1789? Abgesehen von theologischen Quellen (Joachim von Fiore, Hildegard von Bingen, Bibel) bediente er sich der folgenden astrologischen Methoden:

1.) Die Jupiter-Saturn-Konjunktionen: Jupiter und Saturn treffen sich rund alle 20 Jahre, wobei der Tierkreisort ihrer Zusammenkunft sich um 242:25 Grad vorverlegt (dies sind die - falschen - von Albumasar verwendeten und von d'Ailly übernommenen Zahlen). Die Konjunktionsorte bleiben daher in einem Zeitraum von rund 240 Jahren in einem Element, in 960 Jahren haben sie dann eine Wanderung durch alle vier Elemente vollendet. D'Ailly verwendete für die Betrachtung der älteren Geschichte (Schöpfung, Sintflut, Moses) aus Bequemlichkeit diesen "mittleren Zyklus", obwohl er bemerkte, daß die wahren Konjunktionsorte von den mittleren um einen guten Teil abstanden. Auch ist die Zyklusdauer von 960 Jahren astronomisch inkorrekt - in Wahrheit liegt sie bei ca. 800 Jahren. D'Ailly, der zuerst längere Zeit mit den Werten der Araber gerechnet hatte, stellte mit der nach dem kastilischen König Alfons X. benannten Planetentafeln irgendwann die korrekte Zyklusdauer von 800 Jahren fest, korrigierte aber seine früheren Angaben nicht, was es manchmal schwierig macht, ihm zu folgen. Einige wahre Konjunktionen berechnete er auch mit Hilfe der Alfonsinischen Tafeln - eine mühsame Prozedur.

D'Ailly unterscheidet Coniunctiones maximae, mediae und minimae: Die Coniunctio maxima ist die erste Konjunktion im Feuerelement, die einen neuen Zyklus von 960 Jahren einleitet; die media ist die erste Konjunktion in einem neuen Element; alle übrigen sind coniunctiones minimae.

In dem Werk "Elucidarum astronomice concordie cum theologica et hystorice veritate" erklärt d'Ailly, seit der Weltschöpfung seien sechs Konjunktionszyklen vergangen und die siebente Coniunctio Maxima habe sich im Jahre 955 ereignet. Die achte werde im Jahre 1915 folgen - wenn die Welt bis dahin Bestand habe. In einem anderen Werk, der "Concordantia astrologie veritatis et narrationis hystorice" hat er die Maximae um gut 200 Jahre früher datiert, so daß die achte Coniunctio Maxima nun auf das Jahr 1693 fällt.

2.) Die Saturnumläufe. Saturn braucht rund dreißig Jahre für einen Umlauf. Albumasar faßte je zehn Umläufe des Saturn zu einer historischen Einheit von 300 Jahren zusammen. Die dadurch gegebene Periodisierung tritt nun zu der durch 1.) gegebenen hinzu, steht aber zu dieser in einem leicht durchschaubaren Zusammenhang. Der Widderingress nach der Vollendung von jeweils zehn Saturnumläufen soll mit besonders markanten, die Geschichte prägenden Ereignissen zusammenfallen.

Nach den Rechnungen d'Aillys gab es derartige Ingresse in den Jahren 589, 289, 12 ante und 312 ante, die er in dieser Reihenfolge mit dem Auftreten Mohammeds, Manis, Jesu und Alexanders in Verbindung setzt. 889 stünde in Verbindung mit der Einnahme Spaniens durch die Sarazenen und deren Zurückdrängung durch die Europär. Die Vollendung des folgenden Umlaufs im Jahre 1189 habe Beziehung zur Bekehrung der Livländer, zum Römischen Konzil, zu Kaiser Friedrich I., zur Ermordung Thomas Beckets, zur Begründung der Bettelorden und zur Tatarenherrschaft. D'Ailly zählt diese Ereignisse bloß auf, ohne den Versuch, einen beherrschenden Zug herauszuheben. Das Gemeinsame scheint aber die Veränderung von Welt- und Lebensanschauungen zu sein. Den Ingress von 1489 übergeht d'Ailly - während der folgende im Jahre 1789 zur Hauptstütze seiner schon erwähnten Prognose wird.

Es erübrigt sich auch hier zu sagen, daß die "Ingresse", die d'Ailly hier durch bloßes Addieren von 300jährigen Perioden ermittelt, mit der astronomischen Wirklichkeit nichts zu tun haben. Zwar finden wir am 18.4.1790 tatsächlich einen Ingress des Saturn in Widder, aber beim Zusammenfassen von je zehn Umläufen kommt man für die früheren Ingresse auf die Jahre 1496, 1201, 907, 613, 319, 25 und schließlich 271 ante. Wie man sieht, beläuft sich der Fehler zur Zeit Alexanders bereits auf 41 Jahre, also rund eineinhalb Saturnumläufe!

Darüberhinaus ist es nicht einzusehen, warum gerade zehn Umläufe zu einer geschichtlichen Einheit zusammengefaßt werden sollten. M.E. steckt dahinter außer der besonderen Vorliebe der Araber für die Zahl 10 nichts Weiteres. Plausibler ist da schon, aufgrund der Verwandtschaft des Mondes mit dem Saturn, die Zusammenfassung von zwölf Umläufen: Soviele Umläufe, wie der Mond in einem Sonnenjahr macht, soviele Saturnumläufe könnten eine historisch relevante Periode umfassen. Eine solche Periodisierung hat später der bekannte Abt Johannes Trithemius von Sponheim unternommen, der je einen der sieben Erzengel für einen Zeitraum von 354 Jahren und 4 Monaten die Geschicke der Menschheit leiten läßt. Dies ist die sekundärdirektionale Übersetzung von zwölf synodischen Mondumläufen und entspricht ungefähr zwölf Saturnumläufen (diese umfassen eine Zeitspanne von 353 Jahren und 8 Monaten).

Text: Erläuterungen zur Präzession des Tierkreises

3.) Eine Spezialität d'Aillys war, daß er darüberhinaus auch die Präzessionsbewegung, den "motus octavae sphaerae", für seine Geschichtsbetrachtung heranzog - allerdings mit einer völlig falschen, auf Thabit ibn Qurra zurückgehenden Theorie. Eine auf der Wanderung des Frühlingspunktes durch die Sternbilder basierende astrologische Zeitalterlehre, wie seit dem 19. Jahrhundert von theosophischen Schulen verbreitet wurde, finden wir bei ihm nicht. Die Theorie ibn Qurras besagte, daß der Frühlingspunkt sich nicht gleichförmig durch die Sternbilder bewegt, sondern eine Oszillationsbewegung ausführt. D'Ailly hatte die Theorie durch die Alfonsinischen Tafeln kennengelernt. Er betrachtete die Umkehrpunkte dieser Oszillationsbewegung als besonders wichtige, allen anderen Perioden übergeordnete Punkte des Geschichtsverlaufs. Die Alfonsinischen Tafeln wiesen für das Jahr 1789 einen solchen Umkehrpunkt aus. (Übrigens fand die Methode, die Oszillation der 8. Sphäre für apokalyptische Betrachtungen heranzuziehen, im 16. Jahrhundert einen Nachahmer - den französischen Theologen Pierre Turrel.)

Die drei Methoden zusammenfassend, kommt d'Ailly in der "Concordantia" zu dem Schluß:

"Wenn die Welt bis auf jene Zeit (das Jahr 1789, R.P.) Bestand hat, was Gott allein weiß, so werden dann große und wunderbare Veränderungen der Welt und Umgestaltungen eintreten, ganz besonders in Bezug auf die Religionen und Sekten. Denn mit der besagten Konjunktion und jenen Revolutionen des Saturn wird noch eine Revolution oder Umdrehung der achten Sphäre zusammentreffen, aus welcher, wie aus den anderen angeführten Tatsachen, eine Veränderung der Sekten zu erkennen ist."

Ein interessantes Nachspiel hatte die Arbeit d'Aillys im Leben des Entdeckers Christoph Columbus: Das Werk "Tractatus de Imagine Mundi", das ihn auf seinen Reisen begleitete, enthielt neben den geographischen Arbeiten Jean Gersons auch eine frühe Arbeit von d'Ailly. Unter dem Einfluß dieser Arbeit schrieb Columbus an Ferdinand und Isabella von Spanien, die Welt werde nur noch rund 155 Jahre bestehen; vor dem Weltuntergang müsse es aber geschehen, daß alle Welt getauft werde. Seine eigenen Reisen sah er als Teil dieses "Missionsauftrags der letzten Tage"!

D'Ailly hat sich in seinen Werken oft verrechnet, er kam oft zu falschen Prognosen, seine Werke sind selbst vom rechnerisch-mathematischen Gesichtspunkt hoch unzuverlässig. Was ihm aber anzurechnen ist, ist, daß er das Augenmerk der Astrologen und Theologen auf die Geschichtsbetrachtung gelenkt hat und sich nicht scheute, eine Geschichtstheorie der "heidnischen" Araber nach eigener Überprüfung zu übernehmen.
Obwohl er nie Individualastrologie betrieben hatte und obwohl sein Geist von den ewigen Endzeitspekulationen des Christentums umnebelt war, gebührt ihm ein Ehrenplatz in der Astrologiegeschichte - war ihm doch die Deutung der Zusammenhänge von Sternenlauf und Erdengeschehen, die "Concordia astronomice veritatis et hystorica narratione" das eine große Lebensanliegen.


ASTROLOGISCHE ANMERKUNG

Die Lehre von den Großen Konjunktionen als Zeitweiser der Weltgeschichte, die bis zu den Arabern ins 8. Jahrhundert n.Chr. zurückzuverfolgen ist, scheint mir tatsächlich Bestand zu haben: Untergliedert man die letzten 3000 Jahre in 200 Jahre dauernde Epochen, die jeweils einem der vier Elemente zuzuordnen sind, so kann man feststellen, daß tatsächlich eine diesen Elementen entsprechende "Färbung" der Zeitläufe feststellbar ist.

Mit der folgenden Formel kann man die Mittlere Elementphase eines Datums berechnen.

Sei JD das (astronomische) Julianische Datum. Dann ist das Element

        E = FRAC(JD*0.00000341585 - 8.86249)*120,
wobei FRAC den gebrochenen Anteil bezeichnet (FRAC(1.5)=0.5).
E ist eine Zahl zwischen 0 und 120 und gibt den Ort an, an dem sich der "Mittlere Konjunktionspunkt" gerade befindet. E=72 bedeutet z.B. 12 Grad Luft (72=12+60):
        E = 0...29  Feuer
        E = 30..59  Erde
        E = 60..89  Luft
        E = 90..119 Wasser

Interessant ist auch das auf den genauen Zeitpunkt einer Mutationskonjunktion berechnete Horoskop. Das für solche Berechnungen genaueste Werk von Neil F. Michelsen, Tables of Planetary Phenomena, ACS Publications, gibt für die letzten Mutationen die folgenden Zeitpunkte an (im Gregorianischen Kalender). (Es ist vor allem bei weiter zurückliegenden Daten nötig, hochgenaue Ephemeriden zur Verfügung zu haben. Die auf der APAE basierenden PLACALC-Routinen reichen für historische Zeiten nicht aus, eher schon die DE200 des Jet Propulsion Laboratory, wie sie Michelsen verwendete. )

                                       Rechnung mit
                                       mittleren Werten:

LUFT: 15.11.1186, 8:38 E.T.              1189 bis
WASSER: 2.1.1306, 11:53 E.T.             1389 bis
FEUER: 18.12.1603, 6:55 E.T.             1589 bis
ERDE: 17.7.1802, 22:48 E.T.              1790 bis
LUFT: 31.12.1980, 21.26 E.T.             1990

Man sieht, daß es zwischen der wahren und der mittleren Mutation Unterschiede von mehreren Jahrzehnten geben kann.

Doebereiner, Baigent/Campion/Harvey und viele andere geben als Mutationskonjunktion ins Erdelement irrtümlich die Große Konjunktion von 1842 an, deren genaue Eintreffzeit sie darüberhinaus fehlerhaft berechnen. Diese Konjunktion, die am 26.1.1842 um 6:12 E.T. stattfand, ist keine Coniunctio Media, sondern eine Minima - das Erdelement wurde bereits vierzig Jahre früher eingeleitet.


Im September 1996

gez. Rüdiger Plantiko



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