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Über den Autor:
Claus D. Stahl (1934). Nach dem Abitur Studium der Psychologie, Philosophie und medizinischen Anthropologie in Tübingen, Berlin und München. Seit 1957 Diplom - Psychologe. 1975 - 1991 Professor an der Staatlichen Fachhochschule für Sozialwesen in Esslingen. Seither freie Beratungspraxis. Beschäftigung mit Astrologie seit 1968 (durch Anregung von Fritz Riemann).
Verfasser des Buches
"Vesta - das innere Feuer. Die zentrierende Kraft im Horoskop" (2001).
 

Autor: Claus D. Stahl

Vesta und die Jungfrau-Energie


In der klassischen Astrologie gehen wir von einer Affinität zwischen Merkur und Jungfrau-Energie aus, so dass Merkur sein Domizil nicht nur im Zeichen Zwillinge, sondern auch im Zeichen Jungfrau hat. Wir schreiben ihm im Luftzeichen Zwillinge differenziertes, waches, bewegliches Denken und ein ausgeprägtes Interesse an Kommunikation, Reden und Schreiben zu, erleben ihn bei dieser Energie als neugierig, vielseitig interessiert, wach, aufgeschlossen, gelegentlich aber auch als oberflächlich, voreilig und redselig.

Als Herrscher der Jungfrau hingegen ist Merkur gekennzeichnet durch seinen analytischen Verstand, der klar, nüchtern, sachbezogen ist sowie methodisch trennen kann, was praktisch oder unpraktisch, brauchbar oder unbrauchbar, zweckvoll oder zwecklos ist. Dabei zeigt er Freude am Detail, an Genauigkeit, Präzision und Klarheit.

B. Romankiewicz betont zu Recht: "Es stimmt etwas nicht an der Art und Weise, wie wir die Jungfrau und ihr Zeichen betrachten"(1). Und noch entschiedener äußert sich Meier-Parm: "Das Zodiakzeichen Jungfrau hat einen merkurialen Aspekt; aber zu verstehen ist es von Merkur her nicht"(2). Er weist dem Merkur das Zeichen Zwillinge als Domizil zu, der Vesta aber das Zeichen Jungfrau sowie Anfang Waage, außerdem sieht er sie im Steinbock erhöht, in den Zwillingen oder Widder im Fall (oder Exil).

Vergleichen wir dies mit all dem, was bislang über Vesta gesagt wurde, finden wir bei ihr zwar ähnliche Züge, aber auf einer anderen, weniger pragmatischen Ebene. Bei Vesta (in ihrer Affinität zur Jungfrau-Energie) geht es nicht mehr um die Dimension zweckvoll/zwecklos, sondern um die Dimensionen sinnvoll/sinnlos, stimmig/unstimmig, eigentlich/un-eigentlich und somit um das Thema, kritisch reflektierend die eigene Mitte zu finden (bzw. zu bewahren), den eigenen Fokus zu schaffen, sich verbindlich in das Ganze einzufügen - kurz: das eigene Feuer, die eigene Flamme zu leben und zu bewahren. Vesta wird zum Symbol der ruhenden und zugleich lodernden und wärmenden Mitte. Zum Gegenthema wird dann das Verfehlen oder der Einsatz, der nicht das richtige Maß hat - und als mögliche Folgen dementsprechend Scheitern, Entfremdung (von sich selbst) und das Gefühl, sich selbst nicht mehr klar orientieren, organisieren und bestimmen zu können.

D. George sieht Vesta auch als Regentin des Skorpion und damit im Zusammenhang mit dem Thema Sexualität (vor allem Sexualität und Angst, Sünde und Schuldgefühl, sexuelle Unterdrückung und Projektion, sexuelle Diskriminierung)(3). Dabei wird übersehen, dass Störungen in unserer persönlichen Zentrierung und Integrität sich in allen Lebensvorgängen und in allen Lebensbereichen manifestieren können, auch wenn diese ursprünglich nicht gestört sind, sondern es erst durch eine misslingende Auseinandersetzung mit kulturellen und gesellschaftlichen Normen und Regeln werden.

Wenn wir unser bisheriges Wissen zusammenfassen, so geht es bei Vesta (die eigentlich den ganzen Planetoidengürtel repräsentiert) um eine innere Kraft, die einen wichtigen Teil der Jungfrau-Energie bündelt, zentriert und uns damit ermöglicht, auch bei Schwierigkeiten und Belastungen in der Balance von Innen und Außen bei sich selbst zu bleiben. Sie wird daher in den Erscheinungsformen folgender Prinzipien fassbar:

Zentrierung, Integrität, Reinheit und Identität der Eigenperson, Selbstbestimmung und innere Verantwortung; vollzogen und gelebt oft durch Arbeit, Hingabe an die Sache oder die Gemeinschaft, innere Verpflichtung, selbstbestimmtes Bewahren der eigenen Person und der persönlichen Haltung, Opfer, Dienen; und als Gegenpol: Zerfall, Verlust der Geschlossenheit, Desorganisation, Zentrierung auf Teile und Ausschließen von anderen Bereichen, Abspaltungen, oft erfahrbar und erlebbar als Verlust der eigenen Mitte, als Entfremdung und letztlich als persönliches Scheitern durch Fehleinschätzung und fehlendes Maß im Ausleben der eigenen Lebensenergie, aber auch durch Zentrierung auf Teile und Ausschließen von anderen Bereichen, durch entfremdete und blockiert-abgespaltene (sexuelle) Energie mit den daraus folgenden Einschränkungen.

Vesta gibt uns durch ihre Position im Zeichen und Haus(4) eine Antwort auf die Frage: Welche Kräfte und welche Bereiche in uns müssen vor allem bewahrt werden, damit wir integer bei uns selbst bleiben können und damit es nicht zur Entfremdung und Abspaltung kommt? Wo muss unsere persönliche Identität und Integrität besonders geschützt werden, bzw. wo ist die Gefahr einer existenziellen Entfremdung (durch Verdrängung der natürlichen Instinkte, Bedürfnisse und Gefühle) am größten? Die Position im Zeichen zeigt also an, welche persönliche Energie wir bewahren müssen, um authentisch wir selbst zu sein; sie weist aber auch darauf hin, bei welcher Kraft und Energie wir unser eigenes Maß finden müssen, um zum einen nicht Kräfte, Bedürfnisse und Impulse abzuspalten, zu verdrängen oder aufzugeben und zum andern nicht die ganzheitliche Steuerung und Kontrolle über sie zu verlieren. Die Position im Haus ist ein Hinweis darauf, in welchem (Lebens-) Bereich wir unsere Stärke voll leben können, wo sie ihren prägnantesten Ausdruck findet, wo sie aber zugleich besonders gefährdet ist.

Es geht beim astrologischen Verständnis der Vesta als innere Gestalt also um die Thematik 'autonomes Selbst-Sein versus Selbst-Entfremdung'. Bevor wir in unserer Erörterung zu konkreteren und praktischen Zusammenhängen kommen können, möchte ich diese allgemeine Thematik genauer betrachten, um einen Rahmen für weitere Analysen zu gewinnen.


© 2001 Claus D. Stahl


Anmerkungen:

(1) B. Romankiewicz. Sternbild Jungfrau (Solothurn, Düsseldorf, 1994), S. 171

(2) Chr. Meier-Parm, Planetoid Vesta (Stuttgart 1982) S. 84

(3) D. George. Das Buch der Asteroiden (Mössingen, 1991) S. 168ff.

(4) Ausführlich dargestellt in dem Buch Claus D. Stahl: "Vesta - das innere Feuer. Die zentrierende Kraft im Horoskop" (Tübingen 2001).

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