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Über den Autor:
Wilfried Schütz studierte Ingenieurwissenschaften (Dipl.Ing.), Medizin und Astrologie. Er ist beratender psychologischer und spiritueller Astrologe. Gemeinsam mit seiner Frau leitet er die Astrologische Akademie Baden AAB (CH).
Im Herbst erscheint sein Lehrbuch
"Das Menschenspiel. Astrologie als Schlüssel zur Religion und Spiritualität"
 

Autor: Wilfried Schütz - aus merCur

Gefesselte Lust

Warum Lilith dagegen aufbegehrt

Wenn die Figur der Lilith nur noch zur unheimlichen Mode-Dämonin stilisiert wird, ist Obacht geboten. Und wenn dann noch manche Astrologinnen in der Beratung die Position des "Schwarzmondes" für feministisch-emanzipatorische Aussagen gegen die Männerwelt missbrauchen, erst recht. Meint jedenfalls Wilfried Schütz in seiner "männlichen" Replik auf den Lilith-Beitrag von Antonia Langsdorf in merCur 3/02. Aus seiner Sicht geht es bei Lilith letztlich nur um eines: Um die Fürsorge uns selbst gegenüber und die Lust am vollen Erleben unserer Lebendigkeit. Die aber verweigern wir uns oft selbst - aus scheinbaren gesellschaftlichen Notwendigkeiten (Karriere) heraus und aus Angst vor Strafe und Verbannung. Das hat Konsequenzen für Mann und Frau...

In den zurückliegenden Jahren stieg Lilith unübersehbar aus den Tiefen des Unbewussten ins Bewusstsein der astrologisch Interessierten und der AstrologInnen. Dabei entsteht zuweilen der Eindruck, ohne sie gehe astrologisch gar nichts mehr. In ihrer Bedeutung scheint sie vielfach gar Sonne und Mond in den Schatten zu stellen. In Frauenkreisen frohlockt es: Lilith wird's den Männern schon zeigen, und die Furcht geht unter ihnen um.

Blickt man in die Literatur oder befragt Seminarteilnehmer, so scheinen die Abgründe, die sich auftun, diejenigen Plutos noch bei weitem zu übertreffen. Mir kommt hier der Gedanke: "Ach hätten wir diese weitere Variante der Büchse der Pandora nie geöffnet".

Dabei bleibt oftmals der Archetypus der Lilith in seiner Bedeutung reichlich nebulös, oder ihm werden irgendwie die verwunschenen Analogien aller astrologischen Prinzipien angedichtet. Weder das eine noch das andere führt zu einem brauchbaren Verständnis. Und mit der schlichten Dämonisierung der Lilith-Gestalt ist gleich gar keinem geholfen. Schon immer zeigte sich: Die Wahrheit ist zwar tief, aber einfach.

Vielleicht trägt ja auch die Tatsache zur Verwirrung bei, dass verschiedene astronomische Bezüge zur Lilith diskutiert werden. Manche sehen in ihr einen geheimnisvollen, schwer zu sichtenden Himmelskörper, der etwa dreimal so weit entfernt wie der Mond die Erde umkreist. Andere nehmen Bezug auf einen Asteroiden, der zwischen Mars und Jupiter die Erde umkreist. Die Mehrheit schließlich sieht in Lilith einen sensitiven Punkt, der sich durch die elliptische Bahn des Mondes um die Erde ergibt. Aber auch hier gibt es zwei Definitionen: einmal ist die Lilith der zweite Brennpunkt (die Erde befindet sich im ersten Brennpunkt) der elliptischen Mondbahn. Daneben gibt es die Auffassung, Lilith dem Apogäum, also dem erdfernsten Punkt der Mondbahn zuzuordnen (näheres dazu siehe merCur 3/02, S. 29).

Verwirrungen mögen sich auch daraus ergeben, dass man bisher meist mit der "mittleren Lilith" rechnete, nun aber neue Ephemeriden mit der "wahren Lilith" existieren (*), was in Extremfällen Abweichungen bis zu 5° ergibt.

Ich selbst möchte mich im Folgenden auf Lilith als zweiten Brennpunkt der Mondbahn beziehen und davon ausgehend einige Überlegungen zur Diskussion stellen.

Schwarz steht oft für das Verdrängte

Zunächst eine Bestandsaufnahme: Lilith wird auch als "Schwarzer Mond" bezeichnet. Schwarz steht im psychischen Kontext oft in Verbindung mit dem Verdrängten, dem "Schatten", damit aber auch mit den triebhaften Tendenzen des Unbewussten. Das auf diese Weise Ungelebte erzeugt in uns einen Mangel an Lebensfreude.

Weiter: Jede elliptische Bahn besitzt zwei Brennpunkte, so auch die Mondumlaufbahn. Im ersten Brennpunkt befindet sich die Erde, im zweiten, siehe oben, Lilith. Das heißt, wir können davon ausgehen, dass sich all die Energien, die nicht im Erd-Brennpunkt gelebt werden, im zweiten Brennpunkt sammeln. Anders formuliert: Energien, die auf der Erde nicht gelebt werden, fokussieren sich in Brennpunkt zwei. Bleibt die Frage: Um welche Energien handelt es sich? Da es um die Mondbahn geht, kann es sich nur um Teile der Energien des Mondes handeln. An dieser Stelle möchte ich betonen, dass meiner Auffassung nach die Lilith, wie wir sie einzeichnen, nicht die ursprüngliche Lilith der Mythologie ist. Die mythologische Lilith ist die Große Mutter, die sich aus den drei weiblichen Energien (Wasserelement) zusammen setzt: Neptun (Himmelsgöttin), Pluto (Göttin der Seele) und Mond (Göttin der belebten Natur). Bei dem derzeitigen sensitiven Punkt handelt es sich um den Mondaspekt der Lilith!

Der Mond ist ein urweibliches empfängliches Prinzip, dem es ums Erleben dessen geht, was sich gerade an Lebendigkeit entfaltet. Er empfängt das, was das "Gegenüber" (die Sonne, unser männlicher Teil in uns und als Projektion außerhalb von uns) an Aktivität und Reizen aussendet. Zugleich ist der Mond von kardinaler Qualität. Das heißt, seine Empfänglichkeit ist ausschließlich auf das Hier und Jetzt bezogen. Er steht somit für die Wahrnehmung und das Erleben im Augenblick, aus dem stets ein Gefühl (Empfinden) zur momentanen Situation entsteht. Entweder Lust und Freude am Erlebten - oder Abneigung und Unlust. So vermittelt er uns, ob wir in der jeweils gegenwärtigen Situation mit uns identisch sind oder nicht. Gleichzeitig teilt er uns über das Gefühl mit, ob unsere körperlichen Bedürfnisse befriedigt sind oder nicht. So weckt er unsere Fürsorglichkeit uns selbst gegenüber. Auf diese Weise will er uns zu einem Leben führen, das unsrer Natur gemäß ist .

Die Sonne, unsere Sonne, strahlt ja nur Energie aus. Sie ist damit zwar aktiv, kreativ und spendet Leben, aber gleichzeitig ist sie unfähig zur Wahrnehmung, zum Erleben. Sie, als prominenter Vertreter des Männlichen, ist blind! Nur der Mond kann sehen und damit erleben! Und so nimmt er in uns selbst unsere Sonne bei der Hand und lenkt unsere Kreativität, auf dass sie mit uns identisch werde. Diese Zusammenhänge sind auch Hintergrund der oft missverstandenen antiken griechischen Philosophie des Hedonismus.

Um es gleichnishaft auszudrücken: Adam, die männlich aktiv schöpferische Seite in uns Menschen, muss sich von Lilith (später Eva), der erlebenden, wahrnehmenden und fühlenden Seite leiten lassen. Beide sind aufeinander angewiesen und damit gleichberechtigt, denn ohne Leben kein Erleben. Und ohne Erlebnisfähigkeit nützt die schönste Schöpfung nichts.

Der Bürger übt sich in Lustverzicht

Nun hat sich aber der Mensch seit dem Sündenfall angewöhnt, seine Kreativität (Sonne und die anderen männlichen Prinzipien) den Fähigkeiten des verzauberten Saturn unterzuordnen: der Konkurrenz, Leistung, Disziplin, um Anerkennung zunächst bei den Eltern und später in der Öffentlichkeit zu bekommen. Der Bürger übt sich also in Lust- und Triebverzicht. Belohnung für die solcherart seiner Natur entfremdete Leistung erhofft er sich in der Zukunft (wenn ich jetzt verzichte..., dann bekomme ich später um so mehr...). Wirkliches Erleben im Jetzt findet immer weniger statt. Die Missachtung unserer Gefühle führt zudem dazu, dass wir unsere körperlichen Bedürfnisse nicht mehr erkennen und uns vernachlässigen. Wir verzichten immer mehr auf das Wohlgefühl im Jetzt! Das Erleben fällt zunehmend in den Schatten und wird dort zur blockierten Lust- (Lilith-)Energie, die sich im zweiten Brennpunkt sammelt.

Dagegen probt Lilith den Aufstand... Sie muss es in uns und als Projektion außerhalb von uns tun, denn wir fallen bei derartiger Lebensgestaltung unweigerlich aus unserer Identität. Depressionen, das innere "Ausbrennen" oder Somatisierungen (u.a. über den Magen, die Gebärmutter oder die weibliche Brust) sind allzu oft die Folgen. Dazu kommt, dass meist nur wenige die angestrebte Anerkennung im Außen erreichen, selbst wenn sie noch so sehr kämpfen und krampfen. Und selbst wenn sie die gewünschte Anerkennung bekommen, so spüren sie im Laufe ihres Lebens, dass diese letztlich nur ein schaler Ersatz bleibt für ein entfremdetes Leben und für ein jahrelanges Warten auf eine irgendwann lustvolle Existenz.

Die Suche nach dem Beruf erfolgt mittlerweile schon mit dem Blick auf die zu erwartende Rente oder Pension. Unser ganzes Erlebnisfeld verengt sich immer mehr auf die wenigen Quadratzentimeter Computer- oder TV-Bildschirm, und unserer inneren Lilith erklärt der innere Mann, warum es sinnvoll ist, so zu leben und die grundlegendsten Bedürfnisse zu verleugnen. Schließlich gibt es 4 Mio. Arbeitslose in Deutschland! Können sie sich unter diesen Bedingungen die Wut Liliths vorstellen?

So erhält auch der Mythos von Lilith eine neue Note. Adam, dem seine erste Frau Lilith durchaus gleichberechtigt an der Seite stand, dürstet es nach Status (er will immer oben sein); und so steht er durch sein Leistungsstreben bald in Konkurrenz zu den Bedürfnissen der Frau an seiner Seite. Wir erkennen allzu deutlich, dass hier der verzauberte Saturn (Satan) seine Finger mit im Spiel hat. Lilith aber sieht unter diesen Leistungs-Bedingungen keine Möglichkeiten lustvollen Erlebens und verlässt Adam. Als Ersatz bleibt diesem nur noch ein Teil des Weiblichen, die "pflegeleichte" Eva, die zwar immer noch wahrnehmen kann, Adam dabei aber nicht (wie Lilith) ständig mit der Forderung nach Erlebens-Lust und Sorge um die eigenen Bedürfnisse in den Ohren liegt. Indes: Lilith, der "wilde" Teil des Erlebens, lebt weiter in den reißenden Wassern unseres Unbewussten, und ihr Zorn wächst stetig. Von dort aus gebiert sie zwar nach wie vor ihre Kinder (die nichts anderes sind als die Wünsche nach Stillung ihres Erlebnishungers und ihrer Lust), doch gehen diese, von Adam negiert, täglich zu Hunderten zugrunde...

Folgen wir diesen Überlegungen, so verliert Lilith das Dämonische, das Pluto umgibt und das Heilige, das mit Neptun verbunden ist.

Auf der verbliebenen Ebene bedroht der Schwarze Mond die männliche Seite in uns, weil sie ständig unsere auf Anerkennung und Karriere schielende Kreativität zu einem lustbetonteren Leben im Hier und Jetzt verführen will. Sie will uns dazu bringen, wie in der Kindheit unseres Lebens oder im Anbeginn unseres Seins wieder in jedem Augenblick auf das Gefühl zu achten, das bei unseren Handlungen entsteht.

Das bedeutet: Dort, wo Lilith in unserem Horoskop steht, haben wir, weil wir "Großes" leisten wollten, nicht mehr darauf geachtet, ob das, was wir taten und tun, auch Spaß macht und wir Lust am Leben empfinden. Dort sind wir in besonderem Maße aus der Identität gefallen, haben wir gegen unsere Natur gelebt, nicht mehr für unsere Bedürfnisse gesorgt und das Bedürfnis nach Lust verdrängt. Diese unsere verdrängte Fürsorge und Lust lebt aber als Gefühl der Frustration und des Zorns in unserem Unbewussten (mythologisch: Lilith lebt im reißenden Wasser) und verlangt nach einem Ersatz, einem Ausgleich, einer Kompensation. Ersatz und Kompensation sind jedoch Ausdruck verzauberter Anlagen, und deshalb sind ihre Formen immer pervertiert

Pervertierte Lust wirkt wie alles Pervertierte zerstörerisch

Was aber ein pervertiertes Lustverlangen alles bewirkt, wird in Exzessen auf unterschiedlichsten Ebenen (Krieg, Raffgier, Völlerei, Sadomasochismus, religiöse Exzesse und anderes) oft auf drastische, radikale Art deutlich. So wirkt die pervertierte Lust dort zerstörend, wo es an sich um ein lusterfülltes Sein gehen sollte...

Die erwachsene Lilith repräsentiert das Gefühl, das in jedem Moment auf die Erfüllung von intensivem, befreitem Wohlbefinden und Lusterleben drängt. Wir sorgen für unsere Bedürfnisse. In der Hemmung jedoch verleugnen wir unsere Gefühle, sind lustlos, versäumen es für uns zu sorgen und haben deshalb keinen Spaß mehr an dem Lebensbereich (Haus), in dem Lilith sich in unserem Horoskop aufhält. In der Kompensation dagegen entsteht oft Übererregung, extreme Launenhaftigkeit, Ausschweifung und Zerstörungslust.

In der zeitlichen Auslösung (z.B. Transite) versucht Lilith die der Lebenslust entgegenstehenden Barrieren zu durchbrechen. Sie trennt lustlose Paare ebenso wie sie uns beispielsweise wütend aus lustfeindlichen Situationen im Beruf herausbricht.

Zu guter Letzt noch eine Anmerkung zur Angst der Männer vor Lilith. Der Mensch ist seit Anbeginn der Schöpfung ein "androgynes" Wesen. Er vereinigt in sich einen Mann, den Prinzen der Märchen, ein Symbol für unsere Fähigkeit, etwas zu erschaffen und zu gestalten - und eine Frau, die Prinzessin, ein Symbol für unsere Fähigkeit, zu empfangen, das Geschaffene wahrzunehmen, es zu erleben. Beide wollen und müssen zusammenfinden, so will es die Alchimie.

Der Kampf Liliths um die Lust ist damit ein Kampf in jedem Menschen, egal ob er in diesem Leben in einem männlichen oder in einem weiblichen Körper steckt oder, wie im Märchen, in einer Kutsche (Symbol für den Körper) sitzt.

Um es ganz klar zu sagen: Die Lilith für den "Geschlechterkampf" einzuspannen heißt, sie zu verkennen. Und das blinden Auges, also wiederum in Verleugnung der Lilith.

Autor: Wilfried Schütz


* Dieter Koch, Bernhard Rindgen: Lilith und Priapos - die "Schalen" des Menschen, Verlag der Häretischen Blätter, Frankfurt a.M.


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