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Autor: Eric Francis Coppolino

Chirons Besuch

In welche Prozesse uns der heilende Lehrer führt

Chiron-Astrologie ist en vogue. In der Literatur ebenso wie in der Beratungspraxis gewinnt der "Schamane" unter den Kentauren wachsende Bedeutung. Weil er uns lehren kann, wie wir durch unsere Schwierigkeiten wachsen - und uns auch jenseits der Opferrolle erleben.

Ein US-Astrologe beschreibt aus seiner Sicht, warum der chironische Weg einen gänzlich anderen Umgang mit unseren Klienten erfordert. *


"Netzversion" des Artikels in der Zeitschrift merCur, Ausgabe 5/98

Neulich überreichte ich einer Klientin am Ende einer Sitzung das Buch "Chiron and the Healing Journey" von Melanie Reinhart (deutsch: Chiron - Heiler und Botschafter des Kosmos, Astrodata Verlag). In der Beratung hatten wir uns vor allem auf die Chironwiederkehr der Klientin konzentriert, einen Transit, den man bei Erreichen des 51. Lebensjahres erlebt. Als sie das Buch in ihren Händen hielt und den Umschlag betrachtete, brach sie plötzlich in Tränen aus. Ich saß mit ihr da und wartete, bis sie sich fing, um sie dann nach dem Grund für ihren Schmerz zu fragen. Sie erzählte mir daraufhin folgende Geschichte:

Vor einigen Jahren wurde sie nach Manhattan gebeten. Sie sollte sich um einen Freund kümmern, der nur noch wenige Tage zu leben hatte. Eines nachts hörte sie, wie ein Pferd durch die Straßen der Stadt galoppiert. Es erschien ihr recht ungewöhnlich, daß ein Pferd so schnell durch die Straßen galoppiert und dabei derart laut ist, daß man es sogar noch hinter dicken Sandsteinwänden hören konnte. Doch damals hatte sie sich wegen ihrer sonstigen Lebenssituation kaum Gedanken darüber gemacht.

In der darauffolgenden Nacht vernahm sie erneut die Hufschläge eines Pferdes, nur daß es sich diesmal deutlich langsamer - im Trab - bewegte. In der dritten Nacht hörte sie von der Küche aus, wie das Pferd immer langsamer wurde und ganz in der Nähe der Wohnung stehen blieb. Sie ging in das Wohnzimmer. Und dort hatte sie plötzlich eine Vision. Sie stand vor einem Wesen, das sie als einen ungefähr zwölf Meter großen Kentauren - halb Mensch, halb Pferd - beschrieb. Er war direkt vor ihr. Der menschliche Teil des Wesens war glatzköpfig und nackt, und vereinigte sich ab den Hüften mit dem Pferdekörper.

Zu jener Zeit hatte sie keine Ahnung, was sie da sah, und obwohl das Wesen nicht bösartig wirkte, war sie von dessen machtvoller Ausstrahlung, seiner Kraft und Größe überwältigt. Ihr Freund starb in dieser Nacht. Sie sagte, das Bild auf der Titelseite von Melanies Buch zeige unverwechselbar diese Kreatur.

Vision eines Wesens - halb Tier, halb Mensch

Es war also Chiron, erster Kentaur und astrologischer Namensvetter des 1977 entdeckten ersten Kentaurenplaneten, den diese Frau traf. Wir hatten gerade den größten Teil des Abends damit verbracht, die Einflüße Chirons auf ihr Leben zu diskutieren, ihren Entwicklungsweg über eine Vielzahl von Transiten und Veränderungen zu verfolgen, was schließlich in die Betrachtung ihrer gegenwärtigen Chironwiederkehr mündete. Als sie nun das Bild sah, schloß sich der Kreis. Sie erkannte Chiron und verstand noch gründlicher, was sie damals in jener Nacht erfahren hatte.

Für mich selbst rundete sich ein ganz anderer Kreis: die Erkenntnis, daß sich Chiron auf sehr markante Weise überall manifestieren kann, ob es eine "astrologische" Erklärung dafür gibt oder nicht.

Chiron war der führende Heiler der griechischen Mythologie. Zu seinen Disziplinen gehörte die Naturheilkunde, Chirurgie (was ursprünglich soviel wie "Handwerker" bedeutet), Chiropraktik, Kriegsmedizin, Ethik und Musik. Er war ein hingabevoller Lehrer dieser Bereiche. Zu seinen Schülern zählte - neben vielen anderen großen Helden des antiken Griechenland - Asklepius, der griechische Gott der Heilkunst. Seine Einflüße auf Sprache und Kultur des Westens war weitverzweigt und tief. Die meisten griechischen Wörter, die einen Bezug zu unseren Händen haben, ebenso wie das Heilen mit den Händen, leiten sich vermutlich von Chirons Name ab.

Eines der größten Mysterien für Astrologen ist die Frage, wie Astrologie überhaupt funktioniert. In diesem Kontext glaube ich, daß jeder Astrologe sehr viel lernen kann, wenn er Chirons Wirkung auf sein Leben und auf das Leben seiner Klienten genau untersucht. Vor allem gilt es, die Chirontransite für den Zeitpunkt zu überprüfen, als man sich entschied, Astrologe zu werden (bzw. zu Beginn des Astrologie-Studiums).

Die Position und Aspektierung Chirons in einem Horoskop erzählt vom Prozeß der Verwundung und Heilung, den wir alle auf unserem Weg zur ganzheitlichen und integrierten Person durchleben.

Der chironische Prozeß ist dem der "schamanischen Verwundung" ähnlich: Die mächtigsten Lehrer und Visionäre eines Stammes werden während eines Initiationsrituals in ihr scheinbar höheres - in Wirklichkeit multidimensionales - Bewußtsein eingeführt.

Wenn wir die Existenz Chirons anerkennen, wird uns bewußt, daß schamanische Verwundung ein Prozeß ist, an dem alle Menschen teilhaben. Durch Chiron lernen wir, daß wir nicht auf der Welt sind, nur um zu leiden. Wir sollen vielmehr durch unsere Schwierigkeiten wachsen und uns jenseits der Opferrolle erleben. Wir lernen durch die Schleier der Illusion hindurchzusehen, welche uns von Gott trennen (mein Wort für essentielle Existenz).

Hauptphasen Chirons im Leben weisen auf Auslösungspunkte hin, die den Übergang zu mehr Macht und Bewußtheit ermöglichen. Sehr oft deuten sie auch auf den Wunsch und die Fähigkeit hin, uns selbst zu heilen und die Heilung anderer zu unterstützen, indem wir von trainierten Fähigkeiten und "Techniken" Gebrauch machen.

Chiron in die Astrologie miteinzubeziehen zwingt uns auch dazu, die Rolle der Astrologie neu zu überdenken. Dazu gehören Fragen, welchen Zweck diese Disziplin hat, warum sie funktioniert und welches die effektivsten Möglichkeiten sind, das Handwerk zu praktizieren. Im Grunde genommen bringt die Einbeziehung Chirons uns Astrologen zu der Einsicht, daß die Menschen in erster Linie zu uns kommen, weil sie Heilung suchen. Deshalb ist es auch unsere Aufgabe, Heilungsprozesse zu unterstützen - ob wir dies mögen oder nicht und ob wir uns für diese Aufgabe wirklich geeignet halten oder nicht.

Wer die Macht hat zu heilen, hat auch die Macht zu verwunden

Viele Menschen glauben, daß Astrologen eine besondere kosmische Verbindung haben - und sie kommen gerade deshalb zu uns. Indem wir diese Verbindung akzeptieren, unterscheiden wir uns von der Masse der Magier, Wahrsager und simplen Prognostiker. Dies schanzt uns zugleich aber auch eine sehr viel ernstere Rolle zu. Und: Die Berücksichtigung Chirons verankert uns fester in der Realität; sie macht uns sicherer dafür, daß unser Handwerk legitim und notwendig ist, und nach Zeitaufwand honoriert wird.

Die Astrologie ist Teil eines breiten Spektrums an Heilkünsten; und sie kann in mehrfacher Weise sowohl genutzt, als auch mißbraucht werden. Wer die Macht hat zu heilen, hat auch die Macht zu verwunden. Astrologen, die mit Chiron arbeiten, müssen viel Energie in ihren eigenen Wachstumsprozeß investieren, wodurch sich die Astrologie in eine allumfassende Lebenskunst verwandelt.

Wenn man sich in der Rolle des Helfers befindet, ist das Ringen um Gleichgewicht, Klarheit, Ehrlichkeit und wirkliche, ganzheitliche Gesundheit für den Prozeß wesentlich.

Um Chiron Rechnung zu tragen ist es außerdem wesentlich, den Gebrauch der Astrologie als prognostisches Werkzeug zu überdenken. Durch Chirons astrologische Linse betrachtet, ist die Zukunft lediglich ein Resultat der Gegenwart. Mit anderen Worten: Die Zukunft, die jetzt noch nicht existiert, wird von etwas verursacht, und dieses "etwas" geschieht jetzt.

Vielleicht ist dies, was geschieht, eine Einstellung, ein Glaube, eine Idee, ein Zusammenwirken von Umständen, eine Beziehung oder ein Wunsch. Sehr oft ist die Zukunft durch eine astrologische Interpretation verursacht worden. Die Interpretation ist ein kreativer Vorgang, der von Menschen eingeleitet wird, die sich im Namen der Wahrheit versammelt haben. Und der Prozeß zeigt Resultate. Die Zukunft zu verstehen oder zu entziffern, ist in Wirklichkeit aber kaum möglich.

Die Aufgabe von Astrologen besteht darin, das zu verstehen, was gerade jetzt geschieht. Es geht darum, die Gelegenheiten der Gegenwart zu sehen und zu erkennen, wie sie die Zukunft beeinflußen würden. Das bedeutet, daß die Aufgabe des Astrologen mehr darin liegt, zuzuhören als zu reden, mehr darin, viele Fragen zu stellen als Antworten zu geben.

Zum Beispiel geht die Astrologie Chirons keineswegs von der Annahme aus, daß der Interpret den Klienten schon kennt, wenn er dessen Horoskop vor sich hat. Es liegt am Astrologen, daß er den Klienten durch geschickte, auf dem Horoskop basierende Fragen dazu bringt, selbst sein Horoskop zu erklären. In diesem Prozeß des Zuhörens werden Muster auftauchen, die vielen Ereignissen im Leben des Klienten zugrundeliegen. Dadurch entsteht ein Bild, das die verschiedenen Ursachen für die Gegenwart zeigt.

Das Horoskop dient dabei als Mittel zur Bündelung und Erklärung der auftauchenden Informationen; es gibt dem Astrologen Orientierung in bezug darauf, bei welchen Themen (bzw. zeitlichen Ereignissen) er nachzufragen hat.

Ursache und Wirkung sind nie isoliert. Das hat Konsequenzen. Denn um echte Veränderungen zu bewirken, muß als erstes die Ursache entdeckt und dann geändert werden; das klingt banal, leider handeln viele Astrologen nicht danach.

Wenn aber erst einmal die Ursache eine Situation entdeckt ist, dann ist auch Heilung möglich. Heilung von was? Zum Beispiel von unserer sorgfältig kultivierten Abscheu vor uns Selbst. Davon, daß wir uns mit uns selbst langweilen - und mit unseren Partnern. Heilung von unseren sexuellen Schuld- und Frustrationsgefühlen. Von unserer Isolation von Gott und von der Angst vor dem Tod. Von unserem Gefühl, keine Optionen zu haben. Von unserer Wut und Depression und unserer schwer geschädigten Fähigkeit, Freude und Leidenschaft ausdrücken zu können. Von unserem Glauben, daß unser Leben klein und bedeutungslos ist. Und noch wichtiger: die Freiheit von der Heilung selbst.

Das Leben ist ein kreativer Prozeß und das, was wir Heilung nennen, ist nur der erste Schritt auf dem Weg zu viel mehr.


* Übersetzung mit freundlicher Genehmigung des Autors:
Robert von Heeren, München
- im WWW: http://www.kentauren.de/


Eric Francis Coppolino ist Schriftsteller und Astrologe mit Sitz in Woodstock, New York. Zur Zeit [1998] lebt er in Deutschland. Sein Spezialgebiet ist die Chiron-Astrologie. Seine Nachforschungen in bezug auf Umweltvergehen großer Firmen wurden in US-Zeitungen und -Magazinen wie Sierra, The Village Voice und The New York Times veröffentlicht.

Kontakt: http://www.Star-Navigator.com (Kolumne von Eric);
Email: ethos@Star-Navigator.com

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