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Melanchthon, der Lehrer und Reformator

von Rüdiger Plantiko - plantiko@astrologix.net



Das Jahr 1997 ist das 500. Geburtsjahr des Reformators Philipp Melanchthon, des "Lehrers Deutschlands", der als Philologe und Theologe, aber auch als Astrologe an der Wittenberger Universität wirkte. In einer Sonderausstellung in Wittenberg wird man einiges über den Zirkel hochrangiger Astrologen erfahren, die die Wittenberger "Leucorea" durchlaufen hatten. Dieser Artikel soll etwas Licht auf Leben und Werk Melanchthons werfen.


Das Geburtshoroskop

Philipp Schwarzerdt, der als Wissenschaftler später mit dem Namen Melanchthon zeichnete[1], kam am 16. Februar 1497 im damals kurpfälzischen Städtchen Bretten als ältestes von fünf Kindern des Waffenschmiedes Georg Schwarzerdt und seiner Ehefrau Barbara zur Welt. Sein Horoskop mit einem Aszendenten auf 27°18' Jungfrau, haben wir dem "Tractatus Astrologicus" des italienischen Astrologen Lucas Gauricus entnommen.

Radix Melanchthon Es zeigt eine Vollmondgeburt mit Mond und Aszendent in der Jungfrau. Der Geburtsherrscher Merkur steht im Trigon zum MC. Der erfolgreiche Philologe und "Praeceptor Germaniae"[2], der in seinem Hang zum Pedantischen von Friedrich Engels als "Inbegriff des philiströsen Stubenhockers"[3] beschrieben wurde, spiegelt sich in dieser starken Jungfrau-Merkur-Betonung. Zu den Gaben, die sein Leben und Schaffen kennzeichneten, gehörten ein ausgezeichnetes Gedächtnis, die Fähigkeit zu tiefer Konzentration, sein Formsinn, sein eiserner Fleiß und eine hohe Selbstdisziplin.[4] Was den Reformator Melanchthon antrieb, war die Sehnsucht nach einem abgeschlossenen, rationalen System der Theologie - eine Sehnsucht, die seinem Freund Luther fremd war, der stets die Vergänglichkeit und Unvollkommenheit allen menschlichen Bemühens sah.

Die beweglichen Zeichen sind durch ASC, MC, Sonne, Mond sowie eine gradgenaue Mars- Jupiter-Konjunktion, die mit Sonne und Mond ein T-Quadrat bildet, überrepräsentiert und sprechen für eine vorsichtige, abwägende Grundhaltung, die starre Festlegungen vermeidet und alle Gesichtspunkte berücksichtigen will. Diese vorsichtige Grundhaltung in den religiösen Disputen und in seinen Schriften wurde schon von eifrigen Lutheranern wie auch von Katholiken als Verrat an der Reformation mißverstanden. Zum Temperament Melanchthons gehörte auch eine übergroße Verzagtheit, so daß Luther ihn scherzhaft seinen "Sorgen-Blutegel" nannte.[5]

Durch die Felderstellung wird eine Konjunktion von Venus und Saturn im Widder hervorgehoben, die bei ihm die Liebe zu den Alten, die Hingabe an Humanismus und Renaissance, die Freude an alten Büchern bedeutete - aber auch eine Hemmung der Fähigkeit zum Genießen. Vielleicht ist ihm auch sexuelle Verklemmtheit zu bescheinigen - wobei allerdings fraglich ist, ob sie das damals übliche Maß überschritt.[6] Dagegen steht Mars Konjunktion Jupiter im Schützen für seine begeisterte Hingabe an die religiösen Ideale und für seine mutige Überzeugungskraft. Es bedurfte solcher festentschlossener Gemüter, die vor keiner weltlichen Gewalt zurückschrecken und nur die Stimme des Gewissens, des eigenen Wahrheitsempfindens gelten lassen, um der Reformation zum Durchbruch zu verhelfen. Noch eine andere Bedeutung hatte diese Konjunktion: Nach dem zuverlässigen Zeugnis des Camerarius hatte Melanchthon in seiner Jugend die Neigung zum Jähzorn, die er jedoch im Laufe der Zeit durch Selbstdisziplin besiegte.[7]


Kindheit

Schon früh zeichnete sich die außerordentliche Begabung Philipps ab, und so schickte man ihn in zartester Kindheit in die Schule des Brettener Privatlehrers Johann Unger, der ihm neben dem üblichen Schulstoff die lateinische Grammatik anhand des neulateinischen Dichters Baptista Mantuanus "nahebrachte". Jeden Abend hatte der kleine Philipp etwa 30 Verse dieses Dichters nach grammatischen und stilistischen Figuren abzusuchen. Hatte er am anderen Morgen bei der Examinierung eine Konstruktion vergessen, so setzte es Schläge.[8] Es mutet seltsam an, daß Melanchthon trotz dieser merkwürdigen Erziehungsmethoden sein Leben lang von einer glühenden Liebe zur griechisch-römischen Kultur erfüllt war.

Im Jahre 1508 starb Melanchthons Vater nach vierjährigem Siechtum - ein Ereignis, von dem man den elfjährigen Knaben ferngehalten hatte. Der Direktionshimmel weist darauf hin, daß der Tod des Vaters ihn wohl nicht so sehr beeindruckt haben wird wie die neue Umgebung, in die sein Großonkel Reuchlin, ein weithin bekannter Humanist, ihn vermittelt hatte (Dsz. Konj. Venus direkt): An der höheren Schule in Pforzheim brauchte er wegen seiner Vorbildung nur ein Jahr zu bleiben, dann, am 14.10.1509, wurde Melanchthon in Heidelberg immatrikuliert (MC Trigon Sonne direkt). Zwölfjährige an einer Universität waren damals keine Seltenheit. In der vorgeschriebenen Zeit von zwei Jahren erwarb er den Baccalaureus der freien Künste. Den kurz darauf erfolgten Antrag des 14jährigen auf die Magisterwürde lehnte die Fakultät jedoch mit Hinweis auf sein jugendliches Alter ab - man fürchtete um die Reputation der Universität, wenn Kinder die Dozentenstellen besetzen. Melanchthon verließ Heidelberg, gekränkt durch die Zurückweisung, und ging nach Tübingen (Asc. Opp. Saturn direkt).


Tübingen

An der Tübinger Universität gewann er Freunde, die zeitlebens seinen Weg kreuzen sollten: Johann Husgen (Oekolampad) und Ambrosius Blarer, einen Alpirsbacher Mönch. Mit Eifer stürzte sich Melanchthon in das Studium der Wissenschaften, die in Tübingen reich blühten. Bei Johann Stöffler erhielt Melanchthon seinen Impuls für die Astronomie und Astrologie. Vor allem aber las man Erasmus, das bewunderte Vorbild aller Humanisten. Hier nahm Melanchthon das Ziel der Humanitas, der Menschwerdung durch Bildung, tief in sich auf. Wer wie Erasmus glaubt, daß der Mensch durch Bildung, durch fortgesetztes Veredeln seiner Natur in der Lage sei, sich der Wahrheit anzunähern, mußte an einen guten Kern des Menschen, an seine Gottebenbildlichkeit glauben. Diese Haltung hatte sich auch Melanchthon zueigen gemacht. Neben den humanistischen Studien vertiefte er seine juristischen, theologischen, historischen und medizinischen Kenntnisse. Es dauerte nicht lange, bis ihm Tübingen gewährte, was Heidelberg verweigert hatte: Im Januar 1514 erlangte er die Magisterwürde und hielt von da an selbst Vorlesungen über klassische Schriftsteller: Terenz, Vergil, Cicero und Livius.

Aber trotz seiner unvermindert hohen geistigen Produktivität - er verfaßte eine griechische Grammatik und machte sich an eine Neuausgabe der Werke des Aristoteles - wurde ihm die Situation in Tübingen bald zu eng. Er klagte: "Die Studien, die Verstand und Sitten bilden sollen, sind vernachlässigt, von umfassendem Wissen ist nichts vorhanden, was man Philosophie nennt, ist leerer, unfruchtbarer Trug, der nur Zank gebiert. Die wahre Weisheit, die vom Himmel kam, um der Menschen Sinne zu lenken, ist verbannt."[9] Der konverse Aszendent war ins Quadrat zur Mars-Jupiter-Konjunktion getreten und nahm gerade den in dieser Konstellation liegenden Entfaltungsmöglichkeiten die Luft.

Der einflußreiche Reuchlin bemühte sich von Stuttgart aus um eine neue Wirkensstätte für seinen Großneffen. Seine Wahl fiel auf Wittenberg: Die vor wenigen Jahren gegründete, noch im Aufbau befindliche Universität Leucorea schien für einen jungen Wissenschaftler ideale Entfaltungsmöglichkeiten zu bieten. "Ich weiß unter den Deutschen keinen, der über ihm sei, ausgenommen Herrn Erasmus", pries er Melanchthon dem Wittenberger Kurfürsten Friedrich dem Weisen.[10] So kam es, daß Melanchthon im Jahre 1518 als Dozent des Griechischen an die Universität Wittenberg berufen wurde.


An der Leucorea

Seine Wittenberger Antrittsvorlesung am 29.8.1518 ist noch ganz vom Ideal der Humanitas Christiana geprägt. Einig war er mit dem zuhörenden Luther in der Ablehnung der Scholastik, der er vorwarf, den Quell des Evangeliums zu vernachlässigen und nach Menschenart über Göttliches zu spekulieren. Dem könne nur durch eine vertiefte und verbreitete Bildung entgegengewirkt werden: "Wenn wir den Buchstaben erfassen, werden wir auch den Sinn der Dinge begreifen... Und wenn wir den Geist zu den Quellen lenken, werden wir beginnen, Christus zu verstehen, sein Gebot wird uns aufleuchten, und wir werden von dem seligen Nektar der göttlichen Weisheit durchdrungen werden."[11] Melanchthon koppelt also den Lustreiz ("Nektar göttlicher Weisheit") an das Studium der biblischen Quellen, an die Hinwendung zu den Alten und an die gründliche Erforschung des wörtlichen Textes. So hat er seine Venus-Saturn-Konjunktion interpretiert! Luther, der ebenfalls diese Konstellation hatte, mag dies als Geist von seinem Geiste empfunden haben. Zumal sein Mond, Spannungsherrscher in Luthers Horoskop, in Konjunktion mit Melanchthons Venus-Saturn- Verbindung steht. Er war zutiefst beeindruckt von Melanchthons Rede und wird die wissenschaftliche Kompetenz des Bretteners als wichtigen Schlüssel zur Ausarbeitung und Vertiefung seiner religiösen Vorstellungen verstanden haben (sein Mond steht bei Spitze neun). "Er hat disputiert, daß er uns allen als das erschien, was er ist: ein Wunder", kommentierte Luther Melanchthons Antrittsvorlesung.[12]

Melanchthon lernte in Wittenberg die Theologie Luthers kennen, der er fortan sein ganzes Leben verschrieb. Der direkte Aszendent war bei seinem Zuzug nach Wittenberg über die Sextilstelle der Mars-Jupiter-Konjunktion getreten. Das neue Bekenntnis trat an ihn heran, und mit Feuereifer nahm er es in seine Seele auf. Schon 1521 erschien sein erstes evangelisches Lehrwerk, die Loci communes, eine Art erläuterndes Glossar zum Römerbrief, der ja bekanntlich die Hauptstütze des Protestantismus bildet.


Die protestantische Gnadenlehre

"So halten wir es nun, daß der Mensch gerecht werde ohne des Gestzes Werke, allein durch den Glauben." (Röm 3,28) Diese Bibelstelle war der Grund und Angelpunkt der Reformation. Luther hielt den Satz nicht bloß für eine Warnung vor pharisäischer Werkfrömmigkeit, sondern nahm ihn viel fundamentaler. In seiner Theologie ist der Mensch aus sich heraus nichts, kann er aus sich heraus nicht zu Gott kommen, sondern nur wenn die Gnade Gottes ihn erfaßt. Schon den Entschluß zu Gott hat der Mensch nicht sich selbst, sondern Gott zu verdanken. "Mögen die Werke der Menschen noch so schön und gut erscheinen, sie sind doch Todsünden.- Todsünden nämlich, weil sie ohne Furcht vor Gott, in einer ungebrochenen, bösen Sicherheit getan werden.- Die Freiheit des Willens, die wir nach dem Sündenfall behalten haben, ist ein leerer Begriff."[13] Die Welt, die von Grund aus schlecht ist, unter dem Regiment des Teufels steht, bietet aus sich heraus keine Mittel zur Rettung des Menschen. Nur wer sich in all seiner Nichtigkeit und Blöße erkennt und sich ganz Gott überantwortet, hat überhaupt den Schimmer einer Hoffnung, den verdorbenen Gesetzen dieser Welt zu entkommen.[14]

Die Lehre Luthers ist eine zutiefst antihumanistische Theologie, denn sie lebt davon, den Menschen an seinen Idealen, an seinem Selbstbewußtsein als Mensch, an dem Vertrauen auf seine Kräfte irre werden zu lassen. Sie kann dort besonders gut ansetzen, wo Menschen in ihrem Leben in Krisensituationen geraten sind. Sie zerschmettert den "natürlichen, irdischen Menschen", dessen unbefangenes Selbstvertrauen sie als luziferischen Stolz diffamiert, setzt aber nichts Neues an dessen Stelle. Der bekehrte Mensch lebt weiter wie zuvor, nur ist er seiner Freude am Leben und an der Welt, der natürlichen Sicherheit in seinem Tun beraubt - allen frommen Formeln über die "Wiedergeburt in Christo" zum Trotz.

Wenn wir aber bei Jak 2,24 das genaue Gegenteil der Aussage im Römerbrief lesen: "So sehet ihr nun, daß der Mensch durch die Werke gerecht wird, nicht durch den Glauben allein" - so lernen wir daraus zweierlei: Erstens daß Gott in dieses Buch offenbar unvereinbare Widersprüche hineindiktiert hat, und zweitens - das soll uns hier mehr interessieren - daß die Entscheidung für Röm 3,28 statt für Jak 2,24 eine rein subjektive, im Charakter des Reformators begründete und damit auch in seinem Horoskop abzulesende Entscheidung ist.


Luthers Konstellationen

Nun hat die Frage nach dem richtigen Lutherhoroskop ihre eigene Geschichte: Von Luthers Lebzeiten bis heute stritt man sich um Geburtsstunde und -jahr des Reformators. Das offizielle Datum, der 10.11.1483 um 23 Uhr, scheint jedenfalls durch eine Angabe der Mutter gut verbürgt zu sein. Die auf diesen Zeitpunkt für Eisleben errichtete Figur ist schon gestaltastrologisch interessant: Alle Planeten außer dem Mond stehen zusammengeballt in den Herbstzeichen um die Himmelstiefe - nur Mond als "Spannungsherrscher" gebietet ihnen hoch oben von der Spitze des neunten Hauses. Schon dieses schematische Bild ist sprechend: Das in gläubiger Zuversicht starke Gemüt (Mond in neun in Widder), das seine Kraft aus dem Höchsten holt - andererseits die Herabsetzung aller anderen Funktionen des Kreatürlichen, all dessen, was der Mensch aus seiner Kraft "ernten" kann, symbolisiert durch das Stellium um die Himmelstiefe. Der Mond wirft eine Opposition auf Pluto bei der Spitze des dritten Feldes, was das unerbittliche "Alles oder Nichts", die existentielle Tiefe von Luthers Religiosität andeutet. Das rein menschliche Denken (drei) ist ihm nichts, die Vernunft nur eine "Hure" (indem sie sich an die Bedürfnisse und Triebe verkauft, diese rationalisiert), erst die religiöse Hingabe an Gott führt zur Wahrheit (neun).

Bemerkenswert an diesem Horoskop sind auch die Konjunktionen von Venus mit Saturn sowie die von Mars mit Jupiter. Er hat diese Konjunktionen mit seinem Freund und Weggefährten Melanchthon gemein, allerdings vor einem anderen Sternenhintergrund. Wenn Luther durch die römischen Prachtstraßen der Renaissance geht, die Entfaltung der Kunst mit keinem Gedanken würdigt, stattdessen in ihm nur die eine entsetzte Frage aufsteigt: "Was hat diese Verschwendung den deutschen Ablaßzahler gekostet?" - dann ist das nicht bloß typisch deutsch, sondern auch eine Entsprechung seiner Venus-Saturn-Konjunktion, die ihm die Freude am reinen Kunstempfinden verdüstert. Anders als bei den Altsprachlern Camerarius (Venus Konjunktion Saturn im Stier) und Melanchthon (Venus Konjunktion Saturn im Widder), denen die Konjunktion den ästhetischen Genuß aus der Hinwendung zur Antike vermittelte, konnte Luther das wahrhaft Schöne erst nach dem Durchleben eines schmerzhaften "Stirb und Werde" (Skorpion) erhoffen. Ihm versagten die Stiche des eigenen Gewissens (Saturn) den ehrlichen Genuß, das Feine, Veredelnde der Venusnatur. Seine Alten waren nicht Aristoteles und Cicero, sondern Augustinus und Hieronymus, die Kirchenväter, die ihn in seiner Theologie der Selbstzerknirschung bestätigten.


Melanchthon und Luther

Was Melanchthon an der Lutherschen Theologie faszinierte, war der tiefe Bekenntnisernst - vielleicht auch weil ihm selbst die Plutonischen Tiefen, die Luther durchmessen hatte, fremd waren und blieben. Er blieb jedenfalls der treue Freund Luthers, der mit seiner vornehmen Intellektualität eine willkommene Ergänzung der Wesenszüge Luthers bildete. Andererseits hat er sich dem humanistischen Impuls aus seiner Tübinger Zeit nie ganz entfremdet. Er sah die Gefahr eines Umschlagens der lutherischen Gnadenlehre in Kultur- und Bildungsverachtung. Dagegen betonte er immer wieder die Wichtigkeit der Wissenschaft und Bildung. "Dadurch, daß man die Barbarei zuließ, ist einst die Religion ins Wanken geraten, und ich fürchte sehr, daß die Dinge den gleichen Lauf nehmen werden, wenn wir nicht die herrliche Gottesgabe, die Wissenschaft, mit Händen und Füßen verteidigen", schrieb er schon 1524. Daher war ihm auch das Schulwesen ein wichtiges Anliegen. Er war bei der Begründung zahlreicher Lateinschulen beteiligt, und wegen der 1526 mit seinem Freund Camerarius in Nürnberg gegründeten "oberen Schule" muß man ihn als Begründer der Idee des humanistischen Gymnasiums betrachten (Merkur in fünf: Bildung von Kindern!).

Dem Stand der Ehe, den ihm Luther schmackhaft zu machen suchte, stand der junge Melanchthon zunächst skeptisch gegenüber: Er fürchtete, für seine Studien nicht mehr genug Zeit zu haben. Dennoch ging er auf die Kuppelei seines Freundes, der ihn an Wittenberg binden wollte, ein und heiratete im Jahre 1520 Katharina Krapp, die Tochter des Wittenberger Bürgermeisters. Es wurde eine glückliche, harmonische Ehe, aus der vier Kinder hervorgingen. Melanchthon pries seine Frau als "ein Mädchen von solchen Eigenschaften und solcher Gemütslage", wie er sich's "vom Himmel nur wünschen konnte." Am Direktionshimmel war im Oktober 1519 die Direktion MC Sextil Venus convers fällig geworden.


Prophetie und Protestantismus

Zu den großen Schwächen des Protestantismus gehört die Leugnung der Möglichkeit einer Offenbarung durch den Geist. "Gott läßt es bei seinem Wort (i.e. der Bibel, R.P.) bleiben und will außerdem nicht mit uns handeln", war die Meinung Luthers zur Frage des Spiritualismus, der Geistoffenbarungen nach Christus.[15] Schon Thomas Münzer, der visionäre Aufrührer, der übrigens auch die Wittenberger Leucorea durchlaufen hatte, warf Luther vor, daß er einen "stummen Gott" anbete. Von den Zeiten des kalabresischen Abtes Joachim von Fiore an waren immer wieder einzelne aufgetreten, die sich vom Heiligen Geist inspiriert fühlten und mit neuen Lehren vors Volk traten. Die Unmittelbarkeit solcher Inspirationen erschien den Reformatoren bedenklich, da sie die Auflösung der kirchlichen Ordnung in Privatoffenbarungen befürchten mußten. Und wie sollte man wissen, daß man nicht einem "falschen Propheten" erliegt? Auf diese Frage gab Thomas Münzer die überschwengliche Antwort: "Es muß die ganze Welt prophetisch sein, soll sie anders urteilen über die falschen Propheten."[16] Aber um eine solche Einstellung zu haben, muß man an den Menschen glauben. Münzer glaubte, "daß wir fleischlichen irdischen Menschen sollen Götter werden durch die Menschwerdung Jesu Christi, und also mit ihm Gottes Schüler sind, von ihm selber gelehrt werden und vergottet sind, jawohl viel mehr, in ihm ganz und gar verwandelt, auf daß sich das irdische Leben schwinge in den Himmel."[17] Eine Auffassung vom Christentum, die, wie wir sahen, dem Protestantismus ganz fern lag, da sie dem Menschen zuviel zutraut.

Thomas Münzer hatte an Melanchthon geschrieben: "Oh, Liebster, arbeite eifrig daran, zu prophezeien, sonst ist eure Theologie auch nichts wert. Betrachtet euren Gott nahe und nicht aus der Ferne. Glaubt lieber an die Möglichkeit, mit Gott zu sprechen als an eure Bereitschaft, ihn wahrzunehmen."[18] Gegenüber solchen Appellen blieb Melanchthon stets eigenartig hilflos - die Fischesonne und das Trigon des Mondes zum Neptun in vier machten ihn empfänglicher für das Visionäre, als er sich als Lutheraner zugestehen durfte. Als im Dezember 1521 die "Zwickauer Propheten" Nikolaus Storch und Markus Thomae in Wittenberg auftraten, die sich als durch den Heiligen Geist inspirierte Lehrer der Menschen verstanden, wußte Melanchthon ihnen nichts zu entgegnen und schrieb an Luther, der sich damals noch auf der Wartburg versteckt hielt. Dieser kam bald persönlich nach Wittenberg und löste das Problem auf die ihm eigene rabiate Weise: Nach einem heftigen Wortwechsel polterte Luther: "Eurem Geist haue ich auf die Schnauzen!"[19] und setzte die Propheten vor die Tür. Die beiden Zwickauer verließen Wittenberg, und ihre weiteren Spuren verloren sich im Dunkel der Geschichte.

Die Reformatoren versteiften sich auf die Bibel, die doch, gerade nach den Übersetzungen, in all ihrer Zeitgebundenheit, ihrer Grausamkeit und Widersprüchlichkeit für jeden offen zutage lag. Dieses Sich-Verschließen gegenüber der Möglichkeit spiritueller Offenbarungen ist der tiefere Grund dafür, daß die neue Kirche binnen kurzem der alten aufs Haar glich. So arrangierte man sich mit der weltlichen Macht, hielt die Bauern an, sich fromm in ihre Knechtschaft zu begeben, hetzte gegen die Juden und installierte in der neuen Kirche die alten hierarchischen Strukturen. Auch begann man noch zu Lebzeiten Melanchthons bei den Protestanten, den katholischen Brauch der Ketzerverbrennungen zu übernehmen. Calvin machte den Anfang mit der Verbrennung des spanischen Theologen Miguel Served, der es gewagt hatte, die Trinitätslehre abzulehnen. Melanchthon übersandte dem Schweizer zu dieser Tat seine herzlichen Glückwünsche: "Eine beispielhafte Tat, die in der Nachwelt Schule machen sollte."[20]


Astrologen in Wittenberg

Aber nicht nur die prophetische, auch die astrologische Zukunftsschau blühte in all ihren Formen. So wurde das ganze Abendland durch eine regelrechte Weltuntergangs-Hysterie erschüttert, als man errechnet hatte, daß am 19. Februar 1524 alle Planeten außer dem Mond im Zeichen Fische zusammentreffen würden. Dieses Stellium veranlaßte Melanchthons Tübinger Lehrer Johann Stöffler zu einer Randbemerkung in den von ihm errechneten Ephemeriden: "Laßt uns, christlichste Männer, das Haupt zu den Sternen erheben!"[21] Astrologen wie Johannes Carion und Johann Virdung von Haßfurt spannen daraus ihre Sintflutprognosen.

Melanchthon war zeitlebens von der tiefen Bedeutung der Astrologie überzeugt. Zu seinen Werken auf diesem Feld gehören eine vielbeachtete Rede "Über die Würde der Astrologie", eine Übersetzung der Tetrabiblos, das Buch "Initia doctrinae physicae" und das Vorwort zur Sphaera des Sacrobosco. Er hielt die Astrologie für eine Naturwissenschaft wie die Physik: "Die Astrologie ist ein Teil der Physik, welcher lehrt, welche Wirkungen das Licht der Gestirne auf einfache und zusammengesetzte Körper ausübt, welche Mischungen, Veränderungen und Neigungen es hervorbringt."[22] Luthers Meinung über die Astrologen war eine andere: "Es ist ein Dreck um ihre Kunst, ihre Kinder haben alle lunam combustam."[23] Diese Ansicht vertrat er umso nachdrücklicher, nachdem einige nicht sehr vorteilhafte Deutungen seines eigenen Horoskops in Umlauf geraten waren.

Melanchthon stand in Korrespondenz mit den astrologischen Kapazitäten seiner Zeit, mit Lucas Gauricus, Hieronymus Cardanus und Garcaeus. Letzterer, der in seinem umfassenden Werk "Astrologiae Methodus" über 400 zeitgenössische Horoskope diskutierte, hatte übrigens wie Camerarius seine astrologische Ausbildung an der Leucorea durchlaufen. Dort wurde das astrologische Wissen durch die Mathematikdozenten Erasmus Reinhold und Rheticus vermittelt. Diese beiden Astrologen leisteten Pionierarbeit bei der Verbreitung des neuen, von Nicolaus Copernicus entwickelten Weltbildes. Auch Jakob Milich, der dänische Graf Heinrich von Rantzau, Johannes Schöner und Melanchthons Schwiegersohn Caspar Peuker gehörten zum Kreis der Wittenberger Astrologen. Durch ihren Beitrag wurde das 16. Jahrhundert zur großen Blütezeit astrologischer Forschung.

Jürgen G. Hoppmann hat die Lebenswege dieser Sternkundigen in seinem demnächst erscheinenden Buch "Melanchthons Sternenkreis" erforscht, das ich allen näher Interessierten sehr empfehlen möchte. Er ist auch Organisator der Sonderausstellung "Melanchthons Astrologie", die im Herbst 1997 im Wittenberger Melanchthonhaus zu sehen sein wird - für die astrologische Gemeinde eine gute Gelegenheit, Inhalte der seriösen Astrologie einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen.[24]


Die Glaubenskämpfe

Die zweite Lebenshälfte Melanchthons ist zunehmend der Verbreitung des neuen Bekenntnisses gewidmet - ein andauernder, kräftezehrender Einsatz für die Reformation, wobei letztlich das Ziel einer Kirchenreform verfehlt wurde. Stattdessen kam es, wie hinlänglich bekannt, zur Kirchenspaltung und zu jahrhundertelangem Blutvergiessen. Luther selbst hatte noch das Glück, vor dem Ausbruch des Schmalkaldischen Krieges zu sterben - Melanchthon dagegen mußte die ersten Religionskriege miterleben, die ihn zutiefst bedrückten.

Kaiser Karl V., der ursprünglich erwogen hatte, die lutherische Ketzerei mit militärischen Mitteln zu zerschlagen, wurde durch den Vorstoß der Türken nach Wien zunächst an diesem Vorhaben gehindert. So wurde er zu einer Verhandlungslösung gezwungen. Der Augsburger Reichstag sollte diesem Zwecke dienen. Melanchthon beschrieb zu diesem Anlaß in der "Confessio Augustana", die am 25.6.1530 auf dem Reichstag feierlich verlesen wurde, das neuen Bekenntnis. Natürlich war der Kaiser den Argumenten nicht wirklich zugänglich - eine Illusion, der Melanchthon noch lange nachhing. Karl ließ eine Gegenschrift in Auftrag geben und versuchte in den folgenden Jahren, durch lange Verhandlungen Zeit zu gewinnen, in der er in Wahrheit zum militärischen Schlag gegen die Protestanten rüstete.

Melanchthon fühlte sich verpflichtet, am politischen Streit um den Protestantismus teilzunehmen, obwohl er an seinen Kräften zehrte. Lieber hätte er sich mit "liberis et libris" (Büchern und Kindern)[25] umgeben, wie wir astrologisch seinem Merkur in fünf entnehmen können. Aber "wenn die Kirche unseren Dienst verlangt, dürfen wir uns nicht in die Akademien zurückziehen."[26] Melanchthon war mit seiner dialektischen Schulung und seiner hohen Bildung eigentlich gut geeignet für diese Aufgaben. Nachteilig waren nur sein zögerndes Temperament, seine manchmal vorschnelle Kompromißbereitschaft - in der "Confessio Augustana" etwa steht der durchaus anzuzweifelnde Satz "Der ganze Meinungsunterschied dreht sich um einige wenige Mißbräuche."[27] Mit der Unterschrift unter das sogenannte "Leipziger Interim" (1549) glaubten die Katholiken sogar, Melanchthon endgültig über den Tisch gezogen und zur Aufgabe der protestantischen Lehrsätze gebracht zu haben.


Erschöpfung

Als man Melanchthon 1557 bei den Religionsgesprächen in Worms die Unglücksnachricht vom Tode seiner Frau brachte, rief er erschüttert aus: "Lebe wohl, ich werde dir bald folgen."[28] (Aszendent Quadrat Mondknoten direkt). Ein Brief gibt Zeugnis von der Todessehnsucht des durch die zahlreichen theologischen Streitereien Zermürbten: "Wie ein Wanderer der Nacht sich nach der Morgenröte sehnt, so erwarte ich begierig das Licht der himmlischen Akademie." Er starb am 19.4.1560 nach kurzer Krankheit. Auf seinem Schreibpult fand man einen Zettel, auf dem Melanchton schulmeisterlich das "Frei wovon" und "Frei wozu" des Todes notiert hatte. Auf der linken Seite stand: "Du wirst erlöst werden von der Sünde und befreit von den Sorgen und der Wut der Theologen." Auf der rechten: "Du wirst ins Licht kommen, Gott schauen und den Sohn sehen. Du wirst die wunderbaren Geheimnisse erkennen, die du im Leben nicht begreifen konntest: warum wir so geschaffen sind und worin die Vereinigung der beiden Naturen in Christus besteht."[29]




Fussnoten

[ 1] Der Name Melanchthon ist übrigens eine falsche Etymologie: Das 'erdt' in Schwarzerdt hat ebensowenig etwas mit Erde (chthon) zu tun wie bei Kunert oder Grauert.
[ 2] Lehrer Deutschlands.
[ 3] zitiert aus: J.G.H. Hoppmann, Melanchthons Sternenkreis (in Vorb.), S. 51
[ 4] Werner Hehl: Philipp Melanchthon, Stuttgart 1982, S.45.
[ 5] Hehl, S.26.
[ 6] eine Anekdote zu diesem Thema berichtet Hoppmann, a.a.O., S. 98.
[ 7] Robert Stupperich, Melanchthon, Berlin 1960, S. 16.
[ 8] Stupperich, S. 17.
[ 9] Stupperich, S.21f.
[10] Stupperich, S.22.
[11] Bornkamm, S.57.
[12] Bornkamm, S.72.
[13] Bornkamm, S.38.
[14] "Alles Gute kommt von oben", verkürzte es der Volksmund in leiser Ironie...
[15] Walter Nigg: Prophetische Denker, Zürich 1957, S.87.
[16] Nigg, S.90.
[17] Nigg, ebenda.
[18] Nigg, S.90.
[19] Nigg, S.89.
[20] Hoppmann, S.99.
[21] Hoppmann, S.26.
[22] Wilhelm Knappich, Geschichte der Astrologie, Frankfurt 1967, S. 193.
[23] Knappich, S. 202.
[24] Genauere Informationen über dieses Projekt erteilt Jürgen GH Hoppmann, Fredericiastraße 7, D-14050 Berlin. [Siehe auch: Info zur Ausstellung - bei astrologix]
[25] Hehl, S.28.
[26] ebd.
[27] Hehl, S.26.
[28] Hehl, S.42.
[29] Stupperich, S.126.



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© Copyright 1997 Rüdiger Plantiko / astrologix - by TJK [22/Apr/97]