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Main focus is the restoration of the astrology of the Hellenistic period (300 B.C.E. to about 600 C.E.). This is the astrology that developed in Egypt and the surrounding Mediterranean area after the Alexandrian conquest and through the Roman period. It is the primary source for all later Western astrology. We believe that we are the first to have restored this ancient discipline to its original form.
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Autor: Robert Hand
Deutsche Übersetzung: Franz Isfort

Die Geschichte der Astrologie -
Eine andere Sichtweise

Teil 2 von 3 [Teil 1,Teil 3]

Mesopotamische Astrologie - Erste Schritte

Am Anfang war die mesopotamische Astrologie vergleichbar mit der anderer Kulturen, ein simples Absuchen des Himmels nach Omina, die das Königreich betreffen könnten. Diese Beobachtungen von Omina umfaßten echte astronomische Phänomene ebenso wie Wetterphänomene. Die Mesopotamier unterschied von anderen, daß sie schon zu einer frühen Zeit systematische Beobachtungen anstellten mit der Absicht, wiederkehrende Muster am Himmel zu finden, die mit Mustern in menschlichen Ereignissen korrelierten.

Nach Van der Waerden (Science Awakening, Bd. II, Oxford Univ. Press) stammen die ersten astronomischen Schriften in Mesopotamien aus altbabylonischer Zeit, ungefähr der Zeit von Hammurabi. Man weiß nicht, ob auch die Sumerer astronomische Studien betrieben, doch das erscheint plausibel. Es existieren auch einige Schriften, die sich auf die akkadische Zeit beziehen und ungefähr auf 2300 v. Chr. zu datieren sind. Hier ein Beispiel aus einer dieser frühen Schriften:

Wenn Venus im Osten im Monat Airu erscheint und die Großen und die Kleinen Zwillinge sie umgeben, alle viere, und sie ist dunkel, dann wird das Königreich von Elam krank werden und nicht am Leben bleiben.

Die umfangreichste Überlieferung von Omina war in einer Sammlung namens Enuma Anu Enlil enthalten. Diese wurde irgendwann im 2. Jahrtausend v. Chr. zusammengestellt. Auch eine weitere Sammlung von Omina ist ein bedeutendes Werk, auch wenn die Datierung sehr umstritten ist, die Venustafeln von Ammizaduga. Diese bestehen aus systematischen Beobachtungen der Venusphasen in Kombination mit ihrer Bedeutung als Omina. Man glaubt gemeinhin, daß diese Tafeln aus der Zeit der Herrschaft des Ammizaduga etwa 146 Jahre nach Hammurabi stammen. Auf astronomischer Grundlage bestimmt Van der Waerden die folgenden Jahre als mögliche Beobachtungsdaten: 1702, 1646, 1638 und 1582 v. Chr. Einer der Gründe, warum diese Daten in gewissen Kreisen zu Kontroversen führten, liegt darin, daß für den Fall, daß diese Daten korrekt wären, Velikowsky ernsthaft irrte. Diese Kontroverse liegt außerhalb des Themas dieser Einführung, und wir gehen von der Annahme aus, daß die orthodoxen Gelehrten weitgehend richtig liegen. Dennoch rate ich dem Leser dringend, diese Angaben mit extremer Vorsicht zu genießen. Die Babylonier schrieben sich und ihren Beobachtungen, ähnlich wie die heutigen Hindus, ein so hohes Alter zu, daß es nach westlichen Standards phantastisch anmutet, hunderttausende, ja Millionen von Jahren. Ein solches Alter ist zwar mit den Erkenntnissen der Gelehrten nicht vereinbar, doch sollten wir auch hier eine offene Einstellung beibehalten. Gelehrte sind durch ihre Spezialisierung oft beschränkt und sehen nicht, daß eine Disziplin, wie z.B. die moderne Astronomie, wichtige Konsequenzen für eine andere wie die Archäologie haben kann. Ich denke da an das Werk von Gerald Hawkins über Stonehenge. Aber erst einmal muß jemand die beiden Disziplinen zusammenbringen. Dies könnte auch noch bei Forschungen zu Mesopotamien geschehen, so daß sich unser historisches Verständnis radikal verändern könnte.

Van der Waerden kommt zu dem Schluß, daß das Motiv für die Zusammenstellung und Überlieferung der Venustafeln in der Astralreligion lag, d.h. die Mesopotamier glaubten, daß die Sterne und Planeten mit den Göttern zusammenhingen oder selbst Götter waren. Ishtar-Venus war eine der wichtigeren Gottheiten der mesopotamischen Völker. Viele andere antike Völker hatten ähnliche Vorstellungen. Die Ägypter identifizierten die Konstellation des Orion mit Osiris. Osiris war ein toter Gott, der die Unterwelt regierte. Seine Versetzung an den Himmel war anderen Übertragungen aus der klassischen Mythologie vergleichbar. Ungewöhnlich groß war die Bedeutung, die die Mesopotamier den Sternen und Planeten als Indikatoren des göttlichen Willens im Hier und Jetzt zumaßen. Dies ist wahrscheinlich das Hauptmotiv für die Untersuchungen, die zur Astrologie führten.

In den nächsten Jahrhunderten beobachteten die Mesopotamier, insbesondere die Babylonier, kontinuierlich weiter und stellten Listen von Phänomenen zusammen. Schließlich gelangten sie soweit, daß auf der Grundlage der beobachteten Wiederkehr von Planetenzyklen recht akkurate Schätzungen von Planetenpositionen für jeden Zeitpunkt in der Zukunft möglich waren. Ptolemäus berichtet, und auch moderne Gelehrte bestreiten dies nicht, daß akkurate und systematische Finsternisaufzeichnungen von 747 v. Chr. bis in die hellenistische Zeit nach den Zügen Alexander des Großen reichen.

Eine interessante Frage, die sehr kontrovers diskutiert wird, ist: welchen Zodiak benutzten die Babylonier? In dem frühen Material zeichneten sie nur auf, daß Planeten soundsoviel Grad von einem Stern entfernt seien.

19 vom Mond zu den Plejaden; 17 von den Plejaden zum Orion; 14 vom Orion zu Sirius...

Dies ist de facto eine siderische Beobachtung, aber noch kein Zodiak! Ein Zodiak braucht einen Ausgangspunkt, einen Punkt auf dem Kreis, von dem aus Messungen vorgenommen werden. Außerdem hat ein Zodiak normalerweise eine feste Zahl von Unterteilungen wie die zwölf Zeichen des modernen Zodiaks, die siebenundzwanzig Mondstationen des Hindu-Mondkalenders und so weiter. Aber all diese frühen Beobachtungen sind dieser einen vergleichbar, sie liefern Einzelsterne als Positionsmarken.

Van der Waerden vertritt die Ansicht, daß sich die Evolution der Astrologie in drei Phasen vollzog. Die erste Phase besteht aus der Überlieferung von Omina, wie wir sie schon beschrieben haben. Die zweite Phase hängt eng damit zusammen, kennt aber bereits einen Zodiak im modernen Sinne, zwölf Zeichen zu dreißig Grad. Es gibt noch keine persönliche Horoskopie auf dieser mittleren Ebene, jedoch wird den Transiten des Jupiter durch die Zeichen mit einer Geschwindigkeit von einem Zeichen pro Jahr große Bedeutung zugemessen. Von daher stammt ganz klar die chinesische Praxis, jedem Jahr ein Tierkreiszeichen zuzuschreiben, und vielleicht auch das System jährlicher Profektionen in der späteren Horoskop-Astrologie. Es gab natürlich auch noch keinerlei Häuser. Van der Waerden datiert diese mittlere Phase auf ca. 640-450 v. Chr. Der Tierkreis ist an diesem Punkt ganz klar ein siderischer, und sein Ayanamsha liegt ziemlich nahe bei dem Wert von Fagan-Allen.

Die dritte Phase ist die horoskopische Astrologie. Unterschiedliche antike Quellen erwähnen "Chaldäer", die Geburtshoroskope für verschiedene Personen erstellen. Auch Diogenes Laertius berichtet, daß laut Aristoteles ein Chaldäer mittels Horoskop den Tod des Sokrates vorhergesagt haben soll, und der Vater des Euripides erhielt aus dem Horoskop seines Sohnes eine Vorhersage über dessen brillante Karriere. Die Bezeichnung "Chaldäer" bezieht sich natürlich auf die Astrologen und verdeutlicht, daß diese Kunst den Spätbabyloniern, den Chaldäern, zugeschrieben wurde.

Verschiedene in Keilschrift verfaßte Horoskope sind aufgefunden worden. Die meisten stammen aus hellenistischer Zeit, doch das älteste ist laut A. Sachs auf den 29. April 410 v. Chr. zu datieren. Hier die Übersetzung nach Fagan:

  1. Monat [?] Nisan [?] Nacht [?] des [?] Vierzehnten [?] ...
  2. Geboren wurde der Sohn von Shuma-usur, Sohn des Shumaiddina, Nachkomme des Deke.
  3. Zu dieser Zeit war der Mond unterhalb des "Horns" des Skorpions
  4. Jupiter in den Fischen, Venus
  5. im Stier, Saturn im Krebs.
  6. Mars im Zwilling, Merkur, der unterging, war [letztmals noch sichtbar].
  7. ...etc., etc.

Der Leser bemerkt, daß es sich nur um ein ungefähres Horoskop mit den Zeichenpositionen und ohne irgendeine Deutung handelt. Auch die anderen Keilschrift-Horoskope aus späterer Zeit sind ebenso knapp gehalten, auch wenn die Positionen mit größerer Genauigkeit gegeben sind. Wie Cyril Fagan richtig ausführt, entsprechen die Horokop-Positionen viel eher denen des siderischen Zodiak mit dem Fagan-Allan-Ayanamsha als den tropischen Positionen. Doch gibt es an diesem Punkt irgend etwas, was der ausgeklügelten Horoskop-Astrologie der späthellenistischen Zeit entspricht? Nein! Auch wenn die akademischen Historiker noch keine konkreten Informationen über die Evolution der Astrologie nach den frühen babylonischen Horoskopen entdeckt haben, so gibt es doch beachtliche Hinweise auf den Ursprungsort der frühesten Texte. Viele dieser alten Texte sind in dem vorliegenden Band enthalten [das bezieht sich auf die Veröffentlichung des Projekt Hindsight]. Nach diesen Texten wäre der Geburtsort der Astrologie, wie wir sie kennen, Ägypten.

Für Cyril Fagan wäre dies keine Überraschung. Er steht mit seiner Behauptung, Ägypten sei der Geburtsort der Horoskop-Astrologie, ziemlich allein. Die Schwierigkeiten seiner Theorie liegen insbesondere darin, daß er glaubte, die horoskopische Astrologie sei im Ägypten der Pharaonen entstanden. Doch dafür gibt es außer Fagans eigenen recht fragwürdigen Interpretationen der Quellen sehr wenig Anzeichen. Es war ein späteres Ägypten, in dem die Horoskop-Astrologie geboren wurde, ein Ägypten, das in engem Kontakt mit den Ideen der Babylonier war. Im Ägypten der Pharaonen interessierte man sich sehr für Astronomie. Dies ist in vielerlei Hinsicht so offensichtlich, daß man es im Einzelnen gar nicht anführen muß. Doch es handelte sich um eine Astronomie, die mehr mit den Sternen als mit den Planeten zu tun hatte. Die Ägypter waren Meister darin, Gebäude, Tempel und insbesondere die Pyramiden auf die Fixsterne auszurichten, offenbar in dem Bemühen, eine Sympathie zwischen den irdischen Strukturen und den Sternen, mit denen sie assoziiert wurden, herbeizuführen. Ihre Fähigkeit, Gebäude zu vermessen und nach den Sternen auszurichten, war von unglaublicher Genauigkeit, die Abweichung lag oftmals innerhalb von Bogenminuten zur exakten Ausrichtung. Doch sie besaßen offenbar keine Planetentheorie noch verfügten sie über die entsprechenden mathematischen Methoden.

Die Mesopotamier erbten das sexagesimale Zahlensystem der Sumerer, ein System, das ähnlich wie unser modernes Dezimalsystem Platzhalter für Zahlen benutzte und sexagesimale Brüche ähnlich unseren Dezimalbrüchen. Das ermöglichte den Mesopotamiern komplexe Berechnungen, die in jedem anderen antiken System numerischer Notation äußerst schwierig gewesen wären. Die anderen Völker der Antike zollten den Mesopotamiern höchste Anerkennung für ihre mathematische Notation. Sie benutzten sie, wann immer sie selbst ähnliche Berechnungen vorzunehmen hatten. Die Ägypter besaßen nichts vergleichbares. Doch sie hatten ein starkes Bedürfnis, die irdischen Angelegenheiten in Einklang mit dem Himmel zu bringen. Die kritischen Zeitpunkte der Verschmelzung ägyptischer Vorstellungen mit der babylonischen Astronomie waren ein beziehungsweise zwei historische Ereignisse, die Eroberung Ägyptens durch die Perser, und die Eroberung von Persien und Ägypten durch Alexander den Großen. Beidemal stand Ägypten unter derselben Herrschaft wie Babylon. Im Fall des persischen Reichs wurden die Perser begeisterte Anhänger der Astrologie, was zweifellos das Vordringen astrologischer Vorstellungen nach Ägypten beförderte.

Wenn man die Texte dieses Buchs ("Early Sages") untersucht, entdeckt man etwas, was nicht in allen historischen Texten, die von Astrologie handeln, offensichtlich ist. Die Menschen der Antike wußten, daß Astrologie irgend etwas mit Babylon zu tun hatte (schließlich nannten sie die Astrologen Chaldäer), aber den grundsätzlichen Verdienst schrieben sie den Ägyptern zu. Bei den Akademikern wird dies gewöhnlich übergangen als etwas, das eine Modeerscheinung bei den antiken Autoren sei, aber keinerlei historische Fundierung habe. Und tatsächlich schrieben antike Autoren die Astrologie Personen zu, die wie Nechepso und Petosiris in die Zeit der Pharaonen reichten. Dennoch gibt es keinen Grund anzunehmen, daß sie nicht richtig lagen, als sie Ägypten als die primäre Quelle der Horoskop-Astrologie nannten; es war nur ein bißchen später, als sie vermuteten.


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