Die Geschichte der Astrologie -
Eine andere Sichtweise
Teil 1 von 3 [Teil 2, Teil 3]
Vorwort
Das hier vorgelegte Material war ursprünglich die Einleitung eines Buchs der Übersetzungen
des Project Hindsight, "The Record of the Early Sages in Ancient Greek". Er bestand aus
Fragmenten und Zitaten, die entweder direkt oder indirekt aus den ältesten Quellen der
Astrologie des mittleren Ostens oder des Westens stammten oder Paraphrasen von Material aus
diesen Quellen waren.
Vor kurzem [im März '96 - Anmerkung von TJK] erschien auf alt.astrology ein Artikel, "Eine kurze Einleitung in die Geschichte der
Astrologie", der eine Menge Irrtümer enthielt. Wir vom Project Hindsight hielten es für eine gute
Idee, eine andere Sichtweise zu präsentieren. Wir erwarten nicht, daß jedermann die Sichtweise
dieses Aufsatzes akzeptiert, aber der Leser sollte sich dessen bewußt sein, daß sie von der
Mehrheit der verantwortungsbewußten Astrologiehistoriker geteilt wird (Damit will ich nicht
alle diejenigen verantwortungslos nennen, die nicht mit dieser Sichtweise übereinstimmen, auch wenn es die
zweifelsohne geben mag).
Für alle, die es noch nicht wissen: Project Hindsight ist eine Unternehmung, die nicht weniger
beabsichtigt als eine Übersetzung des vollständigen Korpus der erhaltenen griechischen
Astrologie sowie der mittelalterlichen lateinischen Tradition, soviel wie machbar ist. Wir
werden auch weiterhin Übersetzungen aus dem Hebräischen, dem Sanskrit, und hoffentlich auch
aus dem Arabischen anfertigen. Ich glaube behaupten zu können, daß unser kollektives Werk die
größte Sammlung an Material zur Astrologiegeschichte darstellt, die zur Zeit in englischer
Sprache existiert. Und deswegen glaube ich auch, daß wir wissen, wovon wir sprechen, auch
wenn wir möglicherweise auf der Grundlage dessen, was weitere Forschung zu Tage bringen
wird, unsere Ansichten revidieren müssen. Wir sind zu erreichen unter:
The Golden Hind Press
P.O. Box 002
Berkeley Springs, WV 25411
Tel. (304) 258-5873
oder
http://www.ProjectHindsight-TGHP.com
Einleitung
Die hier vorliegende Abhandlung beruht größtenteils auf gängigen akademischen Quellen, auch
wenn wir in einigen Bereichen, in denen die Quellenlage nicht eindeutig ist, eigene
Spekulationen vorstellen. Wir bringen solche Spekulationen nicht aus Lust und Laune, sondern
nur dann, wenn sie aufgrund innerer Stimmigkeit gerechtfertigt erscheinen, und sie werden
immer mit dem klaren Hinweis gekennzeichnet, daß es sich um Spekulationen handelt.
Man könnte, da wir aus westlichen akademischen Quellen schöpften, einwenden, daß diese
Abhandlung andere mögliche Sichtweisen nicht in Betracht ziehe, wie man sie beispielsweise
durch das Studium der indischen Astrologien gewinnen könne. Dieser Einwand mag berechtigt
sein, doch wir möchten dem Leser versichern, daß wir den akademischen Standpunkt zur
Astrologiegeschichte nicht unkritisch übernehmen. Wir versuchen, nur das zu akzeptieren, was
aufgrund innerer Stimmigkeit mit den Texten selbst vereinbar ist. Wir geben zu bedenken, daß
das, was wir hier sagen, nicht als endgültige Stellungnahme zu verstehen ist. Es gibt in der
Astrologiegeschichte noch so viel zu erforschen, insbesondere jetzt, wo sie gründlich von
Forschern untersucht wird, die ihrem Gegenstand nicht feindlich gesonnen sind.
Auf der Grundlage obiger Überlegungen ist die These des Autors, daß Astrologie, wie wir sie
kennen, nur einmal zu einer Zeit und an einem Ort entstand; der Ort ist Mesopotamien (etwa der
heutige Irak) und auf die Zeit kommen wir noch zu sprechen. Nach dieser Vorbemerkung muß
noch ein weiterer Punkt klargestellt werden: Was wir unter "Astrologie, wie wir sie kennen"
verstehen, ist Horoskop-Astrologie, d.h. eine Astrologie, die darauf abzielt, günstige Zeiten für
Handlungen zu wählen, Fragen zu beantworten, irdische Ereignisse vorherzusagen und das
individuelle Schicksal zu analysieren, und zwar mit Hilfe eines besonderen Instruments, dem
Thema, Genesis, oder Geburtshoroskop. Und dieses Horoskop hat einen bestimmten Grad oder
ein bestimmtes Zeichen, das den Ausgangspunkt der Analyse markiert. In der Regel handelt es
sich um den aufsteigenden Grad oder das aufsteigende Zeichen, auch wenn für bestimmte
Zwecke die Sonne, der Mond oder auch der Glückspunkt benutzt werden.
Der Grund für diese sehr spezifische Definition "Astrologie, wie wir sie kennen" liegt darin, daß
eine Astrologie in weiteren Sinne bei den alten Völkern fast universell und nicht auf eine Zeit
oder einen Ort als Ursprung beschränkt ist. Fast jedes alte Volk hatte irgendein System, den
Himmel zu Weissagungszwecken zu untersuchen: die amerikanischen Ureinwohner, die
Griechen (lange bevor sie der mesopotamischen Astrologie begegneten), die Völker Indiens, wer
auch immer Stonehenge und New Grange auf den britischen Inseln erbaute, und auch die
nordischen Völker, um nur einige zu nennen. Ein Großteil der Kontroversen um das Alter der
Astrologien verschiedener Völker beruht auf Unklarheit über diesen Punkt. Das Studium
himmlischer Omina ohne ein Horoskop konstituiert noch keine Astrologie, wie wir sie kennen.
Ursprünge in Mesopotamien
Mesopotamien, das "Land zwischen den zwei Flüssen", ist eine der sogenannten "Wiegen" der
Zivilisation, wie Ägypten, China, das Industal und Mittelamerika. Es scheint auch die älteste zu
sein. Anzeichen für eine städtische Zivilisation finden sich bereits um 4000 v. Chr. Die ersten
Menschen in dieser Region waren das Volk der sogenannten Ubaider. Wir wissen so gut wie
nichts über dieses Volk, außer daß zu einer recht frühen Zeit andere Völker in diese Region
einwanderten und sich mit ihnen vermischten. Dies waren die Sumerer, die sich bald durchsetzten
und deren Sprache die der Ubaider ersetzte. Die Sumerer erfanden die älteste bekannte Form der
Schrift, die Keilschrift, die durch Abdrücke von Keilformen in feuchten Ton aufgezeichnet wird.
Nach einer gewissen Zeit wanderten auch semitische Völker in diese Region. Die ersten davon
waren die Akkader, die um ihre Hauptstadt Akkad siedelten. Um 2330 v. Chr. besiegte Sargon
von Akkad die Sumerer und schuf das erste von verschiedenen semitischen Imperien, die nicht
nur Mesopotamien, sondern auch die Mittelmeerküste und schließlich sogar Ägypten
beherrschten. Die Sprache der Akkader war der direkte Vorläufer der assyrischen und
babylonischen Sprachen, die eigentlich nur Dialekte des Akkadischen sind.
Das akkadische Reich fiel im Jahre 2218 v. Chr. Danach kämpften verschiedene semitische und
andere Völker um die Vorherrschaft in diesem Gebiet. In diesem ständigen Kampf
unterschiedlicher Völker liegt der große Unterschied der mesopotamischen Zivilisation zu der
Ägyptens. In Ägypten bestand über Jahrhunderte hinweg ein relativer Frieden mit gelegentlichen
Unruheperioden, jedoch nicht dieses Chaos wie in Mesopotamien.
Etwas später im 2. Jahrhundert v. Chr. begannen zwei Völker die Vorherrschaft anzustreben, die
Babylonier im Süden, die viele Jahrhunderte lang kulturell dominierten, und die Assyrer im
Norden. Beide Gruppen hatten abwechselnd die Vorherrschaft inne, doch ganz allgemein läßt sich
sagen, daß die Assyrer meist politisch herrschten, während die Babylonier kulturell dominierten.
Tatsächlich benutzten die Assyrer sogar den babylonischen Dialekt des Akkadischen für ihre
offiziellen Aufzeichnungen.
Hier sind einige Daten der mesopotamischen Geschichte ab diesem Zeitpunkt. Alle Daten
beziehen sich auf das moderne System der Chronologie. Doch auch in aktuellen Quellen
variieren die Angaben. Die hier vorliegenden stammen aus Microsofts Encarta) von 1994.
- 1792-1750 v. Chr. Hammurabi einigt das Gebiet um Babylon
- 1350 v. Chr. Aufstieg des assyrischen Reichs
- 730-650 v.Chr. Das assyrische Reich kontrolliert ganz Mesopotamien, Teile von Persien,
Syrien, Palästina und Ägypten. Das ist insofern bemerkenswert, als daß Ägypten und Babylon
erstmals unter derselben Regierung sind.
- 612 v. Chr. Fall von Assyrien und Aufstieg des zweiten babylonischen Reichs. Das
babylonische Volk, das dies herbeiführte, war bekannt als das der Chaldäer, von daher die
Bezeichnung chaldäisches Reich.
- 539 v. Chr. Die Eroberung Babyloniens durch Persien. Zum zweiten Mal waren Ägypten und
Babylon unter einer Regierung.
- 331 v. Chr. Die Eroberung Mesopotamiens durch Alexander den Großen. Die ganze Region
wird durch die griechische Sprache und Kultur dominiert. Die Dynastie der Seleukiden, die von
Alexanders General Seleukos abstammte, beherrschte ein Gebiet, das Mesopotamien einschloß.
- 126 n. Chr. Die Parther, ein persischer Stamm, eroberten Mesopotamien.
- 227 n. Chr. Die Sassaniden, ein Volk aus Zentralpersien, besiegen die Parther und begründen
das zweite persische Reich oder Sassanidenreich.
- 635 n. Chr. Moslemische Araber besiegen das Sassanidenreich, und Mesopotamien kommt
unter die Herrschaft verschiedener Kalifate.
Bevor wir uns der Diskussion zuwenden, wie und wo die Astrologie entstand, geben wir eine
ähnliche Chronologie für Ägypten an:
- 3200 v. Chr. Erste Anzeichen starker politischer Kräfte im Niltal. Ebenso die ersten
Hieroglyphen. Die Anzeichen einer Hochkultur in diesem Gebiet reichen mehrere Jahrhunderte
zurück.
- ca. 2755-2255 v. Chr. Das Alte Königreich. Die Pyramiden stammen aus dieser Zeit. Der erste
Sonnenkalender wurde entwickelt.
- ca. 2255-2134 v. Chr. Interregnum.
- ca. 2134-1668 v. Chr. Das Mittlere Königreich.
- ca. 1668-1570 v. Chr. Das zweite Interregnum, die Periode des Hyksos; zu dieser Zeit
beherrschte eine wahrscheinlich semitische Völkergruppe Ägypten.
- 1570-1070 v. Chr. Das Neue Königreich. Dies ist die Zeit der Könige Amenhotep, Echnaton,
Tutenchamun und der verschiedenen Ramses. Man glaubt weithin, daß der Auszug der Israeliten
in dieser Zeit stattfand.
- 1070-671 v. Chr. Das dritte Interregnum. Verschiedene regionale Dynastien regierten. Im Jahr
671 v. Chr. eroberten die Assyrer vorübergehend Ägypten.
- 525 v. Chr. Die Perser besiegten den letzten einheimischen Herrscher Ägyptens.
- 332 v. Chr. Alexander der Große eroberte Ägypten. Dann kam es unter die Herrschaft der
Ptolemäer, die von Ptolemäus I abstammten, einem anderen General Alexanders.
- 30 v. Chr. Cleopatra, die letzte aus dem Geschlecht der Ptolemäer, stirbt und die Römer
übernehmen die Macht.
- Ägypten fiel schließlich unter arabische Herrschaft, zur gleichen Zeit, als das Sassanidenreich
besiegt wurde.
|