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Über den Autor:

Edgar Wunder ist ehemaliger Redaktionsleiter der GWUP-Zeitschrift "Skeptiker", und einer der Gründungsinitiatoren von Forum Parawissenschaften e.V., einem "Forum für einen konstruktiven kontroversen Dialog und Diskurs zu Parawissenschaften, Anomalien und außergewöhnlichen menschlichen Erfahrungen".

 

Autor: Edgar Wunder

Wilhelm Hartmann (1893-1965):
Astrologe und Berufsastronom

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Zur Einführung

Astronomen wollen üblicherweise mit Astrologen nichts zu tun haben, sie hegen für sie nur Geringschätzung. Umgekehrt sehen die meisten Astrologen die Astronomie als nicht sonderlich relevant für ihre Horoskopdeutungen an. Astronomen und Astrologen bilden zwei völlig getrennte soziale Welten, kein Weg führt von der einen in die andere. Jedenfalls fast keiner. Es gibt meines Wissens im gesamten 20. Jahrhundert in Deutschland nur einen einzigen Fall, in dem ein Berufsastronom zum Astrologen wurde (Hans-Hermann Kritzinger) und nur einen einzigen Fall, in dem ein bekannter Astrologe sich zum Berufsastronomen entwickelte (Wilhelm Hartmann). Hartmann und Kritzinger sind vor diesem Hintergrund historisch sehr interessante Persönlichkeiten.

Kritzinger, auf den hier nur zum Vergleich kurz eingegangen werden soll, hatte zu Beginn des Jahrhunderts in Berlin bei dem berühmten Astronomen Wilhelm Foerster studiert, auf dessen Initiative z.B. die Einheiten "Meter" und "Kilogramm" in Deutschland eingeführt wurden. Er schloss sein Astronomiestudium 1912 mit einer Promotion über den Großen Roten Fleck auf dem Planeten Jupiter ab und trat dann vor allem durch die erstmalige Formierung einer organisierten amateurastronomen Bewegung hervor: 1920 gründete er die "Internationale Gesellschaft der Liebhaber-Astronomen" (INGEDELIA, später nur noch GEDELIA, nachdem der internationale Anspruch aufgegeben wurde), die erste große überregionale Vereinigung von Amateurastronomen in Deutschland, die allerdings nur wenige Jahre Bestand hatte. Er beschäftigte sich dann als Fachastronom vor allem mit Ephemeriden für transplutonische Planeten, die er aufgrund von Kometen-Familien ermitteln zu können glaubte, war dann aber nur noch als Ingenieur tätig und neigte schließlich immer mehr mystischen Vorstellungen zu, bis er sich schließlich offen zur Astrologie bekannte und auch als Astrologe praktizierte. In dieser Tradition ist übrigens noch heute sein Sohn als bekannter "Reinkarnationstherapeut" tätig.

Während Kritzingers Zuwendung zur Astrologie ihn letztlich aus der Astronomie herausgeführte und er schließlich nicht mehr als Berufsastronom tätig sein konnte, durchlebte sein Zeitgenosse Wilhelm Hartmann, um den es in dieser Biographie gehen soll, genau die gegenteilige Entwicklung. Hartmann war zunächst Astrologe, er studierte dann erst Astronomie und wurde schließlich Leiter des Planetariums und der Sternwarte in Nürnberg, was er 30 Jahre lang bis zu seiner Pensionierung blieb. Dabei gab er die Astrologie keineswegs auf, er vertrat und praktizierte sie weiter, wenn auch meist mit einer gewissen öffentlichen Zurückhaltung, um nicht in all zu viele unangenehme Kontroversen verwickelt zu werden.

Zwei Lebensthemen standen im Zentrum des Wirkens von Wilhelm Hartmann: einerseits die Astrologie, andererseits die Entwicklung der Nürnberger Sternwarte, mit deren Schicksal Hartmanns Biographie auf das Engste verknüpft ist. Das prädestiniert mich in zweifacher Weise als Biograph: Einerseits war ich von 1988 bis 1994 selbst Vorstandsmitglied des heute die Nürnberger Sternwarte betreibenden astronomischen Vereins, andererseits beschäftige ich mich als Soziologe schon seit Jahren intensiv mit dem Wiederaufstieg der Astrologie im 20. Jahrhundert und ihren heutigen Erscheinungsformen als einem zeitgeschichtlich interessanten Phänomen. Beide Aspekte werden in die nachfolgende Biographie durch verschiedene, den historischen Kontext erläuternde Exkurse mit einfließen.

Besonders faszinierend an der Biographie Wilhelm Hartmanns ist, dass ihn seine beiden Lebensthemen "Astrologie" und "Nürnberger Sternwarte" zu einer nicht unproblematischen Verhältnisbestimmung zum Nationalsozialismus zwangen, denn beide Themen wurden in der NS-Zeit zu einem Spielball ideologischer Interessen, in die sich Hartmann verstricken ließ. So gerät Hartmanns Biographie nicht zuletzt auch zu einem aufschlussreichen Musterbeispiel für die historische Verquickung des Nationalsozialismus mit zeitgenössischen Formen des Okkultismus.

Die vorliegende Biographie Hartmanns entstand im Rahmen von noch nicht ganz abgeschlossenen Arbeiten zu einem Buch, das die Geschichte der Nürnberger Sternwarte von ihrer Entstehung bis in unsere heutige Zeit hinein darstellt. Sie ist zu weiten Teilen aus Auszügen aus diesem noch unveröffentlichten Buch zusammengesetzt, die für die Person Wilhelm Hartmanns relevant sind. Auf Quellenangaben wurde aus Gründen der besseren Lesbarkeit hier weitgehend verzichtet, entsprechende umfassende Quellenbelege werden aber in der genannten Buchveröffentlichung enthalten sein.

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