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Zurück ... Placidus = Placebo?!

von Michael Bauersfeld - bauersfeld@comsys.de


Eines der wichtigsten Instrumente bei der Horoskopdeutung ist das Felder- bzw. Häusersystem. Vorherrschend ist hierbei die Technik des Astrologen Placidus, die er im Mittelalter entwickelt hat. Sie wird in Deutschland fast überall gelehrt und praktiziert, ohne sich weiter Gedanken darüber zu machen. Daneben ist noch das Häusersystem von Koch erwähnenswert.

Gehen wir doch einmal unvoreingenommen an die Sache heran. Dabei ist es unsinnig, anhand von Horoskopbeispielen zu prüfen, ob nun diese oder jene Technik zu besseren Ergebnissen kommt. Die Vergleichsmöglichkeiten sind nämlich hierbei sehr eingeschränkt, weil nämlich die verschiedenen Richtungen in der Astrologie mit mehr oder minder sinnvollen Ergänzungen arbeiten. Konzentrieren wir uns also ganz konkret rein auf das Häusersystem des Placidus.

Ein jeder Astrologieanhänger kennt die unterschiedlich großen Häuser des Placidus, deren Aszendent die Spitze des 1. Hauses ist und der MC die Spitze des 10. Hauses. Die Größe der Häuser läßt dabei viel Platz für Interpretationen und auch Spekulationen. Diese sollen aber nicht unser Thema sein. Wir gehen einen Schritt weiter. Wir schauen uns zwei Seiten der Medaille an. Zunächst prüfen wir nüchtern, wie sich diese Technik in geläufigen Ausnahmefällen bewährt, ehe wir sie vom rein astrologischen Standpunkt aus betrachten. Der eine Ansatz ist also auf das Horoskop bezogen, der andere geht noch eins weiter und ist mehr astrologisch-theoretischer Natur.


Haben die Skandinavier keinen Sex?

Stellen wir uns vor, ein Kind wäre dieses Jahr am 02. Juli 1996 um 01:30 Uhr in Hammerfest geboren. Hammerfest ist im übrigen eine kleine Stadt im nördlichen Norwegen. Wie sieht nun das Geburtshoroskop aus?

Nun, der Aszendent ist bei rund 4 Grad Löwe, und wo finden wir den MC als Spitze des 10. Hauses? Er befindet sich bei rund 9 Grad Löwe! Es bleiben somit lediglich 6 Grad für die Zwischenhäuser. Das würde folgerichtig bedeuten, daß das Liebes- und Sexualleben (Fünfte und achte Haus) bei so einem Menschen völlig nebensächlich ist. Zudem tritt der unsinnige Fall auf, daß die Sonne als Regent des Löwen gleich über sage und schreibe sechs Häuser herrscht. Will man sklavisch am System des Placidus festhalten, ließe sich auch so ein Horoskop noch zum Deuten vergewaltigen. Als ein noch krasseres Beispiel sei das Horoskop von der Tochter des Polarforschers R. E. Peary erwähnt. Sie wurde am 12. September 1893 um 18:45 Uhr geboren. Nach der Placidusmethode würde auf das erste Haus das elfte, dann das zehnte und darauf das zwölfte folgen usw., also eine völlig unmögliche Häuserreihe ( berechnet von Prof. J. Benes).


Die Ausreden

Der Astrologe Chr. Schubert-Weller liefert in seinem Buch "Die astrologische Geburtszeitkorrektur" eine Erklärung, um das System von Placidus aufrechtzuerhalten. Er räumt ein, daß es Orte auf der Erde gibt, wo eine Berechnung nach dieser Methode unmöglich ist. Er bezeichnet jedoch diese Orte als Gebiete, in denen die Überlebensbedingungen extrem hart seien. Es seien schließlich die Polargebiete. Er mein daher, daß es keinen Sinn macht, "einfach die ... technische Projizierbarkeit von Erdhäusersystemen auf den Himmel zu fordern. ... es muß nur die Häusereinteilung derjenigen Erdorte diskutiert werden, die innerhalb eines natürlichen menschlichen Lebensraumes zwischen dem nördlichen und südlichen Polarkreis liegen". Diese Argumentation ist zweifelhaft, ja unwissenschaftlich. Wenn wir den Atlas zu Rate ziehen, erkennen wir, daß es einige größere Orte in diesen Regionen gibt, die keineswegs lebensfeindlich sind. Erwähnt seien hier nur Hammerfest oder Spitzbergen. Folgt man zudem die Argumentation von Herrn Schubert-Weller konsequent, so dürfte man kein Horoskop für die durch die Wüste ziehenden Beduinen erstellen, da ja dort diese Lebensbedingungen im Vergleich zum hohen Norden noch viel extremer und schwieriger sind. Die fundierte Astrologie muß einfach in der Lage sein, auch für die Bewohner in den Polarkreisen ein einwandfreies Horoskop zu erstellen.

Kommen wir also wieder auf dem Boden der Tatsachen zurück. Das Problem des Placidus liegt auf der Hand: Es kann nicht in den hohen Breiten verwendet werden. Unwillkürlich gelangt man dann aber zu der Frage, ob es denn überhaupt Sinn macht, mit solch einem fehlerhaften Instrumentarium zu arbeiten. Mit Ausflüchten kommen wir nicht weiter, gefordert sind Lösungen.


Der goldene Mittelweg

Wir beleuchten nun die ganze Angelegenheit vom astrologischen Standpunkt her. Der Berliner Astrologe Johannes Vehlow (1890-1956) hat in seinen Werk hergeleitet, daß alles in der Astrologie einen Beginn, einen Höhepunkt und ein Ende besitzt. Diese Herleitung ist kompliziert und würde den Rahmen dieses Artikels sprengen. Schauen wir doch daher einmal, inwieweit diese These in den wichtigsten Anwendungsgebieten der Astrologie bestätigt wird.

Wirkung eines Tierkreiszeichens:
Ein jeder Astrologe versichert, daß in der Mitte eines Zeichens die Wesensart am reinsten zum Ausdruck kommt, während es am Anfang bzw. Ende schon vom benachbarten Zeichen mit beeinflußt wird.
Bestätigt.

Stundenhoroskop:
Mit die wichtigste Komponente ist hier der Aszendent. Befindet sich dieser im Moment der Fragestellung am Anfang oder Ende eines Tierkreiszeichens, so ist die Zeit noch nicht gekommen bzw. bereits vorbei. Ist der Aszendent dagegen in den mittleren Graden postiert, so ist die Zeit reif für das Projekt. Auch hier finden wir also einen deutlichen Hinweis auf die große Bedeutung der Mitte.
Bestätigt.

Orben des Radix:
Ein jeder Orbis von einem Aspekt - egal welcher Größe - beginnt X Grad vor dem Planet und endet X Grad nach dem Planet, wobei der exakter Aspekt am stärksten wirkt. Anders ausgedrückt: Die Mitte eines Aspektes wirkt am kräftigsten!
Bestätigt.

Transite:
Hier gilt das gleiche wie für die Orben. Die Begriffe Beginn, Höhepunkt und Ende kommen sogar in den astrologischen Ausdrücken Applikation, Exaktheit und Seperation vor.
Bestätigt.


Anhand dieser Liste können wir erkennen, daß die Mitte stets am stärksten wirkt. Schauen wir uns nun einmal dahingehend die gängigen Häusersysteme an. Es besteht einhellig die Meinung, daß der Aszendent als Punkt von herausragender Bedeutung ist. Wo befindet sich dieser aber bei Placidus? Obwohl sonst in der Astrologie überall die Mitte die stärkste Wirkung zugeschrieben wird, befindet sich der Aszendent plötzlich an der Spitze des ersten Hauses. Folgen wir aber der inneren Logik der Astrologie, so ist dies ein Unding. Vielmehr muß der Aszendent die Mitte des 1. Hauses kennzeichnen, denn er wirkt ja schließlich auch vom Orbis her nach beiden Seiten.

Hilfskonstruktion von den Verteidigern des inäqualen Häusersystems versuchen dann, Planeten, die sich im 12. Haus nach Placidus befinden, gleichzeitig aber eine Konjunktion zum Aszendenten besitzen, umzudeuten. Das ist aber inkonsequent, denn dies würde ja schlußendlich bedeuten, daß der Aszendent mit dem Anfang bzw. Ende eines Hauses gleichzusetzen ist. Wie oben bereits belegt, treten nämlich bei den Tierkreiszeichen (die man auch als Haus auffassen kann) nur in den "schwächeren" Graden am Anfang und am Ende solche Vermischungen der Wirkungsweise auf. Da aber der Aszendent von so herausragender Bedeutung im Horoskop ist, kann er logischerweise nicht den Beginn eines Zeichens kennzeichnen, sondern muß seinen Platz in der Mitte des 1. Hauses besitzen.


Ein sinnvoller Vorschlag

Der Vorschlag von J. Vehlow ist nicht neu, sondern beruht vielmehr auf jahrtausendealten Erfahrungen und Wissen. Der geht den konsequenten Weg, daß der Aszendent die Mitte eines 30 Grad großen Hauses ist. Befindet sich z. B. der Aszendent bei 20 Grad Wassermann, so ist die Spitze des ersten Hauses bei 5 Grad Wassermann. Es reicht dann bis 5 Grad Fische. Auch allen anderen Häuser besitzen die Größe von 30 Grad. Diese äquale oder antike Manier kann auch ohne Schwierigkeiten in den hohen Polarbreiten angewandt werden. Der MC befindet sich auch nicht an die Spitze des 10. Hauses. Er ist unabhängig von den Häusern und kann beispielsweise auch ins neunte oder elfte Feld hineinfallen. Hier tun sich dann faszinierende Interpretationsmöglichkeiten über die Berufung eines Menschen auf.

Sicher, die Methode nach Placidus ist derzeit im deutschsprachigen Raum etabliert. Es hat aber aufgrund der oben aufgeführten Tatsachen tatsächlich nur eine "Placebo"-Wirkung. Oft werden die Unzulänglichkeiten des Systems durch die Deutungsqualitäten eines kundigen Astrologen kaschiert. Wir sollten aber gerade als Astrologieinteressierte mit offenen Augen durch die Welt gehen.

In den USA geht man im übrigen bereits vermehrt zur äqualen Manier über. Testen Sie doch das Häusersystem nach Vehlow. Es ist einfach, durchdacht und leicht nachvollziehbar.

Über Zuschriften, Meinungen und andere Anregungen zu diesem Artikel würde ich mich sehr freuen.


Im Oktober 1996

gez. Michael Bauersfeld


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